Nobelpreis für Tu Youyou spaltet China

Tu Youyou wurde am Montag der Nobelpreis für Medizin zugesprochen. In ihrer Heimat befeuerte das eine alte Diskussion: Welche Rolle spielt die TCM in der modernen Medizin?

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Tu Youyou bei der Ausbildung (links) und bei der Arbeit (rechts)

Tu Youyou ist Chinas erste Nobelpreisträgerin in einer Naturwissenschaft überhaupt. Zumindest die erste, die nicht im Ausland forschte. Dort wird das vor allem als Zeichen für den Fortschritt Chinas gewertet.

In China sehen das einige jedoch anders. Dass das Nobelkomittee Tu den diesjährigen Nobelpreis für Medizin zuspricht, verstehen sie als Triumph der traditionellen chinesischen Medizin (TCM).

Die heute 84-jährige Tu Youyou widmete sich auf der Suche nach einem Mittel gegen Malaria alten chinesischen Schriften. Dabei stieß sie auf die Heilkraft des Einjährigen Beifußes. Die Pflanze wird in der TCM schon lange gegen Fieber eingesetzt. Tu stellte die Wirksamkeit bei Malaria fest und konnte den Heilstoff Artemisinin 1971 isolieren. Auf dessen Basis wurden schließlich Medikamente entwickelt, die Millionen Menschen das Leben gerettet haben – vor allem in Entwicklungsländern.

TCM: Ein Land, zwei Meinungen

Offensichtlich liegen die Wurzeln für Tus Auszeichnung in der TCM. Das befeuert in China die andauernde Diskussion darüber, welcher Stellenwert der TCM in der heutigen Zeit noch zukommt.

In dieser Frage ist das Land seit Jahren in zwei Lager geteilt: Vor allem junge Menschen tun die Systematik der TCM als Humbug ab. Andere, vor allem Ältere, glauben aber an ihre Heilkraft. Letztere fühlen sich nun in ihrem Standpunkt bestätigt – auch wenn manche Behandlungsmethoden nach wie vor jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehren.

Zwischen Potenzmitteln und lebensrettender Medizin

Fakt ist, dass die chinesische Medizin durchaus ihren Beitrag zur modernen Heilkunde liefern kann. Im Falle Tus sogar einen lebensrettenden. Darum spricht man im Westen von der TCM gerne als Komplementärmedizin. Gerade die Kräuterheilkunde ist dafür prädestiniert. Die heilende Kraft vieler in der TCM verwendeter Pflanzen gilt als erwiesen.

Dennoch betonen die Zweifler, dass Aberglaube und Mystizismus immer noch eine wesentliche Rolle im Gesamtbild der TCM spiele. Das mag vor allem für absurde Potenzmittel wie Tigerpenisse oder Kinderföten gelten, aber auch für im Westen anerkannte Heilmethoden wie die Akupunktur.

Die aktuelle Studienlage belegt, dass die traditionellen Einstichpunkte bei der Akupunktur kaum eine Auswirkung auf die durchaus erwiesene Wirkung haben. Sprich: Im Grunde ist es egal, wo man die Nadeln setzt. Warum sowohl Akupunktur als auch Scheinakupunktur wirken, konnten Wissenschaftler bisher jedoch nicht eindeutig feststellen.

Aus Alt mach Neu

Doch gerade das Beispiel Akupunktur zeigt: Mediziner tun gut daran, keine voreiligen Schlüsse über die chinesische Medizin zu ziehen – auch wenn sie diese nicht nachvollziehen können.

Pharmaunternehmen haben das Potenzial indes bereits erkannt und analysieren systematisch die chemischen Eigenschaften alter TCM-Mittel bei der Erforschung neuer Medikamente. Und diese Entwicklung ist mit Sicherheit auch ein großes Verdienst von Tu Youyou.