Solange es das Herz berührt

Die junge Künstlerin Shi Jiongwen macht eigentlich nur das, was viele ihrer Altersgenossen in Social Networks tun: mit ganz privaten Bildern ihren Alltag dokumentieren. Doch ihre Fotos sprechen nicht nur für sie, sondern auch für die Schnelligkeit und Gefühlswelt Pekings.

Shi Jiongwen im Selbstportrait

Frau Shi, mit Ihren Fotos halten Sie Ihren gesamten Alltag fest. Legen Sie die Kamera überhaupt noch zur Seite?

Shi Jiongwen: Natürlich. Wenn ich im Atelier male, zum Beispiel. Aber normalerweise habe ich immer zwei Kameras dabei: eine Canon EOS 5D für Fotos und eine Minolta 135 für Videos. Denn man weiß nie, ob einem etwas Interessantes begegnen wird.

Schießen Sie auch Fotos mit dem Smartphone?

Shi Jiongwen: Nicht wirklich. Meine Anforderungen an die Bildqualität sind dafür zu hoch.

Wie viele Bilder schießen Sie am Tag im Schnitt?

Shi Jiongwen: Jeden Tag mindestens eines. Die Fotos sind wie ein Tagebuch für mich.

Und wie kamen Sie auf die Idee?

Shi Jiongwen: Eigentlich habe ich einen Abschluss in Ölmalerei. Fotografie habe ich nie richtig gelernt. Es war aber schon immer ein Hobby. Meine Freunde  bewunderten aber immer die besonderen Perspektiven, die ich wählte. Vielleicht sind die ungewöhnlichen Schnappschüsse auch meiner fehlenden Ausbildung geschuldet. Irgendwann bekam ich dann eine Fotoausstellung, wodurch ich zur Fotografin wurde.

War die Anfangszeit schwer für Sie?

Shi Jiongwen: Im Gegenteil. Das Fotografieren war schon immer ein Genuss für mich. Hatte ich keine Lust mehr zu malen, ging ich raus und fotografierte, um zu entspannen. Zudem haben mich meine Familie und Freunde voll unterstützt. Und meine Arbeit stieß schnell auf Resonanz bei Sammlern.

2009.1.23

Wie sehr beeinflusst die ständige Dokumentation Ihren Alltag?

Shi Jiongwen: Sie hat vor allem meine Beobachtungsgabe geschärft. Mein Auge für Details hat sich verbessert, und ich sehe im Kleinen das große Ganze. Allerdings verspüre ich schon einen Druck, jeden Tag mindestens ein Bild machen zu müssen. Allgemein beeinflusst die Arbeit eines Menschen seinen Alltag jedoch immer.

Suchen Sie gezielt nach Erlebnissen, die als Bilder gut funktionieren?

Shi Jiongwen: Nein, ich fotografiere immer nach Gefühl. Hin und wieder plane ich zwar Serien, aber die ergeben sich am Ende von selbst.

Wie entscheiden Sie, welchen Moment Sie festhalten wollen?

Shi Jiongwen: Anhand von Intuition und Scharfsinn. Ich beobachte meine Umgebung immer sehr aufmerksam. Ich möchte auf keinen Fall ein gutes Motiv verpassen. Bei vermeintlich vertrauten Momenten halte ich immer Ausschau nach Unterschieden.

2010.2.28

Sie dokumentieren mit Ihren Bildern nicht nur Ihren, sondern auch den chinesischen Alltag. Aber führen Sie überhaupt ein normales chinesisches Leben?

Shi Jiongwen: Ich bin ein ganz normaler Mensch, dokumentiere aber sicherlich nicht das Leben aller Chinesen, sondern nur Fragmente meines eigenen Lebens. Mein Leben ist viel ungezwungener als das eines von neun bis fünf arbeitenden Chinesen.

Was bedeutet Ihnen Humor bei Ihrer Arbeit?

Shi Jiongwen: Als Person bin ich durchaus humorvoll. Meine Werke rufen, wie jedes Werk eines Künstlers, Reaktionen hervor. Egal ob diese Reaktion Lachen oder Weinen ist: Solange es das Herz berührt, ist es gut.

Die Fotografie bestimmt Ihr Leben. Doch was für einen Beruf hätten Sie, wenn Sie nicht Fotografin wären?

Shi Jiongwen: Ich wäre Malerin.

Und wenn Sie keine Künstlerin wären?

Shi Jiongwen: Ich kann mir nichts anderes vorstellen, dazu bin ich mit meiner jetzigen Arbeit zu glücklich. Ich bin zu hartnäckig und ehrgeizig, als dass ich bereit gewesen wäre, diesen Traum aufzugeben.

2011.1.3

Was halten Sie davon, dass man im Westen von chinesischen Künstlern vor allem Kritik am Staat erwartet?

Shi Jiongwen: Ein Künstler sollte seine eigene Ausdrucksform wählen, um seinen Standpunkt zu vertreten. Wenn es die Form jedoch nur wählt, um sich selbst in den Medien bekannt zu machen, hat es keine Bedeutung mehr. Gegenwartskunst lebt natürlich von ihrer Gesellschaftskritik – aber nur, wenn sie von Herzen kommt.

Verbreiten Sie Ihre Fotos auch über Social Media?

Shi Jiongwen: Vor ein paar Jahren habe ich das noch stärker gemacht, vor allem über Weibo – jedoch hauptsächlich als Privatperson.

Ist Social Media das Mittel der Zukunft, um Erinnerungen zu bewahren und zu teilen?

Shi Jiongwen: Social Media bringt die Menschen näher zusammen. Man findet Dinge und Menschen, die einen interessieren. Und eigentlich hofft doch jeder Mensch, gefunden zu werden, denn Anerkennung ist uns wichtig. Von daher steht für mich das Teilen mit Freunden bei Social Media im Vordergrund.

Sie leben und arbeiten in Peking. Warum nicht in Shanghai oder Hong Kong?

Shi Jiongwen: In Shanghai ist mir die Wirtschaft zu dominant. Und Hong Kong ist gegenüber Auslandschinesen sehr restriktiv. In Peking befinden sich hingegen die meisten Galerien und Künstler. Außerdem ist Peking eine sehr tolerante Stadt. Ich mag die Pekinger sehr. Und das ist doch das wichtigste bei der Wahl der Heimatstadt: dass man die Leute dort mag.

2009.5.18

Wo trifft sich Pekings Kunstszene?

Shi Jiongwen: Der berühmte Kunstbezirk 798 weist als ehemaliges Fabrikgelände das meiste künstlerische Ambiente auf. Doch der Ruhm wirft seinen Schatten auf unsere Arbeit. Einige Künstler können nicht mehr in Ruhe arbeiten. Deswegen ziehen immer mehr nach Songzhuang, Zaochangdi oder Feijiacun.

Woran liegt es, dass es so wenige weibliche Künstler gibt?

Shi Jiongwen: Das klassische Rollenverständnis und andere Faktoren beinträchtigen die Berufswahl und der Karriereverlauf vieler Frauen. Das Problem wird aber mit der Zeit mehr und mehr verschwinden. Frauen werden bald häufiger in Führungspositionen zu sehen sein.

Interessieren Sie sich für Mode?

Shi Jiongwen:  Ich trage die Kleidung, die mir gefällt. Markennamen spielen für mich keine Rolle. Dennoch gefallen mir zwei Marken ziemlich gut: Thomasville und Alexander Wang.

Welche drei deutschen Persönlichkeiten fallen Ihnen als erstes ein?

 Shi Jiongwen: Albert Einstein und Joseph Beuys. Sind Pink Floyd deutsch? (lacht verlegen)

Pink Floyd kommen aus Großbritannien.

Shi Jiongwen: Oh. (lacht) Dann sage ich noch Rammstein.

Frau Shi, vielen Dank für das Gespräch.

2011.2.12

 

Shi Jiongwen wurde in Xi’an geboren und studierte Ölmalerei, obwohl sie heute vor allem für ihre Fotokunst bekannt ist. Heute lebt und arbeitet die junge Künstlerin in Peking. Derzeit sind ihre Werke in der Pasinger Fabrik in München ausgestellt.

Interview: Verena Weber, Ying Tang & Adrian Kummer / Fotos: Shi Jiongwen