Dalai Lama: Flucht ohne Wiederkehr

Heute vor 56 Jahren erhoben sich die Tibeter gegen die chinesische Besatzungsmacht. Der Dalai Lama ging daraufhin ins Exil. Doch welchen Einfluss hat das einst politische Oberhaut Tibets heute noch auf sein Volk?

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Der Dalai Lama während seines Besuchs bei Barack Obama im Februar 2014 / Foto: US Regierung

56 Jahre ist es her, dass Tendzin Gyatsho, der 14. Dalai Lama, seine Heimat Tibet verlassen hat. Man könnte meinen, er habe mit seinem Land auch alle Macht hinter sich gelassen. Doch ausgerechnet die chinesische Propaganda beweist das Gegenteil: Kaum hatte vor wenigen Wochen US-Präsident Obama den Dalai Lama in Washington bei einem Frühstück als “Freund” bezeichnet, zeigte sich das offizielle China erzürnt. Diese Entrüstung ist einerseits natürlich ein Automatismus der offiziellen Propaganda, andererseits zeigt sie auch, welche Bedeutung die chinesische Regierung dem Friedensnobelpreisträger von 1989 noch beimisst – auf der internationalen Bühne und im eigenen Land.

Einladung zur Flucht

Die Flucht des Dalai Lama aus Tibet begann mit einem Theaterstück. Anfang März 1959 erhält der damals 23-jährige eine Einladung der Volksbefreiungsarmee (VBA), sich eine Theateraufführung in deren Hauptquartier außerhalb von Lhasa anzusehen.  Das Treffen wird auf den 10. März festgelegt, und es wird vereinbart, dass der Dalai Lama alleine kommen soll, ohne die sonst übliche Prozession, und ohne seine Leibwächter. Zu diesem Zeitpunkt ist Tibet bereits seit gut neun Jahren ein Teil Chinas – 1950 hatten die ersten Soldaten der VBA die Grenze zu Tibet überquert und damit begonnen, sich das riesige Land im Westen Chinas einzuverleiben.

Als der 10. März schließlich kommt, versammeln sich zehntausende Tibeter vor dem Palast des Dalai Lama, um ihn an dem Besuch der Theatervorstellung zu hindern. Sie befürchten, die VBA plane ein Attentat auf ihr Oberhaupt. Der Aufstand der Tibeter gegen die chinesischen Besatzer beginnt. In den folgenden Tagen verlieren zehntausende Tibeter ihr Leben – und der Dalai Lama flieht aus seiner Heimat. Am 30. März erreicht er schließlich Indien – bis heute sein Exil.

International ist der Dalai Lama seitdem Symbolfigur des friedlichen Widerstands der Tibeter gegen die Besatzung ihres Landes. Spätestens seit seiner Nobelpreisrede  von 1989 hat der Dalai Lama das Ziel einer Unabhängigkeit Tibets von China aufgegeben, zugunsten von Forderungen nach einer wirklichen Autonomie. Die chinesische Führung wiederum verweist in regelmäßigen Abständen auf die wirtschaftliche Entwicklung, die Tibet in den vergangenen Jahrzehnen durchgemacht hat. Aber noch ist Tibet eine der ärmsten Provinzen Chinas, und vom Boom der letzten Jahre profitieren vor allem zugewanderte Han-Chinesen.

Schwindet der Einfluss des Dalai Lama?

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Der leere Sitz des Dalai Lama im Potala-Palast in Lhasa / Foto: Luca Galuzzi

Die Tibeter selbst haben den Dalai Lama, auch 56 Jahre nach seinem Gang ins Exil, nicht vergessen. Fotos von ihm, obwohl verboten, sind allgegenwärtig in den Klöstern und Tempeln des Landes, und Videos von seinen Reden und Predigten kursieren auf Smartphones und im Internet. Auch die Generation junger Tibeter, die das alte Tibet ihrer Eltern nicht mehr kennen gelernt haben, verehrt den Dalai Lama. Doch seinen Weg des friedlichen Widerstands unterstützen längst nicht mehr alle Anhänger. Davon zeugten 2008 die Unruhen, die Tibet über Wochen erschütterten.

Seit vier Jahren hat der Protest der jungen Tibeter gegen die chinesische Besatzung eine neue, grauenvolle Form gefunden: Seit 2011 haben sich mehr als 140 Tibeter aus Verzweiflung und aus Protest selbst verbrannt. Der Dalai Lama selbst kritisierte diese Form des Protests scharf. Doch es hat den Anschein, dass Teile seines Volkes nicht mehr auf ihn hören.

Text: Sven Hauberg