Der Herr der Hummeln

In China steigt die Angst vor chemisch belasteten Lebensmitteln. Sogar nach Deutschland schafften es Erdbeeren mit Noroviren. Peter Liu, Geschäftsführer von Koppert Biological Systems in China, versucht dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Mit umweltfreundlichen Methoden für Landwirtschaft. Ein Gespräch über Ökologie und die chinesische Geschäftskultur.

Herr Liu, Ihr Arbeitgeber verschickt Hummelvölker in Kartons. Was hat es damit auf sich?

Peter Liu: Koppert ist ein holländisches Unternehmen, das biologischen Pflanzenschutz, Düngemittel und natürliche Bestäubung für die Landwirtschaft anbietet. Vor drei Jahren brachten wir unsre dunklen Erdhummeln zu Bestäubung auch nach China.

Züchten Sie die Hummeln vor Ort?

Peter Liu: Nein. Die Hummeln stammen aus Holland und wir importieren sie nach China.

Völlig problemlos?

Peter Liu: Am Anfang war das nicht ganz einfach. Bei jedem Import mussten die chinesischen Behörden von neuem ihre Zustimmung erklären. Mit Hilfe der niederländischen Regierung konnten wir die Chinesen jedoch davon überzeugen, den Import der Hummeln zu legalisieren, was unsere Arbeit enorm erleichterte. Allerdings ruft die Legalisierung auch unsere Wettbewerber auf den Plan.

Gibt es denn Wettbewerber vor Ort?

Peter Liu: Bisher nicht viele. Es gibt Hummelimporteure aus den Staaten und aus Europa, aber die hinken noch sehr weiter hinterher. Wir sind die Pioniere am Markt, wenn wir über biologische Düngemittel und umweltfreundlichen Pflanzenschutz sprechen.

Und chinesische Konkurrenten?

Peter Liu: Nicht in unserem Feld. Leider muss ich sagen, dass viele Chinesen auf der einen Seite sehr klug und auf der anderen sehr dumm sein können. Beides aus dem gleichen Grund: sie möchten nur schnelles Geld verdienen, was am schnellsten durchs Kopieren geht. Auf diese Weise kann man nie international voll konkurrenzfähig werden.

Wie kommen Ihre ökologischen Produkte bei den chinesischen Landwirten an?

Peter Liu: Über die Hummeln wusste Akademiker und Experten Bescheid, aber für die Landwirte an sich waren unsere Produkte und Methoden zunächst völlig unbekannt.

Warum vertreiben Sie Ihre Produkte in China, obwohl sie hier auf so wenig Resonanz treffen?

Peter Liu: Weil sich die Politik Chinas derzeit verändert. In den letzten Jahren hat man gemerkt, wie wichtig umweltfreundliche Technologien sind, gerade in Bezug auf saubere Nahrungsmittel.

Nicht nur in der Politik, auch in der chinesischen Bevölkerung scheint das Thema Ökologie mittlerweile angekommen zu sein.

Peter Liu: In nur kurzer Zeit hat die Bevölkerung ein sehr großes Umweltbewusstsein entwickelt. Plötzlich gibt es selbst in entlegenen Provinzen im Westen China Proteste gegen Industrieprojekte. Im ganzen Land fordern die Menschen die Schließung von Chemiefabriken. Noch erstaunlicher ist, dass die Regierung auf die Proteste reagiert und auf die Belange der Bevölkerung hört. So etwas gab es bis dato gar nicht im chinesischen Hierarchieverständnis.

Weil die Thematik auch bei den Oberen angekommen ist.

Peter Liu: Genau.

Das gibt Ihnen sicherlich Selbstvertrauen für die eigene Arbeit.

Peter Liu: Auf jeden Fall. Aber alle Veränderungen, die China gerade durchmacht, machen die Arbeit hier zu einer spannenden Herausforderung. Die Arbeit des Managers hat sich durch die gesellschaftliche Entwicklung ebenfalls gewandelt. Heute müssen die Mitarbeiter, vor allem die einfachen Arbeiter, viel mehr respektiert werden. Sie lassen sich schon lange nicht mehr alles gefallen, was ich persönlich sehr gut finde.

Bei allem Wandel; der rapide Aufschwung Chinas scheint derzeit etwas abzuklingen.

Peter Liu: Im Westen kann man sich nach wie vor nicht richtig vorstellen, in welchem Maß die Wirtschaft hier immer noch wächst. Für letztes Jahr gab ich bei einem Meeting eine Wachstumsprognose von 2.000 Prozent für unser Chinageschäft ab und niemand wollte mir glauben. Am Ende lag unser Wachstum bei über 3.000 Prozent.

Welche Rolle spielt der Name Koppert beim Vertrieb?

Peter Liu: Eine sehr wichtige. Unsere Kunden kennen die Marke und wissen, dass sie für Qualität aus dem Westen steht.

Wie genau verkaufen Sie die Produkte an Ihre Kunden? Bei der Menge an Landwirten, die China zu bieten hat, können sie doch nicht jeden einzeln ansprechen.

Peter Liu: Tatsächlich wäre es unmöglich, den Vertrieb der Ware direkt mit den Landwirten zu regeln. Deshalb sprechen wir die regionalen Händler an. So viel Vertriebspersonal könnten wir uns gar nicht leisten.

Dabei gilt chinesisches Personal als besonders fleißig. Sind die Chinesen dem Westen in Sachen Fleiß und Ehrgeiz voraus?

Peter Liu: Das könnte für den Westen tatsächlich zu einem Problem werden. Das ist nicht nur eine Frage der Einstellung, sondern auch der Arbeitsweise. Chinesen arbeiten im Schnitt drei Mal effizienter als Westler. Die hier lebenden Expats ärgern sich bereits, wenn sie freitags spät Feierabend haben, und weigern sich, an den Wochenenden zu arbeiten.

Arbeitsleben und Privates sind in China schon immer sehr eng miteinander verwoben. Wie regeln Sie Ihre Work-Life-Balance persönlich?

Peter Liu: In meiner Position muss man Prioritäten setzen. Ich treffe mich in der Freizeit zum Beispiel nicht mit jedem Geschäftspartner, sondern nur mit Top-Leuten.

Viele behaupten, die alte 24/7-Mentalität würde langsam verdrängt.

Peter Liu: Das stimmt, weil wir uns am Westen orientieren. Freie Sonntage haben sich immerhin schon einigermaßen durchgesetzt.

Ist es bei all den Verpflichtungen nicht schwer für Sie, sich zu motivieren?

Peter Liu: Überhaupt nicht. Die Arbeit ist mein Leben. Meine Frau und ich haben keine Kinder und sie ist auch ständig unterwegs. Ich wüsste gar nicht, was ich mit anfangen sollte, wenn ich nicht arbeiten könnte.

Und wenn Sie eine Auszeit brauchen?

Peter Liu: Wir fahren ins Ausland und machen Urlaub, besuchen Freunde in Europa und Amerika. Und dann gibt es noch Kalligrafie, Literatur, Essen und Kunst. Mir wird nicht langweilig, keine Angst.

Herr Liu, vielen Dank für das Gespräch.

 

Interview: Kai Deininger & Adrian Kummer / Fotos: Wang Bo

Dieser Artikel wurde noch nicht kommentiert.

Kommentieren