Braucht China wirklich Innovation?

Die chinesische Regierung und internationale Experten sind sich einig: Um weiter wachsen zu können, muss Chinas Wirtschaft innovativer werden. Die Regierung fördert die Innovation deshalb mit allen Kräften. Doch ist das überhaupt nötig?

China ist auf dem besten Weg, innerhalb der nächsten 20 Jahre die größte Volkswirtschaft der Welt zu werden – ein Spitzenplatz, den die Chinesen während der meisten Zeit ihrer 2.000 Jahre alten dokumentierten Wirtschaftsgeschichte inne hatten. Aber wie wir Chinas Wirtschaft künftig aussehen? Wird die Volksrepublik die billige Werkbank für den Rest der Welt bleiben oder wird sie lernen, hochwertigere Produkte zu entwickeln und so selbst eine hoch entwickelte Wirtschaft zu werden? In anderen Worten: Wird China ein weiteres Brasilien sein, das seit mehr als 50 Jahren auf einem mittleren Einkommensniveau stagniert? Oder wird das Land sich mehr wie seine ostasiatischen Nachbarn Hong Kong, Japan, Südkorea und Taiwan entwickeln, die alle der sogenannten Middle Income Trap entfliehen konnten?

 

Ist China unfähig zur Innovation?

Die meisten Beobachter glauben, dass sich der Übergang Chinas vom Billig- zum Qualitätsstandort anhand dessen entscheiden wird, ob das Land lernen wird, zu innovieren statt nur zu imitieren. In Peking glaubt man jedenfalls fest daran. Die Chinesen versuchen deswegen die einheimische Innovation massiv anzukurbeln: mit Forschungsparks im Silicon Valley Stil, grüner Energie, anderen vorwärtsgerichteten Technologien und natürlich mit der Strategie, den Westen zum Technologietransfer zu “ermutigen”. Tatsächlich sind die chinesische Führer davon besessen, mit dem Westen nach dem eigenen schmachvollen Absturz Ende des 19. Jahrhunderts wieder mithalten zu können. Die fortwährende Unfähigkeit, aufzuholen – von den Misserfolgen wirtschaftlicher und militärischer Reformen der Tongzhi-Restauration in den 1870er Jahren bis zu Maos desaströsem Großen Sprung nach vorn - befeuert eine spürbare Scham und Verbitterung, die viel über Chinas Politik und Zeitgeist auszusagen vermag.

SciencePark

Forschungspark im Pekinger Bezirk Daxing / Foto: HDR Architecture

Obwohl die Chinesen hinter den USA und Japan das meiste Geld für Forschung und Entwicklung ausgeben, blieben die Versuche Chinas, ein globaler Innovationsmotor zu werden, von mäßigem Erfolg gekrönt. Die wirtschaftlichen Vorhaben des Landes scheitern öfter als dass sie gelingen, und während die Zahl der national angemeldeten Patente stark wächst, werden nur wenige außerhalb des Landes angemeldet, was Anlass zum Zweifel an ihrem wahren Wert gibt. Sogar Chinas innovativste Unternehmen wie Haier, Huawei oder Lenovo sind viel besser darin, günstige Version bestehender Produkte herzustellen als wirklich bahnbrechende Innovationen hervorzubringen. Tatsächlich fiel China kürzlich um einen Platz auf Rang 35 im Globalen Innovations-Index zurück – und liegt damit nicht nur hinter beständigen Innovationsführern wie Finnland, der Schweiz oder den USA, sondern auch hinter anderen asiatischen Ländern wie Hong Kong, Japan, Singapur, Südkorea und sogar Malaysia.

 

Der Staat hemmt die Innovationskraft

Experten haben für diese Innovationsprobleme mehrere Erklärungen gefunden: von der konformistischen konfuzianischen Kultur über das starre Bildungssystem bis hin zu den zügellosen Patenrechtsverletzungen und der starken Einflussnahme der Regierung. Allerdings geht es gar nicht darum, wie China dieses Probleme bewältigen und selbst zum Innovator werden kann. Die wirkliche Frage ist, ob Innovation wirklich nötig für den Erfolg chinesischer Unternehmen ist – zumindest im nächsten Jahrzehnt.

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Prestigeprojekt Denza, ein Elektroauto von BYD im Joint-Venture mit Daimler / Foto: Denza

Doch eins nach dem anderen. Der oft zitierte Vorwurf, Chinesen seien kulturell unfähig zur Innovation, ist natürlich absoluter Unsinn. Einige der wichtigsten Erfindungen der Menschheitsgeschichte stammen aus dem konfuzianischen China, unter anderem der Kompass, Schießpulver, Papier und die Drucktechnik. Darüber hinaus sind chinesische Forscher und Wissenschaftler heute in Führungspositionen auf der ganzen Welt beschäftigt, unter anderem im Silicon Valley. Der ähnliche Vorwurf, dass Chinas Bildungssystem sich zu sehr auf Quantität und Auswendig statt auf Qualität und Kreativität konzentriert stimmt vermutlich, jedoch übertreffen chinesische Schüler und Studenten ihre westlichen Gegenspieler bei OECD-Tests normalerweise in Mathe, Naturwissenschaften und Übungen zum Leseverständnis.

Weitaus überzeugender sind die Argumente, dass Patentverletzungen und der ständige Eingriff der Regierung Chinas Innovationskraft beeinträchtigen. Beispielsweise schmerzt Chinas Versagen, geistiges Eigentum angemessen durch Gesetze zu schützen, nicht nur ausländische Unternehmen, sondern bietet auch für seine eigenen Unternehmen keinerlei Anreiz in langfristige Forschung und Produktentwicklung zu investieren. Zusätzlich bevorteilen die großzügigen Innovationshilfen für einheimische Unternehmen bürokratische Staatsunternehmen gegenüber privaten Akteuren in Märkten mit begrenztem Potenzial, wie z.B. dem Markt für Elektroautos.

 

Erst das Gehen lernen, dann das Rennen

Dennoch sind das alles typische Herausforderungen für sich wandelnde Volkswirtschaften, die mit der Zeit wahrscheinlich verschwinden werden. So gaben zwei Drittel der befragten internationalen Unternehmen bei der letzten China Innovation Survey von Booz & Company an, dass einige ihrer chinesischen Konkurrenten bereits so innovativ seien wie ihr eigenes Unternehmen. Zudem haben chinesische Unternehmen weniger Angst, Fehler zu begehen, und weniger Hemmungen, zu scheitern drohende Innovationsprojekte schnell ad acta zu legen. Und weil sie immer innovativer werden, wollen chinesische Unternehmen ihr geistiges Eigentum zunehmend rechtlich schützen lassen – nicht nur in China, sondern auch im Ausland.

Wichtiger ist jedoch, dass die Frage, ob China überhaupt zum Innovator taugt, nicht einmal annähernd so wichtig ist, wie viele Beobachter glauben – zumindest nicht im Hinblick auf bahnbrechende Innovationen. Der Grund dafür liegt darin, dass die meisten chinesischen Unternehmen sich in global weit entwickelten Märkten bewegen und nicht den Anschluss an die internationale Konkurrenz verlieren dürfen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Es ist ein schrittweiser Prozess, mit der Zeit Fähigkeiten für ein späteres Weltniveau zu entwickeln – wie bei einem Kind, das zunächst das Krabbeln lernen muss, bevor es gehen und später sogar rennen kann.

 

Wie China sein Potenzial nutzen kann

In anderen Worten: auf dieser Stufe der wirtschaftlichen Entwicklung braucht China wesentlich dringender exzellente Produzenten als bereits innovative Unternehmen. Nachdem die Chinesen bereits gelernt haben, wie man relativ einfache Güter für internationale Unternehmen produziert, müssen sie als nächstes lernen, wie man komplexere Produkte fertigt. Zusätzlich müssen sie neue Kenntnisse im Bereich der höheren Organisation erwerben, zum Beispiel wie man Strategien formuliert, Markenwelten gestaltet, Beziehungsmarketing betreibt, Systeme integriert und Leistungen kontrolliert.

Haier

Erfolgsmodell Haier: “Innovativ und elegant” / Foto: Haier

Gleichzeitig sollten die Chinesen mit ihren Innovationsbemühungen vor allem Produkte für den lokalen Markt anpassen und erfolgreiche Geschäftsmodelle übernehmen. Diese Maßnahmen werden zu einem größeren Angebot führen und dabei zu Vorteilen für chinesische Hersteller, die sich mit Chinas Größe und den oft einzigartigen Marktbedingungen besser zurechtfinden. Schließlich bilden diese Faktoren eine natürliche Eintrittsbarriere gegen die eigentlich besser aufgestellten internationalen Unternehmen. Diese Strategie wird wesentlich effektiver sein, als Silicon Valleys Erdrutsch-Innovationen zu früh nachzuahmen. Als Vorbild können Hyundai und Caterpillar dienen, die sich im Gegensatz zu Google und Apple vor allem durch die stufenweise Weiterentwicklung bereits existierender Produkte im Wettbewerb halten.

Erst wenn chinesische Unternehmen Produkte auf bestem Niveau produzieren können, sollten sie ihren Fokus auf Spitzenforschung und die Entwicklung bahnbrechender Produkte legen. Bis dahin werden ein paar mehr Haiers, Huaweis oder Lenovos aber auch schon reichen.

 

Der Artikel erschien im Online-Magazin strategy + business der Unternehmensberatung Booz & Company.

Text: John Jullens / Übersetzung: 21China