Christoph Rehage: Zu Fuß durch China

Christoph Rehage wanderte innerhalb eines Jahres 4.646 Kilometer durch China. Am Ende seines Abenteuers stehen zwei Bücher und ein Youtube-Video mit fast 4 Millionen Klicks.

Herr Rehage, Ihr Projekt heißt „The Longest Way“. Aber als was bezeichnen Sie das eigentlich, was sie da gemacht haben?

Christoph Rehage: Ich habe es immer „Rumlaufen“ genannt. Das fand ich ein nettes Understatement und nicht so altmodisch wie „Wandern“.

Was ist das beste Mittel gegen Blasen an den Füßen?

Christoph Rehage: Ich hatte zwar die ganze Zeit Blasen, habe aber nie ein Mittel dagegen gefunden. Ich dachte, mit der Zeit würde sich das legen und meine Füße sich abhärten. Das war dann leider nicht der Fall.

Hatten die Chinesen hilfreiche Tipps parat?

Christoph Rehage: Die wissen da auch nicht mehr als wir. Sie rieten mir, die Blasen aufzustechen, zu desinfizieren und bis zum nächsten Morgen zu trocknen. Auf keinen Fall sollte man die Blasen so lassen, wie sie sind. Die Flüssigkeit muss raus.

Sie legten 2007 und 2008 4.646 Kilometer zu Fuß zurück, von Peking bis nach Ürümqi. Ursprünglich war ein zweijähriger Marsch bis in Ihre Heimatstadt Bad Nenndorf geplant. Haben Sie die Reise unterschätzt?

Christoph Rehage: Überhaupt nicht. Da lief alles super. Ich war genau im Zeitplan.

Warum haben Sie den Marsch dann nach einem Jahr abgebrochen?

Christoph Rehage: Meine chinesische Freundin zog zum Studium nach Deutschland. Ich lernte sie schon vor dem Marsch kennen, als ich in Peking studierte. Dann stellte sich mir die Frage: Was ist dir wichtiger? Das Laufen oder dieses Mädchen? Deswegen beschloss ich, sie nicht länger warten zu lassen.

Wie romantisch! Ist das die Dame, die auch im Video auftaucht?

Christoph Rehage: Genau. Da war sie gerade wieder in China und besuchte ihre Eltern.

Mit oder ohne Sie?

Christoph Rehage: Sie nahm mich mit. Zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits viele Kilometer zurückgelegt, trug lange Haare, einen Vollbart und zerfetzte Klamotten. Die ganze Begegnung war ein Desaster. Sie schickten ihre einzige Tochter auf die Uni nach Deutschland und dann bringt sie so einen Freak mit nach Hause. Ein gut betuchter Ingenieur wäre ihnen vermutlich lieber gewesen.

Was haben Ihre Verwandten und Freunde zu Ihrem Projekt gesagt?

Christoph Rehage: Einige Freunde unterstellten mir Selbstdarstellung. Und mein Vater war auch nicht gerade begeistert von der Idee. Nur mein kleiner Bruder fand es cool, dass sein großer Bruder mit dem Rucksack durch China zog.

Zu Beginn der Reise

Was war die größte Herausforderung bei der Reise?

Christoph Rehage: Dass mein Plan ja ganz nett war, aber ich mir oft selbst im Weg stand. Ich war oft stur, obwohl ich mit Gelassenheit besser dran gewesen wäre, zum Beispiel wenn ich mich in Hotels beschwerte.

Haben Sie oft in Hotels geschlafen?

Christoph Rehage: In größeren Städten schon. Auf dem Land habe ich bei Privatleuten übernachtet. Viele Wanderarbeiter vermieten ihre leerstehenden Zimmer. Das war angenehmer, als es jetzt vielleicht klingt.

Wie haben Sie sich die Reise finanziert?

Christoph Rehage: Durch eine kleine Erbschaft. Und anstatt das Geld für die Rente zu sparen, entschied ich mich für den Trip.

War die chinesische Sprache ein Hindernis?

Christoph Rehage: Nein. Ich habe ja in Deutschland Sinologie studiert und danach zwei Jahre in Peking gelebt.

War das Gehen auf Dauer nicht etwas monoton oder sogar langweilig?

Christoph Rehage: Das ist wie im normalen Leben auch. Es gab tolle und langweilige Momente. Die Motivation war immer herauszufinden, was sich hinter dem Horizont verbirgt.

Welcher Ort war der schönste?

Christoph Rehage: Die alte Oasenstadt Dunhuang in der Provinz Gansu hat mir super gefallen und ist auf jeden Fall eine Reise wert. Die Stadt ist relativ klein und liegt an der Seidenstraße, direkt am Übergang zur Uigurenprovinz Xinjiang.

Und wo war es nicht so schön?

Christoph Rehage: Nach Schönheit habe ich gar nicht gesucht. Ich war immer auf der Suche nach dem Neuen. Deswegen wurde ich nie enttäuscht, auch wenn einige Orte auf manche Betrachter eher unschön wirken. Mich faszinierten sogar die grauen Industriestädte – auch weil mich dort immer tolle Hotels erwarteten. (lacht)

Der Bart wächst

Haben Sie sich bei der Reise manchmal einsam gefühlt?

Christoph Rehage: Das Gefühl hatte ich tatsächlich erst am Ende, als meine Freundin mein Vorhaben nicht mehr unterstützte.

Hatten Sie auch Begleiter während Ihres Marsches?

Christoph Rehage: Da gab es viele. Zum Beispiel den Radfahrer Huihui, der ein paar Tage sein Fahrrad neben mir herschob, wodurch wir Freunde wurden. Viele Väter schickten mir auch ihre Söhne hinterher, damit das Kind Englisch mit mir üben konnte. Und mein Bruder hat mich auch einmal besucht.

Was waren die wichtigsten Dinge in Ihrem Rucksack?

Christoph Rehage: Alle Dinge waren wichtig, denn der Platz war sehr begrenzt. Ich musste mir bei jedem Gegenstand überlegen, ob ich ihn wirklich brauchte.

Wie schwer war Ihr Rucksack?

Christoph Rehage: Er wog rund 23 Kilogramm. Dazu kam mein Kamera-Equipment, das ich zusätzlich mit mir herumtrug, wodurch ich immer zwischen 27 und 30 Kilo mit mir herumschleppte. Später hatte ich einen Wagen, den ich hinter mir herzog. Das hat das Vorhaben enorm erleichtert.

Und er wächst weiter...

Wie reagierten die Chinesen auf Ihr Projekt?

Christoph Rehage: Sie reagierten sehr verständnisvoll, viele musste auch lachen wegen diesem verrückten Westler. Jedoch habe ich gerade zu Beginn meinen Plan nie verraten, weil ich selbst unsicher war, ob ich es schaffen würde. Darum sagte ich den meisten Leuten, dass ich nur bis zur nächsten Stadt laufen würde. Überrascht hat mich allerdings, dass viele Chinesen mir versicherten, dass ein Chinese niemals auf so eine tolle Idee gekommen wäre. Das zeugt von ihrer Bescheidenheit, finde ich aber irgendwie schade. Denn es gibt sehr wohl Chinesen, die ganz ähnliche Sachen machen.

Wie zum Beispiel Xie Jianguang, dem Sie Ihr Youtube-Video widmeten.

Christoph Rehage: Genau. Xie läuft schon seit 1982 durch China, war sozusagen ein Pionier. Da fühle ich mich teilweise mit falschen Lorbeeren geschmückt.

Sind sind aber auch nicht nur gelaufen, sondern haben auch zwei Bücher geschrieben. Wie kamen die in der Volksrepublik an?

Christoph Rehage: Die Bücher verkaufen sich ganz gut in China. Jedoch gab es auch Kritik. Die Chinesen sehen es gerne, wenn Autoren die Eigenarten und die ungewöhnlichen Traditionen Chinas ausschweifend erklären. Das habe ich aber nicht gemacht. Ich wollte den Lesern vielmehr die Chance geben, sich aufgrund meiner Erlebnisse ein eigenes Bild zu machen.

In einem Land mit einer fremden Sprache, komplizierter Schrift und zum Teil gewöhnungsbedürftigen Essen, dazu als einziger Westler in einem Dorf mit einem riesigen Bart, der selbst in Deutschland Aufsehen erregen würde – fühlt man sich da nicht wie ein Mensch von einem anderen Stern?

Christoph Rehage: Das englische Wort „Alien“ gefällt mir ganz gut, weil es sowohl „Außerirdischer“ als auch „Fremder“ oder „Ausländer“ bedeutet. Aber wie ein Alien fühlt man sich in weiten Teilen Chinas auch als normaler Westler ohne Bart.

Kurz vor dem Ende

Hätten Sie erwartet, dass Ihr Video derart für Furore im Internet sorgen würde?

Christoph Rehage: Überhaupt nicht. Mir gefielen die Videos vom tanzenden Matt und von Noah, der jeden Tag ein Foto von sich macht. Deswegen beschloss ich, beide Ideen zu kombinieren. Natürlich hatte ich gehofft, dass die Sache gut ankommt. Aber so gut – damit hatte ich nicht gerechnet.

Neben Sinologie studieren Sie auch Russische Literatur. Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, das Projekt in Russland zu wiederholen und von Sibirien bis nach Moskau zu laufen?

Christoph Rehage: Durch Russland will ich eigentlich nicht laufen. Ich lerne Russisch, falls ich den ursprünglichen Weg irgendwann einmal weiterlaufen werde. Denn dann müsste ich viele Staaten durchqueren, in denen Russisch immer noch als Lingua franca gilt.

Herr Rehage, vielen Dank für das Gespräch.

 

Christoph Rehage, 32, kommt aus Bad Nenndorf in Niedersachsen. Rehage studierte Sinologie, Neue Geschichte und Russische Literatur in München. Vor seinem Marsch durch China lebte er bereits zwei Jahre in Peking, wo er unter anderem Kurse an der Pekinger Filmakademie belegte. Seine Reise hielt Rehage in mehreren Youtube-Videos, Fotos und den zwei Büchern The Longest Way und China zu Fuß fest.

Interview: Adrian Kummer / Fotos: Christoph Rehage