Islamischer Staat: Auch eine Bedrohung für China?

Die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) hält seit Wochen die Welt in Atem. Während der Westen nach einer Antwort auf die Gräueltaten sucht, sorgt sich zunehmend auch China.

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US-Soldat im Anti-Terror-Kampf / Foto: The U.S.Army (flickr.com)

Es vergeht kaum ein Tag, an dem uns nicht neue Schreckensmeldungen aus dem Irak und Syrien erreichen. Massentötungen von Kindern, Enthauptungen von Journalisten, Vertreibungen von Christen, Yesiden und gemäßigten Muslimen: die Terrorgruppe Islamischer Staat stürzt eine ganze Region ins Chaos. Nach langem Zögern beginnt der Westen langsam, auf den Horror, den die IS-Kämpfer verbreiten, zu reagieren. Und auch China zeigt sich zunehmend beunruhigt.

Rund 100 Chinesen sollen mittlerweile Teil des Islamischen Staates sein und für die Terrororganisation in den Krieg gezogen sein. Die meisten von ihnen, so der chinesische Nahost-Diplomat Wu Sike, stammten aus Xinjiang. Diese Provinz im Nordwesten Chinas ist Heimat des muslimischen Turkvolkes der Uiguren, das sich seit Jahrzehnten gegen die als Besatzung empfundene chinesische Herrschaft auflehnt. Vor allem in den vergangenen Monaten ist der Kampf der Uiguren gegen die von den Han-Chinesen geführte Regierung immer blutiger geworden, zuletzt schockierte eine Messerattacke uigurischer Terroristen auf einen Bahnhof in Kunming das ganze Land.

Der Terror bekommt ein Gesicht

Vor wenigen Tagen bekam die chinesische Seite des Islamischen Staates dann ein Gesicht. Irakische Regierungsstellen veröffentlichten zwei Fotos, die einen gefangenen chinesischen IS-Kämpfer zeigen soll. „Chinese daash“ waren die Fotos unterschrieben. Das Wort daash steht für den Islamischen Staat im Irak und in Syrien. Beweise für die Identität des Mannes wurden allerdings nicht vorgelegt.

Die Fotos von dem vermeintlichen chinesischen IS-Kämpfer – eines davon zeigt ihn auf dem Boden liegend, mit schweren Verletzungen im Gesicht – sorgten für einen Sturm der Empörung in den chinesischen sozialen Medien. Dabei waren sie nicht die ersten Hinweise darauf, dass sich auch chinesische Staatsbürger den islamischen Terroristen angeschlossen hatten. Bereits im vergangenen Jahr war bei YouTube ein Videoclip aufgetaucht, der Bo Wang zeigte, einen vermeintlichen Dschihadisten, der in Syrien gegen die Regierungstruppen kämpfen soll. Und auch der Islamische Staat selbst bestätige die Anwesenheit chinesischer Kämpfer in seinen Reihen: IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi erwähnte in einer Anfang Juli veröffentlichten Rede, dass mindestens ein Chinese für den IS kämpfe. Den Grund für das Engagement chinesischer Terroristen im Islamischen Staat lieferte al-Baghdadi gleich mit: die Unterdrückung von Muslimen in China.

Auch China hat Interessen im Irak

Die chinesische Regierung selbst hält sich bislang zu all dem recht verdeckt. Eines fällt aber auf: während sie in der Vergangenheit das militärische Engagement der USA und ihrer Verbündeter etwa im Irak verurteilte, hält sie sich im Falle des Vorgehens gegen den Islamischen Staat mit Kritik zurück. Denn einerseits verfolgt China im Irak klare Interessen: rund zehn Prozent seiner gesamten Ölimporte bezieht China aus dem Land. Und noch eine Sorge könnte China umtreiben, die auch schon in Europa zu beobachten ist: die Rückkehr im Terrorkampf ausgebildeter militanter Terroristen in ihre Heimat – im Falle Chinas etwa nach Xinjiang.

Wie groß das Problem allerdings wirklich ist, lässt sich nur schwer bemessen, denn noch kann niemand sagen, wie viele chinesische Bürger tatsächlich für den IS kämpfen und ob es sich dabei wirklich um ethnische Uiguren handelt. Grund zur Sorge aber scheint mittlerweile auch die chinesische Regierung zu sehen.

Text: Sven Hauberg