“Ich fing bei Null an”

Der kanadische Zughersteller Bombardier begleitet die Volksrepublik ins Hochgeschwindigkeitszeitalter. Vorstandschef Zhang Jianwei über den Erfolg seines Unternehmens, Korruptionsprobleme und die Infrastruktur in China.

Bombardiers Hochgeschwindigkeitszug Zefiro

Herr Zhang, viele Kinder träumen in Deutschland davon, später einmal Lokführer zu werden. Faszinierten Züge Sie auch schon als Kind?

Zhang Jianwei: Ich bin kein großer Eisenbahn-Fan, dafür aber ein leidenschaftlicher Geschäftsmann. Kurzum: ich arbeite bei Bombardier, weil ich erfolgreich sein möchte.

Welchen Traumberuf hatten Sie als Kind?

Zhang Jianwei: Ich wollte Wissenschaftler werden. Deswegen studierte ich Ingenieurwesen, wobei ich mich auf Verbrennungsmotoren spezialisierte. In Kanada führten mich meine Qualifikationen schließlich zu Bombardier.

In Kanada machten Sie den Master of Business Administration, später promovierten Sie. Warum zog es Sie dafür ins Ausland?

Zhang Jianwei: Damals gab es den akademischen Grad des MBA in China noch gar nicht. Um ihn zu erlangen, musste man zwangsläufig ins Ausland gehen. Weil ich praktische Erfahrung sammeln wollte, heuerte ich in Kanada bei Bombardier an.

Sie blieben dem Unternehmen bis heute treu. Das ist sehr ungewöhnlich für chinesische Manager.

Zhang Jianwei: Ich arbeite seit 18 Jahren für Bombardier, obwohl ich viele Angebote anderer Unternehmen hatte. Der Grund dafür ist ganz einfach: Bombardier China ist mein Baby. Man bat mich, das Chinageschäft ab 1999 aufzubauen. Dafür zog ich mit meiner Familie zurück nach China.

Dabei hatten Sie sich bereits an die neue Heimat in Kanada gewöhnt, bekamen sogar die kanadische Staatsbürgerschaft.

Zhang Jianwei: Was mir beruflich nicht nur Vorteile verschaffte. Die Chinesen halten mich für einen Kanadier. Und die Kanadier denken, ich sei Chinese. Ich muss mir das Vertrauen beider Seiten jedes Mal aufs Neue erarbeiten.

Zhang Jianwei im Interview

Wie muss man sich die Anfänge von Bombardier in China 1999 vorstellen?

Zhang Jianwei: Ich fing bei Null an. Ich war völlig auf  mich allein gestellt, ohne Mitarbeiter und ohne Büro. Ich arbeitete von Zuhause aus, häufig die ganze Nacht wegen der Telefonate mit der Zentrale in Kanada. Auf dem Papier existierte bereits ein Joint Venture in Qingdao, doch bis zum ersten fertigen Zug war es noch ein langer Weg.

Und heute ist Bombardier der erfolgreichste internationale Zughersteller in China.

Zhang Jianwei: Als Pionier am Markt stellte sich unser Erfolg langsam aber stetig ein. Wir wuchsen gemeinsam mit dem Ausbau des Schienennetzes in China. Wir lieferten die ersten schnelleren Langstreckenzüge, versorgten Chinas Großstädte mit U-Bahnen und bauen heute die bekannten Hochgeschwindigkeitszüge. Bis heute sind wird der einzige internationale Zughersteller, der nicht nur Komponenten liefert, sondern fertige Produkte direkt für das Eisenbahnministerium produziert.

Folglich sind Ihre Hauptkonkurrenten chinesische Hersteller.

Zhang Jianwei: Ja, und die Konkurrenz ist hart. Denn bei der Vergabe der Projekte geht es auch um nationale Interessen. Das spielt den chinesischen Wettbewerbern natürlich in die Hände.

Obwohl Sie ebenfalls vor Ort produzieren.

Zhang Jianwei: Nicht nur das, wir entwickeln die Züge auch in China. Die chinesischen Ingenieure arbeiten dabei sehr eng mit den kanadischen und europäischen Kollegen zusammen.

Wie gehen Sie mit dem Transfer von Technologien um?

Zhang Jianwei: Der Technologietransfer birgt für uns weniger Risiken als vielmehr Chancen. Weil jeder Zug eine Spezialanfertigung ist, kann man unsere Produkte nicht einfach kopieren. Und weil wir für den chinesischen Markt spezialisierte Produkte entwickeln, müssen wir unbedingt vor Ort forschen und fertigen.

Ein U-Bahn-Zug von Bombardier im Untergrund

Wie laufen die Verhandlungen mit dem chinesischen Staat ab?

Zhang Jianwei: Wie andere Verhandlungen auch. Man muss sich über die Bedürfnisse und Wünsche des Kunden im Klaren sein. Diese gilt es mit den eigenen Forderungen zu in Einklang zu bringen.

Allerdings ist das Eisenbahnministerium berüchtigt für seine Bestechlichkeit.

Zhang Jianwei: Für uns war das nie ein Thema. Darauf bin ich sehr stolz. Zudem verzichten wir auf Mittelsmänner. Deswegen garantiere ich, dass Bombardier niemals Bestechungsgelder bezahlt hat. Mit unseren Produkten haben wir das auch nicht nötig.

Was schätzen die Chinesen an Ihren Produkten?

Zhang Jianwei: Zunächst natürlich die Qualität. Außerdem ist Bombardier bekannt für fortschrittliche und innovative Produkte. Und wichtig ist auch, dass auf uns Verlass ist. Wir halten unsere Versprechen. Dazu kommt der direkte Kundenkontakt, den wir pflegen. Wir sorgen dafür, dass der Kunde genau das bekommt, was er braucht.

Wie wichtig ist den Chinesen der ökologische Fußabdruck Ihrer Produkte?

Zhang Jianwei: Energieeffizienz ist ihnen sehr wichtig. Das ist aber in erster Linie eine Kostenfrage. Dennoch ist die Regierung bemüht, die Umweltverschmutzung in den Griff zu bekommen.

Ihre Hochgeschwindigkeitszüge vom Typ Zefiro können bis zu 380 km/h fahren. 2012 kam es in Wenzhou jedoch zu einem schweren Unglück, in Folge dessen die Geschwindigkeit auf Chinas Strecken gedrosselt wurde.

Zhang Jianwei: Allerdings nur temporär. Ich glaube, dass sich das bald wieder ändern wird.

Haben die Chinesen beim Bau der Strecke gepfuscht?

Zhang Jianwei: Nein, die Strecken befinden sich im ausgezeichneten Zustand. Ein Blitzeinschlag führte zu einem Signalfehler. Der Unfall hätte unter normalen Umständen niemals passieren können.

Ihre Züge standen nach dem Unglück ebenfalls in der Kritik.

Zhang Jianwei: Die Chinesen wollten öffentlichkeitswirksam reagieren, deswegen auch die Drosselung. Um die Sicherheit unserer Züge sicherzustellen, lassen die Chinesen unsere neuen Modelle zudem strenger testen, als jedes andere Land der Welt es jemals tat. Der neue Zefiro muss derzeit 600.000 Kilometer fehlerfrei auf Originalstrecken zurücklegen, bevor er in Betrieb genommen wird.

Höhenzug in Tibet

Die Hochgeschwindigkeitszüge sind oft Tage im Voraus ausgebucht. Noch schlimmer wird es zum Frühlingsfest, wenn die halbe Bevölkerung in die Heimat reist und die Infrastruktur lahm legt. Wie bekommt man dieses Problem in den Griff?

Zhang Jianwei: Die Chinesen sind bereits auf einem guten Weg. Früher war die Situation viel schlimmer. Heute muss man sich nur rechtzeitig um die Reise kümmern. Als Student hatte ich damals kaum eine Chance, von Tianjin in meine Heimat nach Heze in Shandong zu reisen. Man musste ewig für die Tickets anstehen. Zudem war die Reise sehr beschwerlich. Teilweise gab es nur Stehplätze in den langsamen Zügen. Doch auch heute noch ist das Frühlingsfest eine Belastungsprobe für die Infrastruktur. Eine Lösung dafür gibt es wahrscheinlich nicht. Es lohnt sich einfach nicht, die Infrastruktur nur wegen des Frühlingsfestes aufzublähen.

Wie fahren Sie am Frühlingsfest zu Ihren Verwandten?

Zhang Jianwei: In meiner Position bleibt leider keine Zeit, in die Heimat zu fahren.

Haben Sie einen 24-Stunden-Job?

Zhang Jianwei: Ja. Das ist ein grundsätzlicher Unterschied zum Westen. Die chinesischen Kunden interessiert es nicht, ob man Urlaub hat. Die beste Zeit zum Verhandeln ist für mich sowieso die Freizeit. Man kann sich in lockerer Atmosphäre zum Essen oder Tee treffen, oft auch am Wochenende.

Wann waren Sie das letzte Mal im Urlaub?

Zhang Jianwei: Im Mai verbrachte ich einige Tage bei Verwandten in Montréal.

Wohin würden Sie noch gerne in den Urlaub fahren?

Zhang Jianwei: Darüber mache ich mir keine Gedanken, ich habe ohnehin kaum Zeit. Vor ein paar Jahren musste Bombardier mich sogar zu einem Urlaub auf Hawaii überreden, den ich jedoch nach zwei Tagen abbrach, um mich um Lieferengpässe zu kümmern.

Mit welchen Verkehrsmitteln reisen die Chinesen innerhalb Chinas?

Zhang Jianwei: Der Eisenbahnverkehr hat eine lange Tradition in China. Das ist vor allem der Größe des Landes geschuldet. Nur kurze Distanzen werden mit dem Auto zurückgelegt. Bei Strecken mit einer Länge bis 1.000 Kilometern nehmen die meisten Leute den Zug, auch weil die Flüge oft verspätet sind. Für längere Wege nimmt man in der Regel das Flugzeug.

Wie reisen Sie zu Ihren Terminen?

Zhang Jianwei: Ich bevorzuge es, zu fliegen.

Und mit welcher Airline?

Zhang Jianwei: Das hängt von meinem Terminplan ab. Grundsätzlich sammle ich Meilen bei allen Airlines. (lacht)

Zhang Jianwei vor dem Modell einer Bombardier-Maschine

In Ihrer Jugend wurden Sie Mitglied der Kommunistischen Partei. Dort arbeiteten Sie sich schnell nach oben. Wie kam es dazu?

Zhang Jianwei: 1974 beendete die Oberschule, da war ich etwa 16 oder 17. Wie viele junge Intellektuelle aus der Stadt, wurde ich zum Arbeitsdienst aufs Land geschickt. Dort lernte ich, wie schwer das Leben für die Arbeiter und Bauern war. Auf den Feldern muss ich die Bauern beeindruckt haben. Sie empfahlen mich bald bei der KP für höhere Aufgaben. Und so kam die Partei auf mich zu und bat mich um eine Bewerbung.

Sind Sie immer noch Parteimitglied?

Zhang Jianwei: Nicht mehr. In Kanada nahm ich die kanadische Staatsbürgerschaft an und verlor die Parteimitgliedschaft.

Welche Vorteile brachte das damals?

Zhang Jianwei: Damals war die Parteimitgliedschaft ein Zeichen für die herausragende Arbeit, die man leistete. Nur die besten konnten Mitglied werden. Deswegen träumten viele davon. Doch man musste hart dafür arbeiten und von den Kollegen geschätzt werden. Denn nur auf die ausdrückliche Empfehlung der Mitmenschen war es möglich, überhaupt Mitglied zu werden.

Herr Zhang, vielen Dank für das Gespräch.

Dr. Zhang Jianwei, 56, ist Vorstandsvorsitzender von Bombardier in China. Zhang stammt aus Heze in der Provinz Shandong. Anfang der 80er Jahre studierte er Ingenieurwesen in Tianjin. Später erwarb er seinen MBA in Montréal, wo er 1996 zudem promovierte. 1995 begann er als Projekt-Manager bei Bombardier und blieb dem Unternehmen bis heute treu.

Bombardier ist ein kanadischer Hersteller von Schienenverkehrstechnik, Regionalverkehrsflugzeugen und Business-Jets. Bombardier beschäftigt weltweit mehr als 70.000 Mitarbeiter in 60 Ländern und erwirtschaftete 2012 einen Umsatz von 16,8 Milliarden US-Dollar. Nach Boeing und Airbus ist das Unternehmen der drittgrößte Flugzeughersteller der Welt. Im Bereich der Schienenfahrzeugtechnik ist Bombardier Weltmarktführer. Seit 1999 ist das Unternehmen in China präsent.

 

DIE BAHN IN CHINA

Das Eisenbahnnetz Chinas ist mit einer Länge von 110.000 Kilometern das längste in Asien und das fünftlängste der Welt. Im Verhältnis zur Größe des Landes ist das Streckennetz jedoch relativ schwach ausgebaut. Deswegen sollen bis 2020 weitere 450 Milliarden Euro investiert werden.

Bereits nach der Jahrtausendwende wurde der Ausbau des Schienennetzes massiv vorangetrieben. Der Entwicklungsplan wurde zu einem wesentlichen Bestandteil des staatlichen Konjunkturprogramms. Durch die Modernisierung können die Hochgeschwindigkeitszüge die 1.300 Kilometer zwischen Peking und Shanghai in nur 4 Stunden zurücklegen. Jedoch existieren auch heute noch marode Strecken ohne elektrische Oberleitung. Außerdem sind vereinzelte Großstädte noch akut unterversorgt.

 

Interview: Verena Weber & Adrian Kummer / Fotos: Bombardier