Tibet: Neue Zugstrecke bringt Shigatse China näher

Am vergangenen Wochenende wurde eine neue Eisenbahnstrecke in Betrieb genommen, die Lhasa mit Shigatse verbindet. Obwohl sie die Reisezeit zwischen den beiden größten Städten Tibets deutlich verringert, ist sie nicht unumstritten.

Die Tibet-Eisenbahn nahe Lhasa / Foto: Sven Hauberg

Über Jahrhunderte standen Lhasa, die tibetische Hauptstadt, und Shigatse, die zweitgrößte Stadt des Landes, in einem erbitterten Wettstreit um die politische Oberhoheit über das Dach der Welt. Der Dalai Lama mit seinem Sitz im Potala-Palast in Lhasa und der Panchen Lama, der im Kloster Trashilhünpo in Shigatse residierte, rangen um die Macht im Lande, zuletzt besonders heftig zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als man sich angesichts der neuen weltpolitischen Lage und des Vorrückens sowohl der Briten als auch der Chinesen nicht auf eine gemeinsame Linie einigen konnte. Der Rest ist Geschichte, Tibet gehört heute zu China, und beide Lamas sind de facto machtlos.

Immer näher ans „chinesische Mutterland“

Jetzt verbindet eine neue Eisenbahnlinie die beiden Städte, und bindet damit auch Shigatse immer fester an das „chinesische Mutterland“. Seit vergangenem Wochenende ist es möglich, von Peking oder Shanghai aus mit der Bahn bis nach Shigatse zu reisen.

Seit August 2006 können Reisende bereits mit der Qinghai-Tibet-Eisenbahn bis nach Lhasa fahren, in modernen Zügen mit Sauerstoffversorgung, so dass Höhen von über 5.000 Metern bequem überquert werden können. Nun wurde die Strecke verlängert. Eine neue, 251 Kilometer lange Trasse verbindet den bisherigen Endbahnhof Lhasa mit Shigatse. Die Fahrzeit beträgt dabei je nach Verbindung zwei bis drei Stunden. Am vergangenen Samstag verließ Zug K9821 pünktlich um 9 Uhr morgens den Bahnhof von Lhasa und fuhr um 11.59 Uhr in Shigatse ein – mit 828 Passagieren an Bord. Die neue Strecke ist die teuerste, die jemals in China gebaut wurde – kein Wunder, mussten doch enorme technische Herausforderungen bewältigt werden. Fast die Hälfte der Linie besteht aus Tunneln, Brücken oder Viadukten.

Die Strecke in der Kritik

Doch während die chinesische Propaganda die technische Meisterleistung feiert, sorgen sich Menschenrechtler um die Lage der tibetischen Bevölkerung. Die neue Eisenbahn könne zu einem weiteren Zuzug von Han-Chinesen in die bislang vornehmlich von Tibetern besiedelten Gebiete des Dachs der Welt führen, so die Baugegner. Auch die Ausbeutung von Bodenschätzen könnte in der ökologisch sensiblen Region vorangetrieben werden, befürchten Kritiker.

Und die chinesische Regierung hat bereits weitere Pläne für Eisenbahnstrecken in Tibet in der Schublade: Bereits Ende dieses Jahres soll mit dem Bau einer Strecke nach Nyingchi begonnen werden, einer Stadt rund 300 Kilometer östlich von Lhasa. Und auch eine Verlängerung der Linie von Shigatse bis an die Grenze zu Nepal wird debattiert. Beide Projekte sind umstritten, nicht nur, weil somit China seine Kontrolle über Tibet ausweiten könnte, sondern auch, weil die Eisenbahnlinien umstrittene Gebiete an der Grenze zu Indien tangieren.

 

Text: Sven Hauberg