“Wir erzählen Geschichten anders”

Schauspielerin Li Bingbing will mit Filmen wie „Resident Evil“ und „Transformers“ den internationalen Durchbruch schaffen. Wir sprachen mit dem chinesischen Superstar über Historienfilme, ihren Freund Jackie Chan und den Wunsch, künftig mehr hinter der Kamera zu arbeiten.

Li Bingbing bei einem Event von Gucci

Frau Li, ursprünglich wollten Sie Grundschullehrerin werden. Wieso wurden Sie dann doch Schauspielerin?

Li Bingbing: Das war ein glücklicher Zufall. Während meiner Lehrerausbildung hatten wir Musik- und Tanzstunden. Und am Ende jedes Jahres stand eine große Vorführung, bei dem verschiedene Teams gegeneinander antraten. Einer der Preisrichter erkannte mein Talent und überzeugte mich, am Shanghai Drama Institute zu studieren. Ich hatte dabei keine Ahnung, was auf mich zukam. Als Mädchen vom Dorf wusste ich nicht viel von der Schauspielerei.

Wie hat der Preisrichter Sie überzeugt?

Li Bingbing: Er hat mir einfach nur gesagt, dass ich gut sei. Vielleicht hat er das auch zu vielen anderen Mädchen gesagt. Ich nahm seine Aussage trotzdem ernst und bewarb mich beim Shanghai Drama Institute. Erst später erfuhr ich, dass dort nur einer von 2.000 Bewerbern angenommen wird.

Gibt es Momente, in denen Sie es vorzögen, doch lieber Lehrerin geworden zu sein?

Li Bingbing: Ich liebe es, zu unterrichten. Vor allem wenn ich spüre, dass die Schüler wissbegierig sind. Aber die Schauspielerei ist auch eine Leidenschaft. Es bereitet mir viel Freude, verschiedene Leute zu beobachten und in meinen Charakteren zu portraitieren. Ich bin für beide Erfahrungen sehr dankbar.

Nicht viele chinesische Schauspieler sind im Westen bekannt. Wie erklären Sie sich das?

Li Bingbing: Es ist für keinen Schauspieler einfach, international erfolgreich zu sein – egal wo man herkommt. Natürlich haben amerikanische Schauspieler einen Vorteil, weil Filme aus den USA häufig international erfolgreich sind und das Land der größte Filmmarkt der Welt ist.

Wären die Chinesen dazu nicht auch in der Lage?

Li Bingbing: Unser Stil ist sehr speziell. Wir erzählen Geschichten anders. Es gibt viele tolle Filme aus China, doch die wenigsten davon könnten im Ausland kommerziell erfolgreich sein. Den Franzosen geht es, denke ich, ganz ähnlich. Mir persönlich gefallen ihr Arthouse-Stil und ihre Art, Geschichten zu erzählen. Aber auch ihre Filme werden selten international erfolgreich.

Li Bingbing mit ihrer eigenen Schmuck-Kollektion für Gucci

Warum steht das chinesische Publikum gerade auf Historienfilme?

Li Bingbing: Die lange Geschichte Chinas bietet viel Stoff. Viele Ereignisse wurden sogar mehr als einmal verfilmt, weil das Publikum bestimmte Klassiker einfach liebt. Den Leuten gefällt es, in eine andere Welt zu flüchten. Das liegt vor allem am Alltagsstress.

Gemeinsam mit Ihrem Kollegen Jackie Chan haben Sie den Film „1911“ koproduziert und die Hauptrollen gespielt. Wollen Sie künftig mehr hinter der Kamera arbeiten?

Li Bingbing: Beide Seiten faszinieren mich. Vor zehn Jahren hätte ich noch gesagt, dass mich das Rampenlicht mehr reizt als die Arbeit im Hintergrund. Doch als Regisseurin oder Produzentin sind die Gestaltungsmöglichkeiten größer. Deswegen will mich künftig mehr der Arbeit hinter der Kamera widmen.

Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Jackie Chan beschreiben?

Li Bingbing: Wir sind gute Freunde. Jackie ist wie ein großer Bruder für mich, immer witzig und fürsorglich. Und er ist ein Mensch wie Sie und ich, obwohl er für viele Menschen ein Vorbild ist. Ich respektiere ihn auch als Kollegen. Er ist ein großartiger Schauspieler. Mit seinen Filmen bringt er China dem Westen so nah wie kaum ein anderer Chinese.

In Kooperation mit Gucci kreierten Sie Ihre eigene Schmuck-Kollektion. Zudem dienen Sie der Marke als Gesicht bei Werbekampagnen. Wie wichtig ist Ihnen Luxus?

Li Bingbing: Wichtig sind mir vor allem die Qualität und der Nutzwert eines Produktes. Deswegen muss es aber nicht zwangsläufig ein Luxusprodukt sein. Das passt auch gut zu Gucci, weil die Marke schlichte Eleganz und Unabhängigkeit ausstrahlt.

Welche anderen Luxusmarken mögen Sie?

Li Bingbing: Die Namen sind für mich zweitrangig. Allerdings begeistere ich mich für junge Designer. Die sind meist kreativer und fantasievoller als die etablierten.

Sind Sie ein Fashion Victim?

Li Bingbing: Als Star ist man wichtig für die Modeindustrie, wenn man ihre Produkte in der Öffentlichkeit trägt. Das gehört einfach dazu. Privat trage ich aber auch T-Shirt und Jeans, wie jeder andere.

Sie setzen sich in China öffentlich für die Umwelt ein. Welche Rolle spielt der Umweltschutz heute in China?

Li Bingbing: Früher hat das niemanden interessiert. Heute denken die Leute anders. Sie wollen nicht mehr Geld um jeden Preis, sondern sind bereit, Opfer zu bringen. Die starke Umweltverschmutzung ist der Preis für das rasante Wirtschaftswachstum. Es wird Zeit brauchen und nur schrittweise gelingen, die Umwelt wieder zu entlasten. Ich hoffe, dass der Himmel bei uns bald wieder so blau sein wird wie in den USA oder in Europa.

Was tun Sie persönlich im Alltag gegen die Umweltverschmutzung?

Li Bingbing: Es ist wichtig, bei sich selbst im Kleinen zu beginnen, um die große Wende zu schaffen. Auf Reisen verwende ich zum Beispiel immer meine eigenen Hygieneprodukte und Slipper, um nicht auf die Wegwerfprodukte in den Hotelzimmern zurückgreifen zu müssen.

Wo wohnen Sie, wenn Sie nicht auf Reisen sind?

Li Bingbing: In meinem Appartement in Peking.

Und wo auf der Welt sind Sie am liebsten?

Li Bingbing: Da gibt es viele Orte. In China bin ich am liebsten ins Peking. Die Stadt sprüht vor Tradition und Kultur. Nur die Luft ist ziemlich schlecht. In Europa haben es London und Rom mir angetan. In den USA gefällt mir Los Angeles, weil das Wetter dort so gut ist.

Frau Li, vielen Dank für das Gespräch.

 

Li Bingbing, 40, stammt aus Harbin und ist eine der berühmtesten Schauspielerinnen Chinas. Li studierte Schauspiel am Shanghai Drama Institute. Mit ihren Filmen erlangte sie vor allem im chinesischen Sprachraum Bekanntheit, was ihr zahlreiche Werbedeals mit großen westlichen Marken einbrachte. In „Resident Evil: Retribution“ (2012) spielte sie erstmals eine tragende Rolle in einer westlichen Produktion. Derzeit ist sie mit den Dreharbeiten für den vierten Teil des Hollywood-Blockbusters „Transformers“ beschäftigt.

Interview: Adrian Kummer / Fotos: Gucci