Verleger aus Überzeugung

Liu Guosheng, Chef und Gründer des Reiseveranstalters China Tours, sorgt sich um die Wahrnehmung Chinas in Deutschland. Deswegen startete er die Deutsch-Chinesische Allgemeine Zeitung. Ein Gespräch über Tourismus, Behörden und den kulturellen Dialog.

Liu Guosheng

Herr Liu, China verfügt über ein touristisches Angebot, um das es andere Länder beneiden könnten: Städtetrips nach Peking und Shanghai, Abenteuer in Tibet oder Strandurlaub auf Hainan. Wieso wirbt China trotzdem kaum als Destination im Ausland?

Liu Guosheng: Das trifft vor allem auf die Situation in Europa zu. Denn aus dem asiatischen Ausland strömen bereits viele Touristen nach China. Trotzdem messen Chinas Führer dem internationalen Tourismus wirtschaftlich wenig Bedeutung bei – im Gegensatz zum Binnentourismus, der eine wichtige Rolle spielt. Deshalb gibt es auch kaum Werbung in Deutschland. Das chinesische Fremdenverkehrsamt beschäftigt in Deutschland gerade einmal zwei Leute. Bei den Kollegen aus Thailand dürften es zwischen 50 und 100 Mitarbeiter sein. Sogar beim Fremdenverkehrsamt von Hong Kong arbeiten mehr Personen.

Wird sich das, auch angesichts von Investitionen wie in Tibet, in naher Zukunft ändern?

Liu Guosheng: Es hat sich bereits einiges geändert. Die Provinzen bekommen mehr Freiraum, um unabhängig für ihre Destinationen zu werben. Aber noch fehlt es an Know-how. Man muss sich nur die Delegationen anschauen, die nach Deutschland reisen und ihre Budgets verpulvern – ohne wirkliches Verständnis von effektivem Marketing.

Hat sich die Nachfrage nach Chinareisen in den letzten Jahren verändert?

Liu Guosheng: Mit der wachsenden Nachfrage verändern sich natürlich die Wünsche der Reisenden. Immer mehr Leute trauen sich Individualreisen zu, auch wenn die Mehrheit China weiterhin in Gruppen bereist.

Der chinesische Staat wird auf die wachsende Nachfrage reagiert haben. Ist die Arbeit mit den Behörden dadurch leichter geworden?

Liu Guosheng: Die Behörden sind bemüht, aber es klappt nicht immer. Künftig sollen beispielsweise Individualreisen mit dem eigenen Auto oder einem Mietwagen leichter werden. Bislang braucht man eine Unzahl an Genehmigungen von Polizei und Zollamt, vom Auswärtigen Amt und vom Militär. Das ist nicht nur eine organisatorische, sondern auch eine starke finanzielle Belastung für viele Touristen.

2011 gründeten Sie die „Deutsch-Chinesische Allgemeine Zeitung“, ein Projekt ganz ähnlich wie 21China. Wie kam es dazu?

Liu Guosheng: Die DCA initiierte ich aus Überzeugung. Mir wurde es einfach zu anstrengend, mich mit Gesprächspartnern ewig zum Thema China auseinanderzusetzen. Die Deutschen begegnen China mit viel Neugier, aber auch mit viel Unwissen und Vorurteilen. Gepaart mit der ziemlich einseitigen China-Berichterstattung kann das langfristig nicht gut sein für die Völkerverständigung. Dagegen wollten wir einfach etwas tun.

Die DCA war für Sie von Beginn an kein Geschäftsmodell, sondern eine Herzensangelegenheit. Dennoch wurde die Druckausgabe 2013 vorläufig eingestellt. Hatten Sie mit mehr Unterstützung durch die chinesische Community bei der Finanzierung gerechnet?

Liu Guosheng: Ich war zu optimistisch, habe die finanzielle und persönliche Belastung unterschätzt. Dennoch bin ich nicht enttäuscht. Wir haben etwas getan und damit gezeigt, dass das Konzept funktioniert und hilft. Weil mir die Zeit fehlte, konnte ich nicht energisch genug um finanzielle Unterstützung werben. Jetzt machen wir vorerst nur online weiter. Mit einem passenden Partner könnte man die DCA aber auch wieder in gedruckter Form erscheinen lassen.

Fehlt es bei chinesischen Unternehmen noch am Verständnis dafür, dass das Image Chinas sich negativ auf ihr Geschäft auswirken kann?

Liu Guosheng: Ich denke schon. Es wird noch dauern, bis China nach dem wirtschaftlichen Erfolg auch gesellschaftlich in der Moderne ankommt. Die Chinesen müssen ihre 5.000 Jahre alte Kultur erst noch anpassen. Diese kulturelle Entwicklung ist viel schwieriger als die wirtschaftliche.

Die staatliche Propaganda wird das Image Chinas in Deutschland nicht verbessern können. Warum scheinen die Chinesen das nicht verstehen zu wollen?

Liu Guosheng: Ich glaube schon, dass sie sich dieses Problems bewusst sind. Es mangelt schlichtweg am Wissen. Es wird noch lange Zeit brauchen, bis die Propaganda-Organe Europa wirklich verstehen und angemessen reagieren werden.

Im vergangenen Jahr entschieden Sie sich, mit Ihrer Familie für eine Weile von Hamburg nach Shanghai zu ziehen. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Liu Guosheng: Mir ging es dabei vor allem um meine Kinder. Die beiden sind jetzt acht und 14 Jahre alt und verbrachten ihr ganzes Leben in Hamburg. Ich wollte Ihnen ein Stückchen chinesisches Leben schenken. Deswegen besuchten sie für ein Jahr chinesische Schulen in Shanghai, was ihnen viel Freude bereitete. Ich selbst nutzte die Zeit für den kulturellen Dialog. Unter anderem konnten wir das erste deutsch-chinesische Musikfestival in Hamburg etablieren.

Seit Ihrer Auswanderung nach Deutschland hat sich bestimmt einiges im chinesischen Alltag gewandelt. Welche Veränderungen wurden Ihnen während Ihres Aufenthaltes in Shanghai am Offensichtlichsten?

Liu Guosheng: Das Denken und Leben der Menschen ist sehr westlich geworden. Und das betrifft nicht nur die jungen Leute, die ohnehin sehr weltoffen sind. Die Menschen führen ein freies Leben, das mit dem Leben vor 30 Jahren kaum noch etwas gemein hat.

Haben Sie in der Zeit auch gemerkt, wie deutsch sie mittlerweile geworden sind?

Liu Guosheng: Absolut. Ich ärgere mich heute manchmal über das typisch chinesische Verhalten auf der Straße und beim Einkaufen. Ich habe mich schon ein paar Mal mit Fahrern an Zebrastreifen angelegt, weil diese in China nur selten Beachtung finden.

Warum entschieden Sie sich damals in China für ein Germanistik-Studium?

Liu Guosheng: Ich wuchs in sehr armen Verhältnissen zur Zeit der Kulturrevolution auf. Weil ich in der Ferne etwas Schönes oder Besseres erwartete, plagte mich schon früh das Fernweh. Meine Generation bekam durch die Möglichkeit eines Studiums die Chance auf ein besseres Leben. Eigentlich wollte ich mich für ein Englisch-Studium einschreiben. Doch weil es keine freien Plätze mehr gab, entschied ich mich für das Germanistik-Studium.

Wie unterschied sich das Deutschland, das Sie im Studium kennenlernten, von dem, das Sie später tatsächlich besuchten?

Liu Guosheng: Im Studium lernt man Deutschland als modernes Land mit seiner starken Wirtschaft und den berühmten Städten kennen. Ich aber lebte zunächst zwei Jahre in einem Dorf im Schwabenland. Dort verstand ich die Leute nur schwer, das Essen war ungewöhnlich und ich fühlte mich völlig verloren.

Wenn man nur einen Tag in China Zeit hätte, was sollte man dann unbedingt gesehen oder getan haben?

Liu Guosheng: Wenn Sie China wirklich kennenlernen möchten, vermeiden Sie lieber die Touristenattraktionen. Egal wo Sie sind: fahren Sie einmal durch die Innenstadt, dann raus auf die Autobahn, durch Industriegebiete und schließlich zu einem anliegenden Dorf oder einer Kleinstadt. Dort finden Sie dann bestimmt eine ruhige Ecke, um die Eindrücke noch einmal auf Sie wirken zu lassen.

Herr Liu, vielen Dank für das Gespräch.

 

Liu Guosheng, 49, ist Geschäftsführer des Reiseveranstalters China Tours Hamburg und Herausgeber der Deutsch-Chinesischen Allgemeinen Zeitung. Liu studierte Germanistik in China, bevor er vor 22 Jahren erstmals nach Deutschland kam. Seine Ausbildung zum Bierbrauer brach er vorzeitig ab, um Sinologie zu studieren. Mit dem neuen Wissen über China organisierte er fortan erste Reisen für Deutsche in die Volksrepublik. Liu lebt und arbeitet heute in Hamburg.

Interview: Adrian Kummer / Foto: China Tours Hamburg