Das Hukou-System – Teil 1: Warum gibt es das Hukou-System?

Wenn ihr euch mit China beschäftigt, habt ihr bestimmt schon vom Hukou-System gehört. Aber versteht ihr es auch? Heute erklären wir euch, warum es das rigide Kontrollsystem überhaupt gibt.

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Wanderarbeiter auf einem Busbahnhof / Foto: Harald Groven (Flickr)

Im Wesentlichen unterscheidet sich das Hukou-System nicht von westlichen Registrier-Systemen. Offiziell ist das Hukou-System ein Instrument zum Sammeln und Organisieren von persönlichen Daten und legalen Aufenthalten des chinesischen Volks.

Trotzdem  gibt es einen wesentlichen Unterschied: eine Änderung des Registrierungsortes ist kaum möglich. Freizügigkeit ist in China ein Fremdwort. Damit verbunden ist der Ausschluss bestimmter Leistungen außerhalb des Registrierungsortes. Dazu gehören zum Beispiel kostenfreie Bildung und soziale Sicherung. Die Leidtragenden sind die Millionen ländlichen Wanderarbeiter. Sie tragen zwar zum wirtschaftlichen Aufschwung der Städte bei, werden von den städtischen Privilegien aber ausgeschlossen.

Die Wurzeln des Hukou-Systems: Ein kommunistisches Erbe?

Das Hukou-System ist ein Erbe der reinen Planwirtschaft unter Mao und muss als solches verstanden werden. Allerdings ist das System keine rein sino-kommunistische Erfindung. Bereits in der Qin-Dynastie (221 bis 206 v. Chr.) und der Han-Dynastie (206 v. Chr. bis 220 n. Chr.) gab es ähnliche Systeme, die hauptsächlich zum Sammeln von Steuern und zur Wehrdiensteinberufung genutzt wurden. Auch die Wohnsitzkontrolle spielte bereits eine Rolle, wurde aber nie so rigoros umgesetzt wie unter Mao.

Unter der neuen Führung der Kommunistischen Partei wurde das Hukou-System schließlich wieder eingeführt. Hauptgrund dafür waren zunächst politische Gründe: Klassenfeinde ließen sich so besser überwachen. Eine Kontrolle der Migration stand zunächst noch nicht im Fokus.

Die 1950er Jahre: Städtische Privilegien werden geschaffen

Erst ab Mitte der 50er Jahre wurde das System zur wirtschaftlichen Planung und Kontrolle der Mobilität der Bevölkerung eingesetzt. Vor allem die Migration der Landbevölkerung in die Städte sollte verhindert werden. Dazu wurde die Bevölkerung mittels Hukou in die Kategorien Stadt und Land eingeteilt.

Der städtischen Bevölkerung wurden dabei einige Privilegien zuteil: Das mit dem Hukou verknüpfte so genannte tonggou-tongxiao-System sicherte den städtischen Hukou-Inhabern eine garantierte Getreideration zu stabilen Preisen zu. Dieses Instrument stellte sich als die wirksamste Maßnahme heraus, um die Migration der ländlichen Bevölkerung in die Städte zu vermeiden. Denn ein Überleben in den Städten ohne die wichtigen Getreiderationen war schlicht unmöglich.

Weitere Privilegien beinhalteten den Zugang zu Arbeit, Behausung und anderen vom Staat finanzierten sozialen Leistungen, wie Gesundheitsversorgung und Bildung  innerhalb der städtischen Arbeitseinheiten (danwei). Die Landbewohner erhielten dagegen nur Zugang zu Land innerhalb der Volkskommunen und mussten sich, beispielsweise bei der Sicherung ihrer Altersversorgung, auf ihre traditionellen Familienbande verlassen.

Geburt einer dualen Gesellschaft

Die Aufteilung in Stadt- und Landbevölkerung war für die Kommunisten eine Grundvoraussetzung für eine schnelle Industrialisierung der Städte. Die Landbewohner stellten die Versorgung der Stadtbewohner sicher. Gleichzeitig sollte die Land-Stadt-Migration so gering wie möglich gehalten werden, da die staatlich subventionierten Versorge-Leistungen für die städtische Bevölkerung um ein Vielfaches teurer war.

So wurde der Grundstein für die Schaffung einer dualen Gesellschaft gelegt. Von nun an waren die Bauern auf dem Land vollkommen an ihr Land gebunden und von diesem abhängig, während sich die Stadtbewohner auf die staatlichen Leistungen verlassen konnten. Die neuen sozialistischen Institutionen schufen also keine soziale Gleichheit, sondern vergrößerten vielmehr die Kluft zwischen Land- und Stadtbewohnern.

Die Bedingungen ändern sich: das Hukou-System nach Reform und Öffnung

Obwohl das Hukou-System ein Erbe aus planwirtschaftlichen Zeiten ist, existiert es in seinen Grundzügen heute weiter. Zwar haben Reformen seit den 1980er Jahren die Land-Stadt-Migration erleichtert, um vor allem billige Arbeitskräfte in die Städte zu locken und das Wirtschaftswachstum weiter anzukurbeln. An der Privilegierung der Stadtbewohner durch das Hukou-System hat sich aber bis heute, trotz kleinerer Reformen auf lokaler Ebene, nichts grundlegendes geändert.

Ab Mitte der 80er Jahre wanderten im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs immer mehr Bauern illegal in die Städte ab. Grund dafür war ein ländlicher Arbeitskräfteüberschuss sowie durch die Reform und Öffnung neu geschaffene Arbeitsmöglichkeiten in den Städten.  Auch die Regierung erkannte, dass weitere billige Arbeitskräfte in den Städten für die wirtschaftliche Entwicklung Chinas unabdingbar waren. Sie reagierte auf die neuen Entwicklungen, indem sie einerseits das System der subventionierten Getreide-Rationierung (tonggou tongxiao) für die Städter aufgab, so dass auch die Besitzer eines ländlichen Hukous in den Städten überleben konnten. Andererseits führte sie temporäre Aufenthalts-Genehmigungen ein, die den Aufenthalt der Bauern in den Städten legalisierten, ohne ihnen jedoch einen Zugang zu städtischen Sozialleistungen wie Bildung oder Sozialversicherungen zu beschaffen.

Neue Ungleichheiten durch Dezentralisierung

Eine weitere wichtige Neuerung ergab sich mit den Dezentralisierungs-Bestrebungen in den 90er Jahren, in Folge derer die Kontrolle aller Hukou-Angelegenheiten auf die jeweiligen Lokalregierungen übertragen wurden. Die Folgen waren fatal, denn sie schuf für die städtischen Lokalregierungen die Möglichkeit, ihre jeweils eigenen Regeln zum Hukou-Erwerb zu erfinden. Viele entdeckten den Verkauf von Hukous als gute Einkommensquelle und ermöglichten dem „erwünschten“ Teil der Bevölkerung, also den Reichen und Gebildeten, einen erleichterten Zugang in die Großstädte. Die Folge: die bereits bestehende Ungleichheit zwischen den wohlhabenden und gebildeten Städtern und der ärmeren und weniger gebildeten ländlichen Bevölkerung verstärkte sich immer weiter.

Bis heute hat die Zentralregierung, trotz kleinerer Reformanstrengungen, für dieses Problem noch keine befriedigende Lösung gefunden. Ob diese überhaupt gewünscht ist, ist eine andere Frage.

 

Das Hukou-System – Teil 1: Warum gibt es das Hukousystem?

Das Hukou-System – Teil 2: Vor allem die Kinder leiden

Das Hukou-System Teil 3: Die Zukunft des Hukou-Systems

Text: Lisa Niklas