Wie man auf Chinas Twitter zensiert wird

Der US-amerikanische Non-Profit-Newsdesk ProPublica geht den Weibo-Zensur auf die Spur. Mit Hilfe einer Software analysiert er den Krieg zwischen militanten Usern und hunderten Zensoren.

Jon Russell / Flickr

Foto: Jon Russell / Flickr

Das Wort „Panzer“. Fotos und Namen von Dissidenten. Bilder von Gummienten. Jede Erwähnung von Protesten in Tibet oder Bo Xilai, des in Ungnade gefallenen Führungsmitglieds der Kommunistischen Partei. Politische Karikaturen.

Täglich werden mehr als 100 Millionen Inhalte gepostet auf Sina Weibo, dem Mikroblogging-Dienst, der auch als Chinas Twitter bekannt ist. Jeden Tag durchkämmen Zensoren die Beiträge nach allem, was die von der Regierung propagierte „harmonische Gesellschaft“ in Frage stellt.

Die Art und Weise, wie die Weibo seine User zensiert, unterliegt ähnlicher Geheimhaltung wie die zensierten Inhalte selbst. Deswegen entwickelte ProPublica ein interaktives Tool, das den Lesern die Möglichkeit bietet, die für chinesische Augen zu heiklen Bilder zu sehen und zu verstehen.

Weil die chinesische Regierung beliebte internationale Dienste wie Twitter oder Facebook blockiert, übt Sina Weibo mit seinen rund 500 Millionen Nutzern einen großen Einfluss auf Chinas Alltag aus. Doch obwohl die Meinungen und das Niveau in den Beiträgen stark schwanken – wirklich frei ist Weibo nicht.

Weibos Zensoren meistern eine Gratwanderung, die man häufig im modernen China beobachten kann. Gewähren sie den Nutzern zu viele Freiheiten, wird die Regierung die Seite schließen. Blockieren sie jedoch zu viele Inhalte, verlieren sie Nutzer an die Konkurrenz.

 

Bilder im Fokus

Obwohl es viele Recherche-Projekte gibt, die sich dem Aufspüren gelöschter Inhalte auf Weibo widmen, hat man sich bisher nur wenig mit den zensierten Bildern und deren Bedeutung beschäftigt.

Seit fünf Monaten durchläuft deshalb eine ProPublica-Software 100 Weibo-Profile, indem sie jeden Bildbeitrag notiert und wiederholt prüft, ob die Fotos gelöscht wurden. Die Sammlung umfasst beinahe 80.000 Beiträge, von denen mindestens 4.200 von den Zensoren gelöscht wurden. Das sind mehr als fünf Prozent der Inhalte.

ProPublica stellte ein Team mit profunden Mandarin-Fähigkeiten zusammen, um 527 Bilder zu übersetzen, die im Sommer im Zeitraum von zwei Wochen gelöscht wurden. Unter den wichtigsten Ereignissen in dieser Zeit: Der Fall Bo Xilai, ein Protest weiblicher Polizistinnen und die Verhaftung von Xu Zhiyong, dem Mitbegründer einer verbotenen Nichtregierungsorganisation, die für Demokratie eintritt.

Weibo Analyse auf Propublica

Foto: 21China / ProPublica

 

Nicht der Staat, sondern Weibo zensiert

Weibo bemüht sich bereits länger um die Gunst der Regierung – auch schon bevor die Regierung beliebte Nutzer wegen des „Verbreitens von Gerüchten“ verhaftete.

Nutzer, die regelmäßig verbotene Inhalte veröffentlichen oder viele Follower haben, werden aussortiert und laufen Gefahr, verhaftet zu werden. Ein Nutzer, der aus Sicherheitsgründen unbekannt bleiben möchte, kritisierte auf Weibo das Fehlverhalten eines lokalen Parteikaders. Kurz danach erhielt er eine Direktnachricht. „In der Nachricht stand, dass sie alles über mich und meine Familie wüssten“, sagt der Nutzer. „Und dass ich sie zwar nicht sehen könne, sie aber mich. Falls ich wüsste, was gut für mich ich sei, sollte ich den Beitrag lieber löschen. Sie würden mich ständig beobachten.“ Der Nutzer musste schließlich nachgeben, weil er „um seine Sicherheit fürchtete.“ Seitdem postet er keine Beiträge mehr, in denen er einen Parteikader beim Namen nennt.

Vieles weist darauf hin, dass chinesische Unternehmen die Zensur so gut beherrschen wie niemand sonst auf der Welt. Beiträge werden beispielsweise bereits abgelehnt, bevor sie den Nutzer überhaupt erreichen können, wenn sie Worte aus Weibos Sperrliste enthalten, zum Beispiel den Begriff „Panzer“. Doch auch das beste automatische Filtersystem kann scheitern. Die User umgehen die Technik häufig mit Wortwitzen, Sarkasmus und typografischen Tricks.

 

Die Waffen der Nutzer

„Die chinesische Sprache bietet Ausweichmöglichkeiten, indem man zum Beispiel verbotene Schriftzeichen durch andere Schriftzeichen ersetzt, die gleich klingen oder ähnlich aussehen,“ schreibt Politikwissenschaftler Gary King in  seiner Studie über Zensur in China. So kann die eigentlich sinnlose chinesische Zeichenkombination „Auge Feld“ den beiden Zeichen für „Freiheit“ ähneln.

Und eine politische Bildmanipulation kann die harmlose Bezeichnung „riesige gelbe Ente“  in eine verständliche Metapher für die Panzer am Platz des Himmlischen Friedens verwandeln.

„Die chinesischen Internetnutzer haben auch Ironie als ihr Mittel des Protests etabliert“, schreibt Jason Ng in seinem Buch Blocked on Weibo. „Bekenntnisse zur Regierung wie ‚Sozialismus ist gut’ oder ‚Mein lokaler Parteioffizieller vertritt meinen Standpunkt’ sind häufig sarkastisch gemeint.“

An dieser Stelle springen die menschlichen Zensoren ein. Weibo beschäftigt hunderte Menschen, um Beiträge zu löschen, die durch die Filter rutschen. Und verbotene Inhalte haben keine lange Lebensdauer. Recherchen ergaben, dass 30 Prozent solcher Beiträge bereits nach fünf bis 30 Minuten verschwinden. Nach 24 Stunden sind es sogar 90 Prozent. Der Blick der Zensoren richtet sich dabei vor allem auf Posts, die sich viral verbreiten oder zu gemeinsamen Aktionen anrufen.

Auf diese Weise ist ein harter Kampf entbrannt. Messerscharfe digitale und intelligente menschliche Zensoren tragen ihn gegen Nutzer aus, die typografische Tricks und obskure Metaphern verwenden. Beim Einstellen von Bildern profitieren die Nutzer von den Defiziten der Technik, die Bilddateien nur schwer aussortieren kann. So überwinden Bilder der Proteste am Platz des Himmlischen Friedens die Algorithmen ebenso wie Fotos in Ungnade gefallener Politiker. Sie können erst später manuell von Menschen gelöscht werden.

 

ProPublica liefert Hintergründe

ProPublica veröffentlicht die gelöschten Bilder und zum Teil die Übersetzungen der dazugehörigen Texte. Gleichzeitig versucht die Non-Profit-Organisation, die Bedeutung der Bilder zu transportieren, indem sie die kulturellen Hintergründe der Bilder erläutert, dargestellte Persönlichkeiten vorstellt oder unterschwellige Botschaften dechiffriert.

Die zensierten Bilder der 100 Weibo Accounts lassen sich in 10 Strömungen einteilen, die eine heterogene chinesische Kultur widerspiegeln. Sie liefern einen Einblick in das Selbstbild der Elite und ihrer Ängste, aber auch ein Verständnis für das Zensursystem Chinas. ProPublica bat Sina Weibo auch um eine Stellungnahme, die jedoch bis zur Veröffentlichung dieses Artikels verwehrt wurde.

Teile der Recherchen wurden in Zusammenarbeit mit dem Spatial Information Design Lab und dem Brown Institute for Media Innovation an der Columbia University durchgeführt. Das Columbia Projekt mit dem Titel „Jumping the Great Firewall“ verwendet dieselbe Methodik und wurde in Partnerschaft mit dem Pen American Center und Thomson Reuters realisiert.

 

Text: ProPublica / Übersetzung: 21China