Neuer Trend in China: Schlaflos im Buchladen

Statt im Nachtclub verbringen einige junge Chinesen die Nächte neuerdings in Buchläden. Weil die Chinesen eigentlich immer weniger Gedrucktes lesen, könnte das eine Chance für Chinas Buchhändler sein.

Buchladen-China

Manga-Bereich in einem Buchladen in Shenzhen / Foto: Cory Doctorow (Flickr)

Das gedruckte Buch gilt in China seit einigen Jahren als veraltet und überholt. Die Chinesen kaufen ihre Bücher nicht nur online, sie lesen sie auch dort. Verlage, die nicht einen Großteil ihres Angebotes als E-Books bereitstellen, haben kaum Aussichten, sich auf dem chinesischen Buchmarkt zu halten.

Die Chinesen lesen durchaus noch gerne – aber eben vor allem online. Fortsetzungsromane erfreuen sich derzeit großer Beliebtheit. Auf den entsprechenden Internetportalen, zum Beispiel Qidian, zahlen Leser für jede Fortsetzung umgerechnet noch nicht einmal einen Cent. Auch seine eigenen Romane kann man für eine geringe Registrierungsgebühr online veröffentlichen. Hat man sich seine Wunschlektüre aufs Smartphone geladen, kann man überall lesen. Warum sollte man da noch Bücher in einem Buchladen kaufen wollen?

Der 24-Stunden-Buchladen

In Anbetracht all dessen muss man Long Guxin wohl für verrückt halten. Er hat im Juli in Changsha tatsächlich einen neuen Buchladen eröffnet. Einen Buchladen, der 24 Stunden am Tag für Kunden geöffnet ist. Aber wenn die Chinesen keine Bücher mehr lesen, was sollte sie dann um Mitternacht in einen Buchladen treiben?

Tatsächlich herrscht in eben diesem Buchladen Taksin nachts um zwölf reger Betrieb. Auf 3.200 Quadratmeter verteilen sich lesende Menschen. Sie sitzen auf dem Boden oder an Tischen, allein oder in kleinen Grüppchen. Manche haben neben sich eine Kaffeetasse oder ein Glas Wein stehen. Der Laden läuft.

Die Idee, Buchläden rund um die Uhr zu öffnen, ist nicht neu. Ursprünglich kommt die Idee von Taiwan, wo 1989 der erste Laden dieser Art eröffnete. 2006 eröffnete dann der erste Laden in Shenzhen, Guangdong. In diesen Läden kann man nicht nur nach Belieben Bücher lesen, sondern nebenbei auch in der Bar Kaffee, Tee oder Wein trinken. Für alle, die dann früh am Morgen nicht mehr sicher sind, ob sie den Weg nach Hause noch antreten möchten, bietet der 24-Stunden Buchladen in Guangzhou einen besonderen Service: Man kann sich dort ein Zimmer mieten und im Buchladen übernachten. Eine Idee, auf die Diskos und Karaoke-Bars noch nicht gekommen sind.

Zwischen Selbstoptimierern und Schnäppchenjägern

Das Publikum der Buchläden setzt sich hauptsächlich aus zwei Typen zusammen. Zunächst sind da die Leser aus Vergnügen. Sie sind diejenigen, denen der Besuch von Disko und Co schlicht zu teuer ist. Ihre Motivation: Der Buchladen kostet keinen Eintritt und man kann so lange lesen, wie man will, ohne etwas kaufen zu müssen. Außerdem kann man hier schnell mit Gleichgesinnten ins Gespräch kommen, die ähnliche Interessen haben wie man selbst. (Das Gerücht, die Buchläden seien eine Art Singlebörse für besonders schräge Vögel, ließ sich Beobachtern zu folge noch nicht verifizieren.)

Gruppe zwei zeigt sich ehrgeiziger. Diese jungen Menschen streben nach Selbstoptimierung und der Erweiterung des eigenen Horizontes. Durch Lesen Neues Wissen erlangen, das ist ihre Devise. Nur wann soll man Zeit zum Lesen finden, wenn man von morgens früh bis abends spät im Büro der Firma sitzt? Da bleibt nur die Nacht, um Neues zu lernen. Doch alleine zu Hause zu sitzen, wäre dann doch wieder zu langweilig. Außerdem meinen sie, auf diese Weise nach der Arbeit am besten entspannen zu können. Also besuchen sie den Buchladen, wo sie Fachbücher zu Management, Kunst und Design und vielem mehr studieren.

Mit der ursprünglichen Idee eines Buchladens hat der 24-Stunden Buchladen nicht mehr viel gemein. Es ist der zusätzliche Service, der das Konzept interessant macht und mit dem die Läden ihren eigentlichen Umsatz machen. Denn die meisten Kunden lesen zwar viele Bücher, kaufen aber selten. Trotzdem zeigt sich, dass es in China nach wie vor zahlreiche Menschen gibt, die an gedruckten Büchern interessiert sind. Entgegen aller düsteren Prognosen bleibt das gedruckte Buch auch in einem Land der Online-Leser wichtig.

Text: Henrike Gördes