Bürgerproteste in Taiwan reißen nicht ab

Die Taiwaner gehen auf die Straße, um gegen den Bau des Taipei Dome und dem damit verbundenen Fällen vieler alter Bäume zu protestieren. Im Grunde geht es um viel mehr: in Taiwan brodelt es.

Taipei-Dome

So soll der Taipei Dome aussehen, wenn er fertig ist / Foto: Benoy Architekten

Jahrelange Proteste konnten den Bau des gigantischen Taipei Dome nicht verhindern. Das riesige Gebäude entsteht in Taipehs Premiumlage, nur einen Steinwurf vom 101-Wolkenkratzer und – nicht ganz ohne Ironie – gegenüber der Sun-Yat-Sen-Memorialhall, der Gedächtnisstätte für den Mann, der Anfang des 20. Jahrhunderts den Umsturz der Qing-Dynastie anführte und als der Vorreiter der demokratischen Revolution gilt.

Obwohl nun der Bau weit fortgeschritten ist, kam es am vergangenen Montag erneut zu Widerstand, als die Überreste des alten Baumbestands für die Fertigstellung des Domes aus dem Weg geräumt werden sollte. Bürger stellten sich den Bauarbeitern mit ihren Maschinen in den Weg und klammerten sich an die betroffenen Bäume. Auch nach Aufforderung der Polizei weigerten sich die Protestler, das Feld zu räumen.

Es brodelt in Taiwan

Vor nicht einmal sechs Wochen endete die Besetzung des Parlaments durch Studenten der Sonnenblumenbewegung. Bis zu einer halben Million Taiwaner gingen hier gegen ein geplantes Handelsabkommen mit Festlandchina auf die Straße. Viele Taiwaner sind frustriert über ihre Regierung, und die Sonnenblumenbewegung scheint sie ermutigt zu haben, das auch zu zeigen.

Schon Ende April kam es aus einem anderen Grund erneut zu Protesten: Mehrere Zehntausende versammelten sich, um gegen die Fertigstellung des vierten Atomkraftwerks zu protestieren.

Der Bau des an der Nordostküste geplanten Reaktors zieht sich nun schon seit Jahren hin: Explodierende Kosten, Sicherheitsprobleme und dann natürlich Fukushima. Das alles schürte den Widerspruch in der Bevölkerung, denn genau wie Japan ist Taiwan stark erdbebengefährdet. Mit Hunger- und Sitzstreiks wollen die Atomgegner die Regierung zwingen, den Bau nicht fortzusetzen – und tatsächlich soll nun eine Volksabstimmung stattfinden um über die Zukunft des fast fertiggestellten Meilers zu entscheiden. Für die Atomkritiker ist das jedoch nicht genug, sie wollen weiter protestieren.

Die neuerlichen Proteste zeigen vor allem eins: Die Frustration vieler Taiwaner mit ihrer Regierung und mit Ma Ying-Jeous Politik. „Seine Politik nutzt vor allem den Reichen und den Konzernen“, so Jennifer Yu, eine Unterstützerin der Sonnenblumenbewegung. „Es wird Zeit, dass die Taiwaner die Augen öffnen und aufhören so obrigkeitshörig zu sein und sich von der Regierung blenden zu lassen.“ Wie es scheint, sehen viele ihrer Landsleute das inzwischen genau so.

 

Text: Rike Pätzold