Nord- und Südchinesen: Wie Reis und Weizen

Es ist nicht nur falsch, dass alle Chinesen gleich aussehen. Auch in Sprache, Essgewohnheiten und anderen Eigenheiten unterscheiden sie sich je nach Herkunft erheblich. Besonders offensichtlich ist der Unterschied zwischen Nord- und Südchinesen.

Zhuang

Südchinesische Zhuang-Frauen / Foto: Jialiang Gao (Wikimedia Commons)

Wenn man nach der Herkunft eines Chinesen fragt, wird man manchmal gebeten, zu raten, ob er aus dem Norden oder aus dem Süden kommt. Chinesen greifen dabei meistens auf zwei Eigenschaften zurück: das Aussehen und den Akzent. Es heißt, Männer aus dem Norden seien gestandene Mannsbilder, und Frauen aus dem Süden zierlicher und weiblicher. Noch schneller soll der Akzent die Herkunft eines Chinesen verraten. Viele Südchinesen werden ihre lokale Aussprache und Intonation nicht los, wenn sie Hochchinesisch sprechen.

Lu Xun, einer der wichtigsten chinesischen Intellektuellen Anfang des 20. Jahrhunderts, ist ebenfalls auf den Nord-Süd-Unterschied in China aufmerksam geworden und schrieb: „Die guten Eigenschaften der Nordchinesen sind Ehrlichkeit und Bodenständigkeit; die der Südchinesen Schlauheit und Geschicklichkeit. Aber Ehrlichkeit kann zu Dummheit führen und Schlauheit zu Durchtriebenheit.“

Im Norden der Weizen, im Süden der Reis

Von wegen essen alle Chinesen nur Reis. Bevor die lebensnotwendigen Körner über den Yangzi-Fluss nach Norden gebracht wurden, hat man in den weiten Ebenen des nördlichen Plateaus Weizen und Hirse kultiviert. Die Heimat des Reisanbaus befindet sich jedoch im regenreichen Südchina.

Heutzutage werden Weizen und Reis in ganz China konsumiert, dennoch haben die einst verschiedenen Agrarkulturen Spuren in den Essgewohnheiten der Nord- und Südchinesen hinterlassen. Im Norden spielen traditionell auf Weizen basierte Speisen eine wichtigere Rolle. Das merkt man beispielsweise daran, dass die bekannte chinesische Teigtasche Jiaozi ursprünglich aus Nordchina kommt. In Südchina gehören neben Nudeln aus Weizenmehl auch diverse Reisnudelgerichte zu den regionalen Spezialitäten.

Dass sich die unterschiedlichen Agrarkulturen nicht nur auf den Gaumen ausgewirkt haben, will ein Forscherteam aus China und den USA mit ihrer sogenannten Reis-Theorie festgestellt haben. Darin heißt es, der Anbau vom Reis fordere mehr Kooperation und Gemeinschaftssinn, daher tendieren Südchinesen zu kollektivistischen Verhaltensweisen. Weizenbauern hingegen seien mehr auf den Regen als auf die Nachbarn angewiesen. Ihre Nachkommen zeigen sich individualistischer und zum analytischen Denken fähiger. Über diese Forschungsergebnisse hätte sich Lu Xun wohl erstaunt. Nach seiner Beobachtung zeichnen sich die Südchinesen ja gerade durch ihre Schlauheit aus.

Im Norden ist es kalt, im Süden warm?

Wenn der kalte und trockene Wind im Winter aus Sibirien über Nordchina weht und die Temperaturen in Städten wie Harbin -20 Grad erreichen, kuschelt man sich in den traditionellen Häusern auf dem sogenannten Ofenbett (kang auf Chinesisch) zusammen – eine gemauerte Plattform, die von unten durch die Abluft einer Feuerstelle beheizt wird. Auch wenn man es kaum glauben würde, ein Südchinese würde zu dieser Jahreszeit wohl lieber in die moderne Wohnung seiner Landsleute im Norden einziehen. Diese wird nämlich mit Fernwärme geheizt, während Chinesen, die südlich des Huai-Flusses und des Qinling-Gebirges leben und dieser Infrastruktur bis heute entbehren, Zähne klappernd den Winter überstehen müssen.

Dem kalten Klima verdanken die Nordchinesen auch ihren physisch stärkeren Körperbau. Südchinesen haben hingegen eine zierlichere Figur. Hinzu kommt, dass historische Kontakte mit den jeweiligen Nachbarvölkern den Unterschied im Aussehen noch verstärkt haben. Die Nordchinesen vermischten sich mit den mongolischen und tungusischen Nomaden- und Reitervölkern, die Südchinesen mit den alten Yue-Völkern und den Thai- und Miao-Yao-Ethnien.

Im Norden die Politiker, im Süden die Geschäftsleute

Der Norden hat in der langen Geschichte Chinas oft eine stärkere politische Stellung eingenommen als der Süden. Dies begann bereits bei der Entstehung des antiken Chinas im 9. Jahrhundert v. Chr., als Fürstentümer im Norden durch die Ausbreitung der chinesischen Schrift und zunehmende regionale Kommunikation zusammenwuchsen. Später gingen Reichseinigungen auch ständig vom Norden aus. Wichtige historische Hauptstädte wie Xi’an, Luoyang und Peking befinden sich alle in Nordchina. Heute ist Peking immer noch das Zentrum des politischen Geschehens.

Vermutlich hat der Intellektuelle Lu Xun bei seinen Kommentaren an den Geschäftssinn der Südchinesen gedacht. Unter westlicher Besatzung im 19. Jahrhundert unterzogen sich Hong Kong und Shanghai den ersten Wellen der Öffnung und Modernisierung. Aber erst durch die Einführung der Reform- und Öffnungspolitik und die Einrichtung von Sonderwirtschaftszonen durch Deng Xiaoping in den 70er Jahren blüht die Wirtschaft im Süden richtig auf.

Im Norden das Hochchinesisch, im Süden die Dialekte

Obwohl Mandarin, das Hochchinesisch, offiziell als Nationalsprache Chinas gilt, sprechen bei weitem nicht alle Chinesen Mandarin als Muttersprache. Die meisten Dialekte aus Nord- und Südwestenchina sind dem Mandarin viel ähnlicher als die übrigen südlichen Varietäten. Linguistisch gesehen haben sich zwar alle chinesischen Sprachen von einer Vorgängersprache entwickelt, aber heute würden sich ein Pekinger, ein Shanghaier und ein Kantonese kaum untereinander verständigen können.

Wie auch im Rest der Welt, wo Dialekte und Akzente als mangelhaft oder gar lächerlich empfunden werden, müssen auch Südchinesen einige Klischees über sich ergehen lassen. So gelten sie als unfähig, die Konsonanten n und l zu unterscheiden, oder lassen Zischlaute zusammenfallen, weil Südchinesen dabei die Zungenspitze nicht gerne nach oben biegen.

Allerdings haben südliche Dialekte spätestens seit dem Auftritt zweier Künstler aus Hunan bei der jährlichen Frühlingsfest-Gala in 1999 neue Anerkennung gewonnen. Die Frühlingsfest-Gala gehört zu den TV-Sendungen mit den höchsten Einschaltquoten in China, wird aber traditionell durch Kunstformen aus Nordchina dominiert. Das xiangsheng, meistens in Form eines komödiantischen Dialogs zwischen zwei Männern, ist einer der typisch nordchinesischen Programmteile. Doch 1999 führten die zwei genannten Künstler aus Hunan ein Xiangsheng-Stück in ihrem Dialekt auf – und das mit großem Erfolg.

Wer sich für verschiedene chinesische Varietäten interessiert, kann sich hier Sprachbeispiele aus ganz China anhören.

 

Text: Yan Peng