Xinjiang: Staat zahlt Geldprämie für gemischte Ehen

Ein Bezirk in Xinjiang will Ehepaaren aus Han-Chinesen und Uiguren 10.000 RMB jährlich zahlen – und so die „Einheit der Ethnien“ fördern.

Propaganda-Plakat in Xinjiang / Foto: Sven Hauberg

Sollte der alte Grundsatz der chinesischen Propaganda auch in Xinjiang gelten, nach dem ein Problem umso größer ist, je mehr es geleugnet wird, dann dürften ethnische Spannungen in der nordwestlichen Provinz allgegenwärtig sein. Denn egal ob in der Hauptstadt Urumqi oder auf dem flachen Land: Überall preisen riesige Banner die Einheit und den Zusammenhalt der verschiedenen Ethnien.

Und tatsächlich: Das Zusammenleben zwischen den seit Jahrhunderten hier ansässigen Uiguren und den vielen, meist erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zugewanderten Han-Chinesen, ist nicht frei von Spannungen. Die Uiguren fühlen sich unterdrückt von den Han, die oft Schlüsselpositionen in Wirtschaft, Politik und Verwaltung innehaben. Die Reaktion der Uiguren: Resignation – oder Gewalt. Mehrmals wurden Xinjiang und andere Teile Chinas in den vergangenen Jahren von blutigen Terroranschlägen uigurischer Separatisten erschüttert. Besonders das Messerattentat am Bahnhof von Kunming, bei dem 33 Menschen starben, ist in trauriger Erinnerung geblieben.

10.000 RMB Geldprämie über fünf Jahre

Um das friedliche Zusammenleben der beiden Ethnien zu fördern, geht der Kreis Qargan (chinesisch: Qiemo) im Südosten von Xinjiang jetzt einen besonderen Weg. Neuverheiraten Paaren soll ein Hochzeitspaket übergeben werden, das Geldzahlungen von jährlich 10.000 RMB (rund 1.240 Euro) über einen Zeitraum von fünf Jahren beinhaltet, außerdem Zuschüsse zum Wohnungsbau und zu Gesundheitsausgaben. Voraussetzung für den Geldsegen: Einer der Ehepartner ist ein Han-Chinese, der andere Angehöriger einer ethnischen Minderheit. Obwohl in Xinjiang zwar auch etwa Mongolen und Kasachen leben, zielt die Initiative doch klar erkennbar auf Ehen ab, in denen ein Partner Uigure ist.

“Wir haben alle dieselbe Liebe in unseren Herzen!”

„Ethnien unterscheiden sich nur in Bezug auf Sprache und Bräuche, aber über unseren Köpfen haben wir alle denselben blauen Himmel, unter unseren Füßen dasselbe fruchtbare Gras und dieselbe Liebe in unseren Herzen“, formuliert Yasen Nasi’er, ein Parteioffiziellere aus der Region, die Grundlagen des Programmes bei dessen Vorstellung. „Ich glaube, dass eine Heirat zwischen ethnischen Gruppen eine Basis der chinesischen Kultur ist und den Austausch, die Einheit und die Vermischung aller Ethnien stärken wird.“

Das Misstrauen sitzt tief

Im Bezirk Qarqan soll es nur 57 gemischte Ehen geben – bei einer Gesamtbevölkerungszahl von 60.000 Menschen. Ob sich das durch finanzielle Anreize ändern lässt, scheint unsicher. Während viele Uiguren auf ihre kulturelle Eigenständigkeit pochen und eine Vermischung mit Han-Chinesen ablehnen, haben viele Han-Chinesen oftmals schlichtweg Angst vor ihren uigurischen Mitbürgern – vor allem seit den zunehmenden Terrorattacken. Das Misstrauen auf beiden Seiten ist groß und äußert sich im Alltag in einer faktischen Zweiteilung vieler Städte, mit getrennten Wohnvierteln für Uiguren und Han-Chinesen.

Auch wenn Geld in China viel bewegen kann – über Jahrzehnte gewachsene Feindseligkeiten kann es sicher kaum beseitigen, dafür liegen die Ursachen des Konflikts zu tief. An die wahren Gründe für das Misstrauen der beiden Ethnien untereinander aber scheint sich die chinesische Regierung nicht heranzutrauen, hieße das doch zuzugeben, dass die Probleme in Xinjiang gewaltig sind.

 

Text: Sven Hauberg