Zwischen den Welten

Der Künstler Ni Haifeng lebt seit 1994 zwischen Amsterdam und Peking. Seitdem versucht er, die Sicht der Europäer auf ihre und seine Heimat zu verändern. Mit seiner Arbeit hinterfragt er die bestehenden Ordnungen. Dabei beschäftigt ihn vor allem ein Thema: das Verhältnis von Produktion zu Konsum.

Herr Ni, Sie setzen sich gerne mit Karl Marx auseinander. Sein Kapital war sogar schon Teil Ihrer Ausstellungen. Was würde Marx über China denken, wenn man es ihm heute als einen sozialistischenStaat vorstellte?

Ni Haifeng : Man kann China natürlich nicht mehr als sozialistisches Land präsentieren. China ist in den letzten Jahren zum effizientesten kapitalistischen Staat der Welt geworden. Weil er autoritär regiert wird, kann er alle schwierigen Aufgaben eigenmächtig bewältigen. Das steht natürlich im starken Kontrast zu den langwierigen Entscheidungsfindungen in parlamentarischen Demokratien.

Muss China seine Außendarstellung verbessern?

Ni Haifeng : Das glaube ich schon, aber China braucht Zeit. Außerdem muss die Kommunikation auch auf das richtige Verständnis treffen. Schließlich kommuniziert China ja bereits mit dem Westen. Die Kluft ist jedoch noch sehr groß. Auch die Sprachbarriere spielt eine wichtige Rolle.

Über Jahrhunderte hinweg hat sich China gegenüber dem Rest der Welt abgeschottet. Ist die zaghafte Informationspolitik des Landes auch darauf zurückzuführen?

Ni Haifeng : Das mag teilweise so sein. Aber das ist nicht der Hauptgrund. Nicht nur China hat sich in der Vergangenheit abgeschottet. Viele andere Länder und Staaten taten und tun immer noch das Gleiche. Europa, mit seinen vielen Völkern und Staaten, stellt in diesem Zusammenhang eher die Ausnahme dar als China.

Was ist Ihrer Meinung nach der Hauptgrund für Chinas Abschottung?

Ni Haifeng : Das hängt mit den Überzeugungen der Kommunistischen Partei zusammen. Die Regierung glaubt, dass eine zu große Öffnung gegenüber anderen Staaten die Stabilität des Landes gefährden könnte.

Sie sind 1994 in die Niederlande emigriert. Wie kam es dazu?

Ni Haifeng : Meine Frau ist Holländerin. Ich habe sie in Peking kennengelernt. Sie reiste gerade durch China und mein Freund und Kurator Hans van Dijk hat sie mir damals vorgestellt.So wurden wir ein Paar. Als wir uns entschlossen, Kinder bekommen, zogen wir schließlich nach Holland.

Ihre Auswanderung hatte also keine politischen Gründe?

Ni Haifeng : Nein, in meinem Fall nicht. Aber es gab durchaus Künstler, die aus politischen Gründen ausgewandert sind. Viele von ihnen verließen China mehr oder weniger freiwillig. Allerdings durften einige nach den Vorfällen von 1989 am Platz des Himmlischen Friedens nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren. Viele wollten das auch gar nicht mehr.

War es schwer für Sie, sich in Holland zurechtzufinden?

Ni Haifeng : So etwas wie einen Kulturschock gab es jedenfalls nicht. Ich habe bereits vor meiner Auswanderung einige Zeit in Europa verbracht. Vieles wusste ich auch aus Büchern. Natürlich gab und gibt es kulturelle Unterschiede. Diese Unterschiede wurden mir jedoch nur schleichend bewusst. Als schlecht habe ich das aber nie empfunden. Vielmehr fand ich das sehr interessant.

Wäre Deutschland auch eine Option für Sie gewesen?

Ni Haifeng : Ich bin 1992 das erste Mal nach Europa gekommen. Das war im Rahmen der Ausstellung China Avantgarde im Berliner Haus der Kulturen der Welt. In Berlin habe ich dann fast ein Jahr verbracht, bevor ich nach Bonn gezogen bin. Nach dem Mauerfall war das eine sehr spannende Erfahrung. Ich habe Berlin als sehr lebhaft in Erinnerung. Ich hatte eine wirklich schöne Zeit in Deutschland. Ich hätte mir also sehr gut vorstellen können, dort auch länger zu leben.

Haben Sie eine Verbindung zwischen Ihrer Heimat und dem noch wenige Jahre zuvor sozialistischen Ostdeutschland gespürt?

Ni Haifeng : Leider bin ich erst Mitte der 90er das erste Mal nach Ostdeutschland gekommen. Dort empfand ich durchaus eine gewisse Vertrautheit, obwohl die Wiedervereinigung schon einige Jahre zurücklag. Die Spuren der sozialistischen Vergangenheit waren noch sehr präsent. Ich besuchte in Erfurt die Familie meines Assistenten. Unter dessen Angehörigen fanden sich viele Lehrer, wie auch in meiner Familie. Die Ähnlichkeit im Benehmen und Verhalten der Leute war erstaunlich.

1986 beendeten Sie Ihr Studium an der Zhejiang Art Academy in Hangzhou. Sie waren einer der ersten Absolventen der nach der Kulturrevolution wiedereröffneten Kunsthochschulen, die als Künstler unter dem Namen Generation of 85 bekannt sind. Sie studierten zu einer Zeit des politischen Wandels in China. An den Universitäten gab es regelmäßig Studentenproteste, die schließlich in den traurigen Ereignissen am Platz des Himmlischen Friedens gipfelten. Wie haben Sie persönlich diese Zeit erlebt?

Ni Haifeng : Ich war im Grunde sehr weit entfernt vom Epizentrum der Revolution. Zur Zeit der Proteste hatte ich mein Studium bereits beendet und war Lehrer in meiner Heimatstadt Zhouzhan. Es war in unserer Gegend keinesfalls so extrem wie in Peking. Dennoch spürte man eine gewisse Euphorie, und man merkte, dass sich etwas bewegt. Bis zu einem bestimmten Grad nahm ich an der Bewegung Teil, wie auch viele meiner Freunde und Schüler. Wenn man die euphorische Stimmung von damals betrachtet, war das sehr schön. Allerdings hatte ich das Gefühl, dass die Studentenbewegung nicht gut organisiert war. Die Studenten hatten eine sehr utopische Vorstellung von Freiheit und einer parlamentarischen Demokratie in China, ohne sorgfältig die Konsequenzen dieser Utopie zu durchdenken. Das war schon sehr naiv.

Hatten Sie auch Angst während dieser Zeit?

Ni Haifeng : Bis zu den Vorfällen am Platz des Himmlischen Friedens nicht. Danach hielt sich die Angst, wenn man das so nennen möchte, bei uns aber auch in Grenzen, weil sich die Vorfälle sehr weit weg von uns ereigneten.

Welche Rolle spielte die Kunst für die Bewegung?

Ni Haifeng : Sie hat eine tragende Rolle gespielt. Die Künstler waren Avantgardisten, die mit ihrer Kunst vorherrschende Tabus brachen. Mit unserer Art, die Realität zu durchbrechen, eröffneten wir neue Möglichkeiten. Dabei haben wir uns nicht wirklich politisch gefühlt. Aber wir haben gemerkt, dass wir eine neue Ära einläuten.

Wie hat sich die chinesische Kunstszene seitdem verändert?

Ni Haifeng : Nach 1989 kehrte vor allem die Generation of 85 zu einer gewissen Normalität zurück. Der größte Wandel kam nach der Jahrtausendwende, als sich die Globalisierung in China etablierte.

In Ihrem Werk „Return of the Shreds“ arbeiteten Sie mit Stoffresten aus chinesischer Produktion, die Sie in Holland zu einer Installation verarbeiteten. Wenn man die Kritik des Westens an China betrachtet und zugleich die Verantwortung des Westens für die Produktionsbedingungen in China, ist diese Doppelmoral etwas, das Sie sehr beschäftigt?

Ni Haifeng : Ja, diese Doppelmoral erkenne ich sehr deutlich. Mich interessiert vor allem das System von Konsum und Produktion. Auf der einen Seite können wir nicht ohne die kollektive Arbeiterklasse aus China leben. Auf der anderen Seite verachten wir aber die Produktion von Gütern unter solch schlechten Bedingungen. China und der Westen sind für mich Stellvertreter eines Systems, in denen eine Welt der Produktion auf eine Welt des Konsums trifft. Dabei nimmt China mittlerweile sowohl die Rolle des Produzenten als auch des Konsumenten ein.

Fühlt es sich als Chinese nicht absurd an, in Holland zu wohnen und zwangsläufig Produkte kaufen zu müssen, die in China produziert wurden?

Ni Haifeng : Das ist in der Tat ein merkwürdiges Gefühl, so, als würden die zwei Welten miteinander verschwimmen. Dieser Zustand des Vermischens und der schizophrenen Realität ist etwas, das mich sehr inspiriert.

Ihre Werke sind in der Regel politisch, ohne zu moralisieren, wirken dabei sehr dokumentarisch. Nicht immer entsprechen die Ideen eines Künstlers bei subtilen Werken jenen der Betrachter. Was trauen Sie den Betrachtern bei der Auseinandersetzung mit Ihren Werken zu?

Ni Haifeng : Zunächst muss ich Ihnen zustimmen. Meine Werke sind sehr politisch, aber auf eine sehr spezielle Weise. Ich moralisiere nicht, aber kein gutes Werk sollte moralisieren oder gar den Betrachter zu erziehen versuchen. Mein Verständnis von politischer Kunst bezieht sich auch weniger auf die Politik an sich, sondern auf die gesellschaftliche Realität. Ich arbeite subversiv gegen etablierte, politische und gesellschaftliche Systeme. Meine Werke schauen deshalb häufig nicht politisch aus, aber die Betrachter verstehen das.

In Ihrem Werk Unfinished Self Portrait codierten Sie Ihr Passfoto in eine Sequenz von digitalen Zeichen, die Sie während Ausstellungen immer wieder auf Gegenstände und Wände schreiben.

Ni Haifeng : Auch dieses Werk ist politisch und steht im Kontext zur technologischen Entwicklung unserer Zeit. Die 500 Seiten an Daten und Zeichen, welche das Passbild ergibt, beweisen deutlich, dass sich eine Identität durch den Menschen an sich überhaupt nicht vollständig erfassen lässt. Das Werk charakterisiert sich zudem darüber, dass der Code niemals ganz dargestellt werden kann. Das Werk ist zwar fortlaufend, wird aber nie vollendet werden können. Ich kann während der Ausstellungen lediglich Fragmente darstellen.

Dass Ihre Identität mit Ihrer Kunst eng verwoben ist, erkennt man vor allem in Ihren Selbstporträts von 1999 bis 2001. Dabei stellen Sie sich als „Teil der Geschichte des Porzellan-Exports“ dar, indem sie typisch chinesische und koloniale Porzellanmuster auf Ihrem Körper tragen. Ist das Ihre Antwort auf die Stereotypen, die sie als Chinese zu hören bekommen?

Ni Haifeng : Ja, das ist tatsächlich ein Aspekt dieser Arbeit. Allein durch die kulturelle Herkunft bekommen Personen, die wir sehen, eine fixe Identität. Ich wollte zeigen, wie absurd das eigentlich ist. Man erkennt auch, dass sich die Identität eines Chinesen über die Vergangenheit seiner Kultur ausdrückt. Sie sehen: die Identität eine Menschen setzt sich aus vielen komplexen Elementen zusammen.

Welche Rolle spielt die lange Tradition des Reiches der Mitte im heutigen China, das sich immer mehr am Westen orientiert?

Ni Haifeng : Die kommunistische Regierung macht sich diese Tradition sehr zunutze. Sie erfindet das historische Erbe des Landes neu, um es dem wilden und globalisierten Kapitalismus der Moderne gegenüberstellen zu können.

Mit ihren Werken vermitteln Sie häufig neue Sichtweisen. Ist das Ihre Hauptmotivation?

Ni Haifeng : Das kann man so sagen. Ich möchte den Leuten eine andere Sichtweise auf die bereits bestehenden und vorherrschenden Vorstellungen von Systemen und Ordnungen geben.

Auch die Beziehungen zwischen West und Ost spielen in eigentlich all Ihren Werken eine Rolle. Ist eine Betonung der Unterschiede und Kontraste überhaupt noch zeitgemäß?

Ni Haifeng : Die Kontraste zu betonen, ist sicherlich nicht mehr notwendig. Man sollte sich ohnehin nicht nur auf die Unterschiede konzentrieren, denn dafür ist die Sachlage zu komplex. Man sollte nicht in Kategorien von Staaten denken, sondern universeller und transzendenter.

Was kann man tun, um den Westen und China näher zusammen zu bringen?

Ni Haifeng : Man muss gar nichts dafür tun. Die Globalisierung sorgt automatisch dafür, dass der Prozess der Annäherung weiter fortschreitet. Die Finanzkrise hat schon gezeigt, wie abhängig China und der Westen voneinander sind.

Welche Künstler inspirieren Sie?

Ni Haifeng : Dazu kann ich nichts Genaues sagen, weil sich das ständig ändert bei mir. So etwas wie ein übergeordnetes Idol habe ich nicht.

Ai Weiwei ist in westlichen Medien so präsent wie kein anderer chinesischer Künstler. Was halten Sie von ihm und seiner aktuellen Situation?

Ni Haifeng : Seine derzeitige Situation ist sehr bedauerlich. Natürlich nutzte die Kommunistische Partei die angebliche Steuerhinterziehung als Vorwand, allerdings kann ich nicht beurteilen, ob er tatsächlich Steuern hinterzogen hat. Steuerhinterziehung ist in China weit verbreitet, weil es kein ordentliches Kontrollsystem für Steuerzahler gibt. Zudem ist bekannt, dass die meisten in China lebenden Künstler keine Steuern zahlen. Normalerweise ist das den Behörden relativ egal. Wenn es allerdings um die Beseitigung von „bösen“ Künstlern oder unerwünschten Personen geht, kann einem das schon zum Verhängnis werden. Dennoch hätte ich niemals damit gerechnet, dass sie ihn verhaften würden. Sein Vater war ein bekannter revolutionärer Dichter, und ich dachte immer, dass Ai gute Kontakte zu offiziellen Kreisen hätte, wobei man sich bei solchen Dingen nie ganz sicher sein kann. Es gibt allerdings eine Sache, die ich an Ais Ruhm im Westen nicht mag. Entweder erscheint er nur so, oder aber er spielt bewusst die Rolle eines chinesischen Künstlers, der den Idealvorstellungen des Westens entspricht: als engagierter Aktivist, als Dissident, der gegen die Unterdrücker des Regimes revoltiert, als Verkörperung des westlich-demokratischen Gedankens. Manchmal kommt mir das sehr klischeehaft vor. Auf der anderen Seite ist seine Arbeit meiner Meinung nach eher traditionell als politisch.

Herr Ni, vielen Dank für das Gespräch.

 

Text: Adrian Kummer / Fotos: Ni Haifeng

 

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