Analyse: Warum schreibt Xi Jinping für die FAZ?

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung veröffentlichte am Freitag einen Gastbeitrag von Chinas Staatspräsident Xi Jinping. Doch warum fiel die Wahl ausgerechnet auf die FAZ? Wir erklären die Prozesse, die im Hintergrund abliefen.

Gastbeitrag von Chinas Staatspräsident Xi Jinping in der FAZ

Der Gastbeitrag Xi Jinpings in der FAZ vom Freitag / Foto: faz.net

Für die wohl größten Schlagzeilen während Xi Jinpings (60) Deutschlandbesuchs sorgte die Frankfurter Allgemeine Zeitung. In der Freitagsausgabe wandte sich der Staatspräsident mit einem Gastbeitrag persönlich an die Leser der Tageszeitung.

Die Veröffentlichung ist durchaus als gezielte Propaganda-Maßnahme Pekings aufzufassen. Und Peking setzte damit vor allem ein Zeichen: Die FAZ finden wir in Ordnung.

Aus chinesischer Sicht ist die Vergabe des Druckauftrags vermutlich als Ritterschlag für das Blatt zu verstehen – und so feierte die Frankfurter Allgemeine die Veröffentlichung auch als großen Coup. Dabei störten auch die teils zweifelhaften politischen Ansichten Pekings nicht. Doch wer sagt schon nein, wenn Xi Jinping mit einem Text anklopft? Die Zeit lehnte schließlich auch nicht ab, als Li Keqiang (58) seinen Beitrag letztes Jahr zur Veröffentlichung anbot.

 

Der Feind meines Feindes ist mein Freund

Doch warum wählten die Chinesen dieses Mal die FAZ? Bei dieser Frage geht es weniger um die China-Berichterstattung, als man annehmen sollte. Denn an einem vermeintlich positiven Ton gegenüber der Volksrepublik kann es nicht liegen. Die Korrespondenten Christian Geinitz und Mark Siemons gelten zwar nicht unbedingt als China-Basher. Jedoch wäre es vermessen, ihre Arbeit als unkritisch bezeichnen. Auch Politik-Redakteure wie Peter Sturm, Eckart Lohse und Majid Sattar nehmen in ihren Beiträgen über die Volksrepublik kein Blatt vor den Mund.

Gut kam hingegen die Japan-Kritik der FAZ in den letzten Monaten bei den Chinesen an. Das Blatt berichtete häufig über die nationalistische Außenpolitik der Japaner. Mit der kritischen Berichterstattung polterte man mitunter so laut, dass die Zeitung von Dutzenden chinesischen Medien mit Lobeshymnen überhäuft wurde – unter anderem vom Staatsfernsehen CCTV und von People’s Daily.

Wie wichtig den Chinesen das Thema Japan ist, zeigte zuletzt Präsident Xis Bitte, während des Berlinaufenthalts das Holocaust-Mahnmal zu besuchen. Die Deutschen lehnten die Bitte wegen der Befürchtung ab, Xi könnte den Besuch instrumentalisieren, um Japans Umgang mit den eigenen Kriegsverbrechen zu kritisieren.

 

Same same but different

Bei Staatsbesuchen ist es durchaus üblich, dass der Besucher für einen Gastbeitrag oder ein Interview eine lokale Zeitung wählt, die in der Regel der eigenen politischen Richtung entspricht. So gab Bundeskanzlerin Angela Merkel während ihres Aufenthalts in China 2012 der Wochenzeitung Southern Weekly ein persönliches Interview.

Dennoch ist der Beitrag des Staatspräsidenten ein kleines Novum. Wie Botschafter a.D. und Regierungsberater Chen Mingming in einem Interview mit der Tageszeitung The Beijing News erklärte, waren Gastbeiträge Pekings bisher nur chinesischen Premierministern vorbehalten. Der Präsident musste sich bislang mit den Pressekonferenzen begnügen. Während Xi Jinpings Europareise erscheinen nun erstmals Gastbeiträge des chinesischen Präsidenten in ausgewählten Zeitungen. Neben der FAZ fiel Xis Wahl auf das NRC Handelsblad in den Niederlanden, Le Figaro in Frankreich und Le Soir in Belgien.

Der Grund dafür sei, so Chen, dass ein Gastbeitrag bessere Wirkung erziele, weil der Text eins zu eins abgedruckt werde und somit die gesagten Worte nicht falsch interpretiert werden könnten.

 

„Es gibt keine Zufälle in der Diplomatie“

Es gibt keine Zufälle in der Diplomatie.“ So lautete das Credo des ersten Premierminister Chinas Zhou Enlai (†1976), welches die chinesische Diplomatie bis heute tief prägt. Zhou vertrat die Ansicht, dass man in der Diplomatie auf jedes noch so kleine Detail achten muss – denn nichts geschehe ohne Grund. Auch nicht bei der Vergabe des Gastbeitrags an die FAZ.

Laut 21China vorliegenden Informationen erfolgt die Vergabe von Gastbeiträgen hochrangiger chinesischer Amtsträger immer nach dem selben Ablauf. Zunächst werden alle Presseanfragen bei der Botschaft im Zielland gesammelt und daraufhin dem Auswärtigen Amt in Peking übergeben. Dort werden erste Entwürfe ausgearbeitet, auf deren Basis Redenschreiber die fertigen Beiträge ausarbeiten. Der Amtsträger arbeitet abschließend seine Korrekturen ein und gibt die Texte schließlich frei – so auch geschehen bei Xi Jinping.

 

Der kleinste gemeinsame Nenner

Natürlich würde die chinesische Propaganda die FAZ niemals in allen Belangen unterstützen – zu tief sind dafür die politischen Gräben. Allerdings ist die Wahl der Frankfurter Allgemeinen als Kompromiss zu verstehen: unter Deutschlands wichtigsten Printmedien war die inhaltliche Schnittmenge mit der FAZ zur Zeit am größten.

Auch andere große Blätter warben um den Beitrag Xi Jinpings, wie uns Redakteure entsprechender Medien bestätigten. Doch wer außer der FAZ wäre geeignet gewesen? Der Spiegel mit seiner bissig-kritischen Berichterstattung (“Gelbe Spione”) sicherlich nicht. Und mit der Bild-Zeitung hätte Peking ein anderes Publikum erreicht. Die Süddeutsche Zeitung berichtet traditionell sehr kritisch über China, zuletzt mit den Enthüllungen um Offshore-Leaks. Dem Handelsblatt fehlte trotz eines Frank Sierens vermutlich die Reichweite. Und für die Zeit schrieb Premierminister Li Keqiang bereits beim letzten Mal.

 

Text: Adrian Kummer, Zhou Gufeng