Arbeitskampf in China: Walmart-Beschäftigte beschreiten neue Wege

Die Proteste gegen Walmart werden in China von der Staatsgewerkschaft ACGB angeführt. Ein Novum auf dem Weg hin zu einer wirklichen Vertretung der Beschäftigten.

Walmart Supercenter in China

Walmart Supercenter in China / Foto: Walmart

Die größte Gewerkschaft der Welt zählt mehr als dreimal so viele Mitglieder, wie Deutschland Einwohner aufweisen kann. Circa 226 Millionen Mitglieder zählt der chinesische Einheitsgewerkschaftsbund ACGB – der All-Chinesische Gewerkschaftsbund.

Mit ihm scheint sich der US-amerikanische Einzelhandelsriese Walmart richtige Probleme eingehandelt zu haben. Der größte Arbeitgeber der Welt führt seit letztem Jahr zwar wieder die Fortune-Global-500-Liste der umsatzstärksten Unternehmen der Welt an. Dennoch musste Walmart in China weniger profitable Märkte an einigen der rund 400 chinesischen Standorte Mitte März schließen. Und gut zwei Dutzend weitere Märkte sollen folgen.

 

Proteste ungewöhnlich

Gegen die Schließung regte sich in Changde (Provinz Hunan) und Ma’anshan (Provinz Anhui) heftiger Protest der Gewerkschaft, nachdem die Walmart-Führung zunächst darauf verzichtete, die Gewerkschaftsvertretung zu konsultieren.

Walmart China CEO Greg Foran

Gar nicht erfreut: Walmart-Chef Mike Duke (links) und China-Vorstand Greg Foran (Mitte), hier bei einem Treffen mit US-Botschafter Gary Locke 2012 / Foto: Walmart

Die Proteste sind ungewöhnlich für den ACGB, denn Funktion und Auftritt unterscheiden sich stark von denen unseres Deutschen Gewerkschaftsbundes. Die Staatsgewerkschaft verfolgt normalerweise den Zweck eines Transmissionsriemens für gesellschafts- und wirtschaftspolitische Ziele. Sie soll die Interessen der Arbeiter in den Betrieben bündeln, diese mit den gesamtgesellschaftlichen Zielen in Einklang bringen und mögliche Konflikte kleinarbeiten.

Und dennoch scheint sich an diese Maßgaben gerade kaum jemand zu halten. Die Entlassenen fordern die volle Einhaltung der chinesischen Arbeitsgesetzgebung und die Verdopplung der angekündigten Abfindung von Walmart. Das Angebot neuer Arbeitsplätze im nächstgelegenen Walmart lehnten die Protestierenden ab. Kein Wunder: Der nächstgelegene Walmart liegt rund 100 Kilometer entfernt.

 

Ein Paradigmenwechsel?

Der ACGB unterstützt die Anliegen der Walmart-Beschäftigten nicht nur – er führt die Proteste sogar an. Auch bei anderen Protesten und Streiks mutiert der ACGB immer öfter zum Anführer.

Spontane Protestaktionen wie in Changde und Ma’anshan zeigen, dass der ACGB sich langsam gezwungen fühlt, die Forderungen der Beschäftigten auch wirklich aufzugreifen. Diese neue Entwicklung führt im Idealfall dazu, den ACGB als richtigen Interessenvertreter der Beschäftigten zu etablieren. Ein solcher Wandel hin zu einer Bottom-Up-Demokratie hätte immense Auswirkungen auf die Rechte der chinesischen Arbeiter – und damit auch auf die Weltwirtschaft.

Für Walmart sind es indes nicht die ersten Querelen mit Gewerkschaften. Bereits seit einigen Jahren bekämpft der Konzern die Arbeit der Gewerkschaften in den USA und stößt so immer wieder auf öffentliche Kritik.

 

Text: Jonas Becker