Verwirrung um Wiedergeburt des Dalai Lama

Angeblich will sich der Dalai Lama nicht mehr reinkarnieren. Muss er aber, fordert die chinesische Regierung.

Dalai Lama

Tendzin Gyatsho, der 14. Dalai Lama / Foto: Christopher Michel (Flickr)

Dass sich die chinesische Regierung in die Wiedergeburten des Dalai Lama einmischt, ist nichts Neues. Schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts führte die Qing-Regierung mit der sogenannten Goldenen Urne ein Losverfahren ein, mit dem die Wiedergeburten wichtiger Lamas bestimmt werden sollten. Streitigkeiten innerhalb der tibetischen Aristokratie sollten so umgangen werden – und natürlich wollte sich die Qing-Regierung mit dem Verfahren auch einen stärkeren Einfluss auf die tibetische Politik sichern, waren auf dem Dach der Welt doch religiöse und staatliche Führung spätestens seit dem 5. Dalai Lama eng miteinander verknüpft. Funktioniert hat das System freilich kaum, die Tibeter ignorierten meist die Weisungen aus Peking.

Erst viele Jahrzehnte später, im Jahr 1995, kam der Goldenen Urne wieder eine entscheidende Bedeutung zu. Die kommunistische chinesische Regierung ließ über das Losverfahren den Nachfolger des 1989 verstorbenen 10. Panchen Lama bestimmen, nachdem sie zuvor den vom Dalai Lama als Reinkarnation erkannten Jungen hatte verschwinden lassen. Praktischerweise zeigte das vor laufenden Kameras gezogene Los den Namen des Wunschkandidaten Pekings. Die Goldene Urne hatte ihre Schuldigkeit getan, und die kommunistische Partei hatte wieder einmal gezeigt, dass es für sie kein Widerspruch ist, offiziell atheistisch zu sein und gleichzeitig bei der Bestimmung von Wiedergeburten lebender Buddhas mitzumischen.

Hat die Institution des Dalai Lama ausgedient?

Und jetzt das: In einem Interview mit der „Welt am Sonntag“ sagte der Dalai Lama Anfang dieser Woche angeblich, er wollte gar nicht mehr wiedergeboren werden. „Können Sie sich vorstellen, dass Sie gar keinen Nachfolger haben werden?“, fragte die Zeitung. „Ja, das kann ich sehr wohl“, antwortete der Dalai Lama. „Die Institution des “Dalai Lama” wurde zu etwas Wichtigem wegen der politischen Macht. Diese gibt es heute nicht mehr. Damit enden auch fast fünf Jahrhunderte der Dalai-Lama-Tradition – und das geschieht freiwillig. Politisch denkende Menschen müssen daher einsehen, dass die rund 450 Jahre währende Institution des Dalai Lama ausgedient haben sollte“.

Wird Tendzin Gyatsho also der letzte einer langen Reihe von Inkarnationen sein, die 1578 mit einem Treffen des Mongolen-Fürsten Altan Khan und dem Mönch Sonam Gyatsho begann? Mitnichten, sagt jetzt die tibetische Exil-Regierung. Die Aussagen des Dalai Lama, die die „Welt am Sonntag“ zitierte, seien aus dem Kontext gerissen. Die Entscheidung, ob er wiedergeboren werde oder nicht, habe der 14. Dalai Lama noch nicht getroffen. Darüber habe auch nicht er zu entscheiden, sondern das tibetische Volk. Sollte er aber wiedergeboren werden, dann außerhalb des unter chinesischer Besatzung stehenden Tibets. So hatte sich der Dalai Lama auch in der Vergangenheit immer wieder geäußert. Seine politische Macht hatte er in den vergangenen Jahren außerdem immer weiter an demokratische Institutionen innerhalb der Exilregierung im indischen Dharamsala abgegeben – und genau darauf wollte er in dem Interview offenbar auch anspielen.

“Der Dalai Lama verbiegt die Geschichte”

Wenig überraschend hat sich jetzt auch die chinesische Regierung, die keine Gelegenheit auslässt, den Dalai Lama zu diffamieren, in die Angelegenheit eingemischt – mit einer allerdings dann doch ungewöhnlichen Wortmeldung. Hua Chunying, eine Sprecherin des chinesischen Außenministeriums, gab zu verstehen, dass ihre Regierung ein Ende der Reinkarnationslinie des Dalai Lama nicht akzeptieren werde. „Der Titel des Dalai Lama wird von der Zentralregierung verliehen, das ist schon seit Jahrhunderten so. Der 14. Dalai Lama verfolgt versteckte Motive und versucht, die Geschichte zu verbiegen und zu verleugnen und schadet so der normalen Ordnung des tibetischen Buddhismus“.

Gut möglich also, dass die chinesische Regierung eines Tages also den 15. Dalai Lama per Losverfahren bestimmen lässt, egal, wie sich das tibetische Volk letztendlich entschieden hat. Glücklicherweise aber drängt dabei die Zeit nicht. Denn der heute 79-jährige Dalai Lama sagte im selben Interview mit der „Welt am Sonntag“ auch, dass er noch vorhabe, einige Jahre auf der Erde zu weilen: „Laut den Ärzten, die meine physische Kondition geprüft haben, werde ich 100 Jahre alt. Laut meinen Träumen werde ich 113 Jahre alt. Aber 100 sind, denke ich, sicher.“

Text: Sven Hauberg