Interview mit Cui Jian: Wieder auf Tour

Cui Jian ist eine lebende Legende. Er gilt als Wegbereiter und Pionier der Rockmusik in China. Obwohl er der Regierung jahrelang ein Dorn im Auge war, gibt er heute wieder große Konzerte im ganzen Land.

Cui Jian während des Interviews in Peking

Herr Cui, können Sie sich noch an Ihre ersten Auftritte erinnern?

Cui Jian: Nicht wirklich. Aber ich erinnere mich noch gut an den Auftritt, der mein Leben veränderte. Ich spielte 1986 im Fernsehen das Lied „Ich habe überhaupt nichts“ (Anm. d. Red.: Das Lied finden Sie hier mit Text und deutscher Übersetzung). Allein dieses Lied hat es geschafft, die Wahrnehmung von Popmusik in China komplett zu verändern.

Die Performance sorgte für den ersten Skandal Ihrer noch jungen Karriere. Später wurde das Lied sogar zur Hymne der Studentenproteste. Um was geht es in dem Lied?

Cui Jian: Es ist eigentlich nur ein Liebeslied. Doch für viele steckt mehr darin, denn es geht um das Konzept von Liebe, und das beinhaltet auch die Aspekte Aufbruch, Freiheit und Überzeugung.

Warum wählten die Studenten ausgerechnet Ihr Lied?

Cui Jian: Das hat sich einfach so ergeben. Im Grunde hatten sie kaum eine andere Wahl. Damals steckte die Popmusik in China noch in den Kinderschuhen. Es gab fast nur Revolutionshymnen und Volkslieder. Und mit meinem Lied konnten die Studenten sich am ehesten identifizieren.

Viele Leute behaupten, Ihre Musik sei allgemein sehr politisch.

Cui Jian: Ich versuche durchaus, meine Lieder mit politischen Botschaften aufzuladen. Aber man sollte meine Musik nicht nur darauf reduzieren. Es ist wichtig, dass man etwas zu sagen hat. Die beste Musik setzt sich aus drei Elementen zusammen: dem Sound, der Energie und der Botschaft.

1989 veröffentlichten Sie mit der Band ADO Chinas erstes Rock-Album „Rock ’n’ Roll auf dem neuen Langen Marsch“. Wie haben die Leute damals reagiert?

Cui Jian: Ich würde sogar behaupten, dass es Chinas erstes Pop-Album war. Wir waren Pioniere, und das schätzen die Menschen auch heute noch. Vor unserem Album kannten die Leute nur traditionelle chinesische Musik. Doch nicht nur musikalisch unterschieden wir uns. Auch unsere Texte waren etwas Neues. Wir sangen über uns, über unsere Probleme, Gefühle und Gedanken. Und obwohl das alles neu war, haben die Leute unsere Musik sofort verstanden.

Wie wichtig sind Ihnen Ihre Texte?

Cui Jian: Sie bedeuten mir sehr viel. Melodien können langweilig werden, aber über die Texte denkt man immer wieder nach. Meine Texte inspirieren die Leute, selbst nachzudenken. Das finde ich großartig.

Ihre Texte machten Sie in den Augen der Öffentlichkeit auch zu einem Rebellen.

Cui Jian: Das sagt man gerne über mich, aber es gefällt mir nicht. Ich brüte meine Lieder alleine im Studio aus, aber sobald ich sie mit der Öffentlichkeit teile, gehören sie uns allen. Der rebellische Geist, den man mir zuschreibt, steckt eher in den Leuten selbst. Meine Texte sind das, was die Leute daraus machen. Wenn sie sagen, dass ich ein Rebell bin, dann deswegen, weil sie ihre rebellischen Ideen in meinen Texten wiederfinden.

Wie fühlt es sich für Sie an, wenn die Leute Sie als Rebellen bezeichnen?

Cui Jian: Ich habe das Gefühl, dass man mich nicht richtig versteht. Ich kenne mich selbst am besten. Und ich bin kein Rebell, der als Anführer im Mittelpunkt steht.

Cui Jian live auf der Bühne

Obwohl Sie im Ausland weniger bekannt sind, spielen Sie hin und wieder auch im Ausland. Sind Konzerte im Westen etwas Besonderes für Sie?

Cui Jian: Auf jeden Fall. Ich denke gerne daran zurück, zum Beispiel an das Roskilde Festival in Dänemark 1996. In Berlin habe ich übrigens auch schon gespielt, gemeinsam mit Udo Lindenberg.

Udo Lindenberg gilt in Deutschland, wie Sie in China, als „Godfather of Rock ’n’ Roll“. Sie zwei sind sich also vom politischen und musikalischen Stellenwert für Ihre Heimat sehr ähnlich.

Cui Jian: Danke, ich nehme das als Kompliment. Das ehrt mich sehr.

Wie haben Sie Udo Lindenberg damals wahrgenommen?

Cui Jian: Ich habe Udo bereits 2002 in China kennengelernt. Später begleitete ich ihn als Special Guest auf einer Tour durch zehn deutsche Städte. Wir hatten sehr viel Spaß miteinander, er ist ein toller Typ.

Wie wichtig sind Ihnen Live-Auftritte im Vergleich zur Studioarbeit?

Cui Jian: Das hängt davon ab, wie viel Zeit ich im Studio verbringe. Allgemein liebe ich die Arbeit im Studio. Doch wenn sie zu lange dauert, kann sie zur Tortur werden. Es ist immer ein schmaler Grat. Zudem bin ich ein Perfektionist, weshalb ich mich im Studio auch mal quäle.

Spielen Sie im Studio alle Instrumente selbst ein?

Cui Jian: Ich spiele meistens nur die Gitarre. Dabei bin ich ausgebildeter Trompetenspieler. Früher spielte ich sogar für die Pekinger Philharmonie.

Haben Sie immer noch ein Faible für klassische Musik?

Cui Jian: Ich liebe klassische Musik! Das beeinflusst auch meine Arbeit. Im Mai 2012 spielte ich ein Konzert, in dem wir Rockmusik mit Klassik kombinierten. Daraus ist auch ein 3D-Konzertfilm entstanden, der in den chinesischen Kinos lief.

Cui Jian im Interview in Peking

Welche Komponisten haben es Ihnen besonders angetan?

Cui Jian: Igor Strawinski ist einer meiner Favoriten. Ich liebe seine Frühlingsweihe. Und ich besuche alle Mahler-Konzerte in Peking.

Taugt das Nationaltheater in Peking denn etwas?

Cui Jian: Nicht wirklich. Aber hin und wieder kommen auch sehr gute Dirigenten und Orchester in die Stadt.

Woher rührte Ihr Wandel vom Orchestermusiker zum Rockstar?

Cui Jian: Ich habe Rockmusik schon immer geliebt. Ich mochte daran, dass sich mein Horizont wie von Zauberhand nur durch das Hören dieser Musik erweiterte. Ich habe sie gehört und sofort verstanden. Und was besonders schön an Rockmusik ist: man kann sie autodidaktisch spielen lernen.

Können Sie sich noch an Ihre erste Platte erinnern?

Cui Jian: Das weiß ich nicht mehr, es waren so viele, nicht einmal unbedingt Rockmusik. Ich habe mit Country angefangen, später hörte ich Hip-Hop, Jazz und Punk. Für mich gibt es sowieso nur zwei Arten von Musik: gute und schlechte.

Anders gefragt: wie fühlte es sich an, als Sie das erste Mal westliche Musik hörten?

Cui Jian: Ein Freund brachte eine überspielte Kassette aus Kanada mit. Darauf befanden sich hauptsächlich Rap-Songs. Ich hatte so etwas noch nie in meinem Leben gehört, ich wusste nicht einmal, wie man diese Musik nennt. Public Enemy fand ich zum Beispiel ziemlich gut. Ich verstand ihre Texte nicht, aber ich spürte gleich, dass das meine Musik ist, dass sie zu mir gehört. Ich setzte mich oft mitten in der Nacht aufs Fahrrad, fuhr durch Peking und hörte Musik. Ich kann mich auch daran erinnern, früher oft mit Kopfhörern auf dem Platz des Himmlischen Friedens gelegen zu haben, die Schnur meines Drachens in der Hand.

Wie alt waren Sie damals?

Cui Jian: 24.

Also nicht unbedingt jung, als Sie das erste Mal westliche Musik hörten.

Cui Jian: Es war nicht einfach damals, an westliche Musik zu kommen. Wir mussten die Musik selbst von Kassette zu Kassette überspielen. Auf diese Weise kam ich in den Besitz tausender Musikkassetten.

Cui Jian live auf der Bühne

2002 waren Sie Co-Organisator des Snow Mountain Music Festival in Lijiang. Wieso ging das Festival als Chinas Woodstock in die Geschichte ein?

Cui Jian: Das Festival in Lijiang unterschied sich vor allem durch seine Größe, dazu kam eine magische Atmosphäre inmitten der eindrucksvollen Natur um Lijiang. Zudem unterstützten uns die lokalen Behörden. Davor gab es fast nur Festivals, die sozusagen im Untergrund stattfanden.

Wie viele Leute kamen damals?

Cui Jian: Insgesamt hatten wir 20.000 Zuschauer an drei Tagen.

Die Unterstützung der Regierung mag für viele Westler normal klingen. Doch früher hielt man Rockmusik in China für gefährlich – Sie eingeschlossen. Hat sich das verändert?

Cui Jian: Ich halte Rockmusik in jedem Land der Welt für gefährlich. In Europa übrigens sogar mehr als hier. Vor allem in Kombination mit Drogen kann Rockmusik für einzelne Menschen sehr gefährlich werden. Denn Rockmusik heißt im Grunde: scheiß auf alles! Dabei sollte man seinen Körper jedoch respektieren. Udo beschreibt das in seinem Lied „Mein Body und ich“ ziemlich gut.

Drogen und zerstörte Körper, das klingt sehr nach Sid Vicious und den Sex Pistols. Hören Sie Punk Rock?

Cui Jian: Sehr gerne sogar. Ich liebe The Clash.

Wie stehen Sie zum Thema Drogen?

Cui Jian: Drogen können gefährlich sein, gar keine Frage. Sie können Existenzen und ganze Familien zerstören. Allerdings können manche Substanzen auch positive Effekte auf den menschlichen Körper haben. Wenn Drogen dich glücklich machen und keinem anderen schaden, dann ist das nicht unbedingt eine schlechte Sache.

Nach den Studentenprotesten konnten Sie nicht mehr so häufig auftreten wie früher. Heute läuft wieder alles wie gehabt. Was sagt das über Chinas Entwicklung in den letzten Jahren aus?

Cui Jian: Sie spielen mit der Frage auf Demokratie und Menschenrechte an. Dazu kann ich nur sagen: man muss sich in China an die Spielregeln halten, anders geht es nicht. China hat sich in den letzten Jahren wirtschaftlich weiterentwickelt. Und das brachte auch positive gesellschaftliche und politische Veränderungen mit sich. Ohne den wirtschaftlichen Einfluss des Westens wäre das nicht möglich gewesen.

Glauben Sie, dass Xi Jinping Ihre Musik hört?

Cui Jian: Das kann ich mir nur schwer vorstellen.

Würde sie ihm denn gefallen?

Cui Jian: Das glaube ich nicht. Xi Jinping und ich definieren Schönheit und Ästhetik völlig unterschiedlich. Er ist mit Peng Liyuan verheiratet, einer traditionellen Volkssängerin. Darum wird er mit Rockmusik nicht viel anfangen können.

Cui Jian während des Interviews in Peking

Sie tragen stets eine Baseball-Cap mit rotem Stern. Was hat es damit auf sich?

Cui Jian: Es steht für unsere Generation, für die Menschen unter dem roten Stern. Außerdem habe ich andere Motive ausprobiert, aber der Stern sieht einfach am besten aus.

Wo kaufen Sie die Mützen?

Cui Jian: Die lasse ich anfertigen, es sind Unikate. Meine erste Cap wurde übrigens von einer Putzfrau in einem Hotel in Guangzhou genäht, während ich auf Tour war. Meine Mütze hatte ein Loch und brauchte einen Flicken. So kam der Stern drauf.

Zuletzt gingen Sie selbst unter die Regisseure. Wenn alles gut läuft, wird Ihr erster Film „Blue Bone“ sogar auf der Berlinale 2014 gezeigt. Worum geht es in dem Film?

Cui Jian: Es geht um einen jungen Musiker, der ohne seine Mutter aufwuchs. Als sein Vater im Sterben liegt, macht er sich auf die Suche nach ihr. Ein Wettlauf gegen den Tod beginnt. Um seine Mutter zu finden, spielt auch seine Musik eine wichtige Rolle.

Wollten Sie schon immer einen Film drehen?

Cui Jian: Der Gedanke hat mich schon länger beschäftigt, weil die Ausdrucksmöglichkeiten im Film so vielfältig sind. Außerdem sehe ich gerne Filme. Ein guter Film ist einem guten Song übrigens ganz ähnlich: er braucht die passende Aufmachung, Energie und eine Botschaft.

Welche Filme sehen Sie privat am liebsten?

Cui Jian: Da gibt es viele. „Der Pate“ oder „Goodfellas“ zum Beispiel.

Sie stehen wohl auf Mafia-Filme.

Cui Jian: Aber Goodfellas und Der Pate sind sich nur auf dem ersten Blick ähnlich. Anders als Der Pate, zeigt Goodfellas die ganze Niedertracht der Mafia. Bevor Martin Scorsese Goodfellas drehte, sagte er zu mir: „Ich arbeite gerade an einem Film, für den ich viel Ärger mit der Mafia bekommen könnte.“ Das sagt schon einiges über diesen Film aus.

Herr Cui, vielen Dank für das Gespräch.

Cui Jian, 52, wurde als Sohn koreanischer Eltern in Peking geboren und gilt als Pionier der chinesischen Rockmusik. Noch während er von 1981 bis 1987 für das Pekinger Philharmonische Orchester Trompete spielt, beginnt er seine Karriere als Solomusiker.1986 landet er mit der Ballade „Ich habe überhaupt nichts“ seinen ersten Hit, der später zur Hymne der Studentenproteste wird. 1988 veröffentlicht er mit der Band ADO Chinas erstes kommerziell erfolgreiches Pop-Album. Trotz Zensur und Probleme mit den Behörden wurde Cui Jian einer der erfolgreichsten Musiker seines Landes und kann heute wieder weitestgehend frei arbeiten und auftreten.

Interview: Adrian Kummer & Verena Weber / Portraitfotos: Wang Bo / Konzertfotos mit freundlicher Erlaubnis von Cui Jian

 

Hier finden Sie Cui Jians beliebtesten Song „Ich habe überhaupt nichts“ in der deutschen Übersetzung.