25 Jahre Tiananmen – Teil 4: Unterdrückte Erinnerungen

Die chinesische Führung setzt bis heute alles daran, das Tiananmen-Massaker wie einen unbedeutenden Zwischenfall aussehen zu lassen. Ihr Ziel: das kollektive Vergessen. Ein Unterfangen, das nicht ganz gelingen will.

Hong-Kong-Tiananmen

Nur in Hong Kong möglich: öffentliche Gedenkveranstaltung für die Opfer des Tiananmen-Massakers / Foto:  ryanne { trimmed reality } (Flickr)

Die chinesische Regierung ist traumatisiert. Es sind unterdrückte Erinnerungen, vor denen sich das Regime bis heute fürchtet. In den letzten Tagen wurde das wieder allzu deutlich. Wenige Tage vor dem 25. Jahrestag des Zwischenfalls vom 4. Juni, wie Chinas Führung das Tiananmen-Massaker nennt, werden bekannte Zeitzeugen, kritische Journalisten und Aktivisten wieder schikaniert, mundtot gemacht und sogar weggesperrt. Auch Verwandte der Opfer von damals dürfen sich nicht äußern, wie die Mütter des Tiananmen, die für die Aufklärung des Massakers kämpfen.

Wer mundtot gemacht wird, muss zwangsläufig schweigen. Das Schweigen, das Aussitzen des Massakers, bis es für das Volk zu einem unpersönlichen Teil der Geschichte verblasst, das Vergessen ist Pekings Strategie. Es ist eine Taktik, mit welcher die politische Stabilität des Landes gesichert werden soll. Denn alles andere könnte den noch jungen Wohlstand der Volksrepublik zum Wanken bringen, so glauben die Führer des Landes.

Vor allem Hong Kong kämpft gegen das Vergessen

Für Chinas Regierung ist der 4. Juni nach außen ein Tag wie jeder andere. Doch im Verborgenen hat das Thema oberste Priorität – und zwar das Ganze Jahr über. Tausende Zensoren in Behörden und Medienhäusern überprüfen tagtäglich akribisch alle öffentlichen Inhalte auf das Tabuthema Tiananmen – egal ob in der Presse, im Fernsehen, im Radio oder im Internet. Das Vorgehen hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten bewährt. Die Menschen gedenken nur klandestin – mit speziellen Codes im Internet oder nur unter politisch Gleichgesinnten.

„25 Jahre nach dem Massaker gibt es eine Generation junger Chinesen, die nichts über die damaligen Ereignisse weiß – weil die Regierung jede Diskussion verbietet“, sagte der Hong Konger Politaktivist und Zeitzeuge Lee Cheuk-yan vergangene Woche gegenüber dem Spiegel.

Wie viele Aktivisten setzt Lee seine Hoffnung in ein neues Museum, das in Hong Kong an die blutige Niederschlagung der Studentenproteste erinnern soll. „Wir hoffen, dass unsere chinesischen Besucher nach Hause zurückkehren und anderen Menschen erzählen, was sie über den 4. Juni 1989 gelernt haben“, sagt er. Für handfeste Beweise können die Besucher im Museumsladen sogar USB-Sticks mit Info-Materialien kaufen. Doch Lee liefert selbst den Grund, warum ein angemessenes Erinnern auf dem Festland nicht möglich ist: „Das ist die Saat für Demokratie.“

Für das Museum ist Hong Kong der ideale Standort. Die Forderung nach mehr Demokratie in China ist in der Sonderverwaltungszone viel weiter verbreitet als auf dem Festland – und darum schwer zu unterdrücken. Anders als im Rest Chinas, finden in Hong Kong jedes Jahr große Gedenkveranstaltungen zum Tiananmen-Massker mit tausenden Teilnehmern statt.

Jungen Chinesen fehlt der emotionale Zugang

Doch auch wenn die Chinesen ungern über den Zwischenfall vom 4. Juni sprechen, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht trotzdem davon wissen. Vor allem bei den älteren Chinesen hat sich das Tabuthema tief ins Gedächtnis gebrannt.

Code-Wort „große gelbe Ente“

Im Internet umgehen die Netizens die Zensur, indem sie Codes wie „große gelbe Ente“ für die Niederschlagung der Proteste finden / Foto: Weibo

Aber auch die Jüngeren wissen davon, wenn sie sich während des Studiums und auf der Arbeit mit Ausländern austauschen oder unweigerlich im Internet darauf stoßen – trotz der Zensur. Die Reaktionen sind unterschiedlich. „Das ständige Erinnern langweilt viele junge Chinesen“, sagt Edelrestaurant-Besitzerin Michelle Garnaut. „Das Massaker liegt für die Chinesen Lichtjahre entfernt. Und das ist auch kein Wunder, wenn man bedenkt, wie sehr sich das Land in den letzten 25 Jahren verändert hat.“ Außerdem hätten sich die Jungen niemals wirklich emotional mit der eigenen Vergangenheit auseinandersetzen können – anders als beispielsweise in Deutschland.

Die Australierin Michelle Garnaut betreibt seit den 90er Jahren Lokale mit westlicher Haute cuisine in Peking, Shanghai und Hong Kong. Über die Jahre hat sie gelernt, dass politische Integrität in China eine eher untergeordnete Rolle spielt. Nur so konnte sie ihr dekadentes Restaurant Capital M 2009 direkt vor den Toren der Verbotenen Stadt platzieren – und damit nicht unweit des politischen Zentrums der Hauptstadt.

Doch nicht nur die Beamten seien politisch desinteressiert, wenn es um Genehmigungen gehe, erzählt Garnaut. Ein Schlüsselerlebnis: Als sie die Chinesen ihres Teams am 4. Juni 1999 in Shanghai zum Morgenappell versammelte, erinnerte die Chefin ihre Belegschaft melancholisch an das Massaker vor 10 Jahren. Doch sie blickte sie nicht etwa in rührselige, sondern vor allem in gelangweilte Gesichter. „Interessiert euch das denn überhaupt nicht?“, fragte sie entsetzt in die Runde. „Das ist doch ein wichtiger Teil eurer Geschichte und betrifft euch alle!“ Schließlich antwortete ihr eine junge Kellnerin: „Natürlich, aber wie oft müssen wir uns das noch anhören?“

Das Pech des analogen Protests

Erinnerungen lassen sich nicht verbieten, nur unterdrücken. Und der chinesischen Zensur gelingt dies bis heute, während die Erinnerungen immer mehr verschwimmen. Nicht auszudenken, wenn die Botschaften der Demonstranten nicht nur über Plakate, Flugblätter und die kontrollierten Staatsmedien verbreitet worden wären, sondern auch über das Internet. Hunderttausende Chinesen mit Weibo Accounts und Handys wären im digitalen Zeitalter nicht mehr aufzuhalten gewesen.

 

Text: Adrian Kummer

25 Jahre Tiananmen – Teil 1: Himmlischer Frieden und blutig zerschlagene Träume

25 Jahre Tiananmen – Teil 2: Demokratie nach westlichem Vorbild?

25 Jahre Tiananmen – Teil 3: Das Erbe von Tiananmen

25 Jahre Tiananmen – Teil 4: Unterdrückte Erinnerungen