Das Hukou-System – Teil 2: Vor allem die Kinder leiden

Wenn ihr euch mit China beschäftigt, habt ihr bestimmt schon vom Hukou-System gehört. Aber versteht ihr es auch? Heute erklären wir euch, warum besonders die Kinder unter dem rigiden Kontrollsystem leiden.

Chinesische-Schulkinder

Chinesische Schulkinder / Foto: kvitlauk (Flickr)

Das Hukou-System spaltet die chinesische Gesellschaft bereits seit über sechzig Jahren. Besonders Wanderarbeiter leiden unter dem Registrierungssystem, welches sie von vielen Sozialleistungen ausschließt. Trotz Reformen hat sich daran bislang nur wenig geändert.

So ist auch der Schulbesuch von Kindern an öffentlichen Schulen weiterhin an den Ort der Registrierung geknüpft. Dies hat zur Folge, dass die in die Stadt ziehenden Kinder der Wanderarbeiter kaum Zugang zu öffentlicher Bildung haben.

Immer mehr Kinder ziehen mit in die Städte

Viele Familien vom Land stehen vor der schwierigen Entscheidung, ob sie ihre Kinder mit in die Städte nehmen oder bei Verwandten auf dem Dorf zurücklassen sollen. Während zu Beginn der Wanderungswelle in den 1980er und 1990er Jahren meist nur ein (männliches) Familienmitglied in die Stadt migrierte, zogen im Laufe der Jahrzehnte immer mehr Frauen und Kinder mit. Insgesamt gehen Experten von etwa 15 bis 20 Millionen Migrantenkindern in den Städten aus.

Immer mehr Kinder mit ländlicher Registrierung werden zudem direkt in den Städten geboren. Sie haben das Leben auf dem Land niemals kennengelernt. Trotzdem werden sie aufgrund ihrer ländlichen Hukou-Registrierung als ländliche Migrantenkinder verstanden.

Offizielle Bildungspolitik: Gemeinsam unter dem blauen Himmel

Bis Mitte der 90er Jahre hatten Migrantenkinder keine Chance auf einen Schulbesuch in den Städten. Die Eltern wurden dazu aufgefordert, ihre Kinder bei Verwandten auf dem Dorf zurückzulassen. Weil jedoch trotzdem immer mehr Kinder mit in die Städte zogen, fand bald ein Umdenken statt. Seither fordert die Zentralregierung die jeweiligen Lokalregierungen in den Städten dazu auf, Verantwortung gegenüber den Migranten zu zeigen und deren Kindern einen Schulbesuch an den lokalen öffentlichen Schulen zu ermöglichen. Der ehemalige Premier Wen Jiabao kommentierte diesen Umstand mit dem schönen Satz: „Gemeinsam unter dem blauen Himmel groß werden.“ (Tong zai lan tian xia, gongtong chengzhang jinbu.)

Doch trotz der zentralen Richtlinien bleiben die Schulbesuchsraten bei Migrantenkindern in den Städten auf einem niedrigen Niveau. Dies gilt besonders für den Übergang in die Mittelschulen. Während die Schulbesuchsrate für Migrantenkinder in Peking in 2006 beispielsweise bei immerhin 94,4% lag, lag diese bei der unteren Mittelschule bei nur 20,2%.

Zugangsbarrieren: Migrantenkinder als Störfaktor

Das Problem liegt, wie so oft in China, an dem mangelnden Willen der Lokalregierungen, die offizielle Politik auch umzusetzen. Besonders die Finanzierung der Bildungsausgaben ist ein Problem: Finanzmittel für die Bildung werden anhand der Anzahl der lokal registrierten Kinder im Pflichtschulalter bemessen. Migrantenkinder werden so zu einem Störfaktor: Die städtischen Lokalregierungen fühlen sich für diese nicht zuständig und begründen dies mit den unzureichenden finanziellen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen.

Und so wird den Migrantenkindern der Zugang zu den städtischen Schulen so schwer wie möglich gemacht: Zu administrativen Hürden kommen hohe Zusatzgebühren, die lokal registrierte Kinder nicht bezahlen müssen. Diese Gebühren werden als private Kompensation dafür betrachtet, dass der Staat keine zusätzlichen finanziellen Mittel für diese Kinder bereitstellt.

Zudem sind viel städtische Eltern nicht gewillt, ihre Kinder auf Schulen mit einem hohen Anteil an Migrantenkindern zu schicken. Viele glauben, dass Migrantenkinder generell eine schlechtere Vorbildung besitzen und einen schlechten Einfluss auf die Bildung ihrer eigenen Kinder haben. Die Folge: Viele Schuldirektoren sind um ihren Ruf besorgt und lehnen einen Schulbesuch der Migrantenkinder an ihren Schulen ab.

Migrantenschulen als Alternative?

Bereits ab den 90er Jahren begannen die Migrantengemeinden in den großen Städten, sich selbst zu helfen. Anstatt weiter auf die Unterstützung der Lokalregierungen zu hoffen, eröffneten sie kurzerhand ihre eigenen, privat geführten Schulen.

Diese Migrantenschulen bieten für sie viele Vorteile, wie etwa niedrigere Schulgebühren und flexible Stundenpläne. Doch bei allen Vorteilen ist der Unterricht qualitativ mit dem an den öffentlichen Schulen kaum vergleichbar. Aufgrund der mangelnden Finanzierung befinden sich viele Schulen in verlassenen Gebäuden, Lagerhäusern oder in Wohnhäusern der Migranten. Das Lehrpersonal ist schlecht ausgebildet und der Lehrplan bietet neben Chinesisch und Mathematik nur wenig Abwechslung. Dazu kommen Probleme mit den Behörden. Viele Migrantenschulen sind ständig von einer Schließung durch die lokalen Behörden bedroht. Um die Betreiber der Migrantenschulen unter Druck zu setzen, setzen Lokalregierungen oft unrealistische Standards, die die Migrantenschulen nicht einhalten können. So sind die Betreiber einer ständigen Willkür der lokalen Behörden ausgesetzt.

Die Migrantenkinder trifft das Hukou-System am härtesten

Die Kinder der Arbeitsmigranten sind am nachhaltigsten von den Auswirkungen des Hukou-Systems betroffen. Das Hukou-System benachteiligt sie strukturell, sodass soziale Ungleichheiten verstärkt und mangelnde Aufstiegschancen an die nächste Generation weitergegeben werden. Von Bildungsgerechtigkeit also keine Spur.

Mittlerweile gibt es einige Non Profit-Organisationen und Projekte, die den Migrantenschulen auf die Sprünge helfen wollen. Ein Beispiel ist die Migrant School Foundation in Peking, welche sogar ausländische Freiwillige an Migrantenschulen vermittelt, damit diese dort Englisch unterrichten und Projekte durchführen können.

Ob ein Engagement in der Zivilgesellschaft jedoch ausreicht, um die Bildungsungleichheiten zu beheben, ist fraglich. Ein politischer Appell aber ist es allemal.

 

Das Hukou-System – Teil 1: Warum gibt es das Hukousystem?

Das Hukou-System – Teil 2: Vor allem die Kinder leiden

Das Hukou-System Teil 3: Die Zukunft des Hukou-Systems

Text: Lisa Niklas