Von Mao zum Maßanzug

Sakko, Hemd und Schlips haben die klassischen Maoanzüge in China längst abgelöst. Für den Wandel ist ein liberaler Politiker verantwortlich, der Maos Thesen verachtete und China gemeinsam mit Deng Xiaoping reformierte: Hu Yaobang.

Der traditionelle Maoanzug ist schon lange passé in Chinas Politik, und trotzdem tragen Chinas Politiker immer noch Uniformen, als gäbe es einen ungeschriebenen Kodex: dunkle Anzüge, weißes Hemd und konservative Krawatte mit Windsorknoten.

Deng_Xiaoping_NARADeng Xiaoping und Jimmy Carter bei einem Staatsempfang 1979 / Foto: NASA

Doch noch bis in die 80er Jahre hinein wäre dies undenkbar gewesen. Wenn chinesische Parteikader überhaupt westliche Anzüge trugen, dann nur bei Auslandsbesuchen. Darum reagierten die Chinesen auch einigermaßen geschockt, als sie am 21. Oktober 1984 im Fernsehen sahen, wie Hu Yaobang, Generalsekretär der Kommunistischen Partei, bei einer Zusammenkunft des Zentralkommitees einen dunkelgrauen Herrenanzug trug.

 

Der Anzug als Symbol der Öffnung

Jiang_Zemin_US_NabyStaatspräsident Jiang Zemin bei einem Staatsempfang auf Hawaii 1997 / Foto: US Navy

Der liberale Hu galt als die rechte Hand seines Mentors Deng Xiaoping, mit dem er Chinas Wirtschaft reformierte und das Land in Richtung Westen öffnete. Inmitten dieser Aufbruchstimmung läutete Hu mit seinem Auftritt eine Wende in der chinesischen Herrenmode ein. Fortan wagten sich auch andere Politiker in den westlichen Zwirn, bis der Trend spätestens Anfang der 90er auch in der chinesischen Bevölkerung ankam. Der Maoanzug hatte ausgedient, er symbolisierte das alte China, während Staatspräsident Jiang Zemin mit Anzug und markanter Hipster-Brille zur erste politischen Stilikone der Volksrepublik wurde. Sein Anzug signalisierte in Richtung Westen: Wir sind bereit uns anzupassen, uns zu verändern, uns zu modernisieren, zu kooperieren.

 

Hu Yaobang und die Studentenproteste

Hu Yaobang stand für eine liberale Politik, für mehr Transparenz und für einen fairen Umgang mit Tibet. Hu wollte sogar die Essstäbchen abschaffen und durch westliches Besteck ersetzen, um die Verbreitung von Infektionskrankheiten einzudämmen.

Hu_Thierry_EhrmannPortrait von Hu Yaobang / Foto: Thierry Ehrmann (Flickr)

Im Januar 1987 wurde ihm seine offene Haltung jedoch zum Verhängnis. Er musste von seinen Ämtern zurücktreten und gab reuig bekannt “Fehler bei den wichtigsten politischen Themen” begangen und “die Grundsätze der Partei, allen voran der kollektiven Führung” verletzt zu haben. Weil er sich einsichtig zeigte, durfte er allerdings im Politbüro verbleiben.

Obwohl Hu am Ende als Politiker am Ende resignierte, veränderte er die Volksrepublik entscheidend – sowohl mit wirtschaftspolitischen Reformen, als auch mit der symbolträchtigen Etablierung des westlichen Anzugs. Vor allem Intellektuelle, allen voran die Studenten, schätzten die Bestrebungen Hus. Sein Tod am 15. April 1989 wurde so am Ende zum Auslöser für Studentenproteste am Platz des Himmlischen Friedens.

 

Text: Adrian Kummer