25 Jahre Tiananmen – Teil 1: Himmlischer Frieden und blutig zerschlagene Träume

Heute jährt sich das Massaker auf dem Tiananmen-Platz zum 25. Mal. Mit einer vierteiligen Serie blicken wir zurück auf die Ereignisse des Jahres 1989. In Teil 1 stellen wir euch den Ort des Geschehens vor, den Platz des Himmlischen Friedens im Herzen Pekings.

25 Jahre Tiananmen-Massaker

Der Platz des Himmlischen Friedens heute / Foto: HG Esch

Müsste man einen einzigen Ort benennen, der symbolisch für die chinesische Geschichte des 20. Jahrhunderts steht, dann wäre das wohl der Tiananmen-Platz. Hier, im Zentrum Pekings, schlägt nicht nur das Herz der Stadt, sondern auch der Puls der Geschichte Chinas.

Revolutionäre, Studenten und auch Terroristen wussten stets die Symbolkraft dieses Platzes für ihre Zwecke zu nutzen- zuletzt im Oktober des vergangenen Jahres. Ein mit drei Uiguren besetztes Auto raste damals in eine Menschenmenge. Die Insassen des Wagens starben und rissen zwei weitere Menschen mit in den Tod. Die Verantwortung für den Anschlag übernahm die Terrorgruppe East Turkestan Islamic Movement.

Der Ort für den Angriff war nicht zufällig gewählt: er ereignete sich zu Füßen des großen Mao-Porträts, das vom Tiananmen, dem Tor des Himmlischen Friedens, auf den nach ihm benannten Platz herab blickt.

Beginn einer neuen Ära

Seit 1949 wacht Mao Zedong, jährlich neu in Öl verewigt von Ge Xiaoguang, als überdimensionales Gemälde über den Tiananmen-Platz. Hier jubelten ihm die Massen zu, als er am 1. Oktober von der Brüstung des Tors des Himmlischen Friedens die Volksrepublik China ausrief. Verstanden haben dürften ihn damals die wenigstens, die sich auf dem riesigen Platz versammelt hatten – Mao stand zu weit entfernt von den Mikrofonen und nuschelte noch dazu im schwer verständlichen Dialekt seiner Heimatprovinz Hunan. Seine Worte aber entfesselten einen Sturm, wie ihn China selten gesehen hat.

Mao Zedong über dem Platz des Himmlischen Friedens

Mao Zedong prangt über seit 1949 über dem Tiananmen/ Foto: Richard.Fisher (Flickr)

Schon drei Jahrzehnte zuvor hatten sich hier, am Tiananmen, revolutionäre Massen versammelt – junge Studenten, die im Jahr 1919 eine demokratische, an westlichen Werten orientierte Neuausrichtung ihres Landes forderten, das erst wenige Jahre zuvor das Jahrtausende alte Kaisertum abgestreift hatte und nun, als junge Republik, nach Wegen in die Zukunft suchte. Der 4. Mai 1919, als die Proteste dieser Bewegung für eine Neue Kultur ihren Höhepunkt erreichten, markierte nicht nur den Beginn des chinesischen Sozialismus, sondern auch die Geburt des Tiananmen-Platzes als Ort des politischen Protests.

Liusi – Code für eine chinesische Schande

Politisch motiviert waren auch die Proteste von Tausenden Pekingern, die sich am Tiananmen-Platz im April des Jahres 1976 versammelten, um dem kurz zuvor verstorbenen, im Volk beliebten Premier Zhou Enlai zu gedenken.

Der Vorfall ist heute in Vergessenheit geraten, steht er doch im Schatten eines viel gewaltigeren Ereignisses, das sich im Juni 1989 hier ereignete. Tiananmen-Massaker, so lautet die im Westen gängige Bezeichnung für die blutigen Vorfälle, die sich in diesen Wochen zum 25. Mal jähren. In China spricht man – kodiert, aber für jeden verständlich – von liusi shijian, dem Vorfall vom 4. Juni. Egal, welchen Namen man den Ereignissen gibt, die Bilder von blutüberströmten Studenten und mutig heranrollenden Panzern trotzenden Demonstranten haben sich eingebrannt ins kollektive Gedächtnis nicht nur Chinas, sondern der Welt.

Panzer-Tiananmen

Ein Platz und sein Bild: Panzer vor dem Tiananmen

Heute ist der Tiananmen-Platz eine Hochsicherheitszone unter freiem Himmel. Polizisten überall, in Uniform oder in Zivil, und an jedem Laternenmast Überwachungskameras, auf dass sich ja nichts Unplanmäßiges ereignen möge – und falls doch, so wird binnen weniger Minuten eingegriffen. Der viertgrößte Platz der Welt ist heute eine Betonlandschaft, Heimat des Mausoleums für Mao und des Denkmals für die Helden des Volkes, flankiert vom chinesischen Nationalmuseum und der Großen Halle des Volkes und Vorplatz der Verbotenen Stadt. Alte Männer lassen hier ihre Drachen steigen, Händler verkaufen Getränke und Souvenirs, und abertausende Touristen fotografieren sich und die sozialistische Protzarchitektur, die den Platz umgibt. An die Ereignisse vom 4. Juni 1989 erinnert nichts.

Ein Ort des Protests, auch heute noch

Aber auch heute noch wird demonstriert auf dem Tiananmen. Hin und wieder kann man sie sehen, alte Mütterlein oder aus weit entfernten Provinzen angereiste Bürger, mit einem handgeschriebenen Plakat in der Hand, das auf erlittenes Unrecht aufmerksam machen will. Meist richtet sich der Protest nicht gegen das System an sich, wie damals, im Juni 1989, sondern gegen korrupte Provinz-Kader oder skrupellose Firmenbosse, die ihren Arbeitern den Lohn nicht zahlen wollen.

Wache vor der Verbotenen Stadt

Die seltenen Proteste im Auge: Wache vor der Verbotenen Stadt / Foto: Richard.Fisher (Flickr)

Doch noch bevor man den Gedanken fassen kann, dass auch dieser Protest im Kern nichts anderes ist als Kritik an einem falschen System, sind die still und leise Protestierenden auch schon wieder verschwunden. Sie werden abgeführt von diskret operierenden Polizisten, und der Blick ist wieder frei auf das Tor des Himmlischen Friedens, das so viel gesehen hat in den Jahrhunderten seit seiner Errichtung: Aufbrüche in neue Zeiten und blutig zerschlagene Träume.

 

Text: Sven Hauberg

25 Jahre Tiananmen – Teil 1: Himmlischer Frieden und blutig zerschlagene Träume

25 Jahre Tiananmen – Teil 2: Demokratie nach westlichem Vorbild?

25 Jahre Tiananmen – Teil 3: Das Erbe von Tiananmen

25 Jahre Tiananmen – Teil 4: Unterdrückte Erinnerungen