(Not) Hot on Weibo #29: Zensur von kritischen Beiträgen zu Occupy Central auf dem Höhepunkt

Die meisten regierungskritischen Beiträge auf Sina Weibo zu den Protesten in Hong Kong fallen der Zensur zum Opfer. Besonders deutlich wird dies auf der Plattform Free Weibo, die alle gelöschten Beiträge sammelt und interessante Einblicke in Chinas Zensursystem gibt.

Hong Kong_Umbrella-Revolution_artikel

Auf den Straßen Hong Kongs zeigen viele Bürger ihre Solidarität — in Chinas Sozialen Netzwerken erschweren dies die chinesischen Zensurbehörden. Foto: Shiv (Flickr)

Die Zensurmaschinerie auf Sina Weibo, der wichtigsten Mikroblogging-Plattform Chinas, läuft seit der letzten Woche besonders gut. Allein wegen der Hong Kong-Proteste hat sich die Anzahl der auf Sina Weibo gelöschten Beiträge stark erhöht. So soll sich bereits am letzten Wochenende, als die Proteste auf einem Höhepunkt waren, die Anzahl der zensierten Posts auf Weibo fast verfünffacht haben: Während bis Freitag noch durchschnittlich 32 Posts pro 10.000 Posts gelöscht wurden, stieg die Zahl bis Sonntag auf 152 an. Posts mit dem Hashtag Hong Kong (#香港) sind seit Montag gar nicht mehr auffindbar.

Verzerrtes Meinungsbild auf Sina Weibo

Allein Posts von offiziellen Nachrichtenagenturen und kritische Posts zu den Protesten dürfen weiter auf der Plattform bestehen. Dazu gehört beispielsweise auch ein Beitrag des britischen Wirtschaftswissenschaftlers John Ross, der in der letzten Woche für Furore sorgte. Hierin schrieb er auf Chinesisch:

„Vielleicht ist es nicht besonders günstig für mich, einen Kommentar zur Wahl des Regierungschefs 2017 in Hong Kong abzugeben, da ich selbst kein Chinese bin. Aber die westliche Medienberichterstattung zu dem Hong Kong-Problem ist einfach zu heuchlerisch. Während der 150 Jahre, in denen England Hong Kong besetzt hielt, war es Hong Kong nie erlaubt, einen Regierungschef zu wählen und Amerika hat dagegen nie gegen England protestiert. Das jetzige System, das China für Hong Kong gestaltet hat, ist viel demokratischer. Dennoch protestiert Amerika stark gegen die chinesische Regierung.“

Ross’ Post zog bis heute insgesamt fast 40.000 Kommentare, 80.000 “Likes” und 140.000 “Retweets” nach sich. Schließlich besitzt Ross bereits eine Fangemeinde von über 260.000 Fans. Vor allem generieren solche vitalen Posts aber — im Zusammenspiel mit der Löschung von regierungskritischen Beiträgen — ein stark verzerrtes Meinungsbild in den Sozialen Netzwerken und spielen somit den Zensurbehörden in die Hände.

Alternative Free Weibo zeigt das Ausmaß der gelöschten Posts

Dennoch gibt es eine Möglichkeit, auch die gelöschten Weibo-Posts zu den Protesten zu betrachten: Das Projekt Free Weibo hat es sich zur Aufgabe gemacht, alle gelöschten Posts auf Sina Weibo zu sammeln und thematisch aufzubereiten. Zurzeit gehören die Hashtags Hong Kong (#香港) und Occupy Central (#占中) zu den am meisten nachgefragten Begriffen auf der Plattform.  Hunderte von den chinesischen Zensurbehörden gelöschte Weibo-Posts wurden hier bereits gesammelt. Einen kleinen Einblick geben folgende zwei Beispiele:

Weibo-Blogger @ yan ta xiao mu wu 3 kommentierte am Freitag einen Gegenprotest von Pro-China-Aktivisten, die gegenüber den Demonstranten Gewalt anwandten:

„Als die Occupy-Bewegung begann, hatte ich schon so eine Vorahnung, dass es zu einer gewalttätigen Unterdrückung kommen würde. Damals hat das noch niemand geglaubt. Heute ist meine Prophezeiung zur Realität geworden. Auf einmal tauchten die riesigen Truppen der „Occupy Central“-Gegenbewegung auf und wurden gegenüber den Studenten handgreiflich. Die Situation erinnerte an die Aufmärsche von 89.“

Auch Beiträge des Hong Konger Anwalts @ Chen guang wu lüshi werden in der letzten Zeit besonders häufig gelöscht. In seinem aktuellsten Post von Samstag zum Beispiel beschwert er sich darüber, dass sich die chinesische Regierung nicht an Absprachen hält:

„Gestern hat die Regierung noch versichert, mit den Demonstranten reden zu wollen. Heute hält sie ihr Versprechen nicht. Irrationalerweise unterdrückt sie die Occupy-Bewegung. Sie betrachtet das Volk als ihren Feind und versucht, die Hong Konger mit ihrer Schwarz-Weiß-Malerei abzuschrecken.“

 

Text: Lisa Niklas