Sind Chinas Geisterstädte bald passé?

Immer wieder redet man im Zusammenhang mit China von Geisterstädten – Städte, die gebaut, aber nicht bezogen werden. Doch kann sich das bevölkerungsreichste Land der Welt so etwas überhaupt leisten?

Ordos-Ghost-City

Ordos – Chinas größte Geisterstadt / Foto: Uday Phalgun (Flickr)

Die chinesische Regierung hat die Urbanisierung in den letzten 30 Jahren massiv vorangetrieben. Jeder Chinese soll irgendwann den urbanen Luxus von Nähe, guter Infrastruktur und Stadtleben genießen dürfen. Betrug die Anzahl der auf dem Land lebenden Bevölkerung 1949 noch knapp 90 Prozent, überschritt sie 2011 die 50-Prozent-Marke.

Doch Stadt- und Landbevölkerung driften seit Jahren auseinander. Sie unterscheiden sich in Reichtum, Lebenserwartung und Lebensweise, weil Peking über Jahre hinweg einseitig in die Infrastruktur und wirtschaftliche Entwicklung vor allem küstennaher Städte investierte. Die Folge: Das Landleben wird zunehmend unattraktiver. Und immer öfter sind chinesische Dörfer überaltert, weil die Jugend in die Stadt flüchtet.

Mit Planstädten gegen die Landflucht

Um diesem Problem Einhalt zu gebieten, pocht die chinesische Regierung immer mehr auf die Urbanisierung der „verbliebenen Gebiete“. Eckpfeiler des Projekts sind dabei Planstädte.

Planstädte sind Städte oder Stadtteile, die erst am Computer von Stadtplanern entworfen, anschließend gebaut und erst daraufhin bezogen werden. Nicht nur China nutzt diese Art von Städtebau – so heißt die berühmteste Planstadt Brasília, Brasiliens Hauptstadt. Doch auch in Asien finden sich Beispiele: unter anderem die südkoreanische Stadt Songdo oder auch Teile Singapurs.

Chinas Planstädte müssen sich jedoch nicht vor der internationalen Konkurrenz scheuen. Denn die Chinesen zeigten sich bei vergangenen Projekten durchaus innovationsfreudig. Bereits 1983 wurde das Dorf der erneuerbaren Energien in der Provinz Heilongjiang eröffnet. Auch Rizhao in Shandong, die Solarstadt Chinas, ist eine Stadt, deren größter Teil vor dem Bau systematisch geplant wurde. Dennoch stehen heute viele Planstädte leer.

Sind Chinas Planstädte zum Scheitern verurteilt?

Der US-Ökonom Milton Friedman sagte 2001 über den Shanghaier Stadtteil Pudong, es sei ein „potemkinsches Dorf“. Infrastruktur sei zwar vorhanden – nur die Bewohner fehlten. Heute beherbergt der Stadtteil allein 2,7 Millionen Einwohner. Solche Entwicklungen machen der chinesischen Regierung Mut. Sie hält an ihrem Städtebaukonzept fest, weil die das Beispiel Pudong nicht untypisch ist.

Wade Shepard, Autor des bald erscheinenden Buches Ghost Cities in China, machte ganz ähnliche Beobachtungen. 2006 entdeckte er die Geisterstadt Tiantai in der Provinz Zhejiang. Als er Jahre später nach Tiantai zurückkehrte, hatte sich das Bild jedoch gewandelt. „Das letzte Mal als hier war, war alles leer. Es waren keine Menschen da – es war eine komplette Geisterstadt“, sagt Shepard. „In acht Jahren wurde die Stadt komplett gefüllt. Jeder Laden ist vermietet, kein Leerstand mehr.“

Shepard zeigt sich zuversichtlich, dass diese Entwicklung auf alle Planstädte übertragbar ist: „Wenn man den Geisterstädten genug Zeit gibt, füllen sie sich. Das ist ein langsamer Prozess. Viel langsamer als das Bauen. Bis jetzt hat keine chinesische Stadt die Planvorgaben, bis wann eine Stadt vollbewohnt werden soll, überschritten. Dieses massive Urbanisierungsprojekt – es funktioniert.“ Als weitere Beispiele führt Shepard Zhujiang, Zhengdong, Wujin und Dantu an.

 

Text: Jonas Becker