Lieber gut kopiert, als schlecht selbst gemacht

Klassische europäische Architektur liegt voll im Trend in China. In den Vorstädten entstehen Kopien ganzer Stadtteile und berühmter Sehenswürdigkeiten. Die Journalistin Bianca Bosker hat jetzt ein Buch darüber geschrieben.

Paris vor der Toren Shanghais

Frau Bosker, was inspirierte Sie zu Ihrem Buch „Original Copies“?

Bianca Bosker: Ich studierte in Peking. Dort fielen mir die kitschigen Plakate ins Auge, die Luxussiedlungen im europäischen Stil bewarben. Später kam ich nach China zurück und fuhr in die Vororte großer Städte, wo solche Siedlungen wie die Pilze aus dem Boden sprießen.

Dafür hätten Sie nicht nach China fahren müssen. Venedig oder Paris hätten es auch getan.

Bianca Bosker: Dafür hätte ich aber durch mehrere Passkontrollen müssen. So konnte ich alle europäischen Länder quasi auf einmal besuchen. Dazu kam der faszinierende Kontrast zwischen der futuristisch-gigantischen Architektur in den Millionenstädten und den traditionellen europäischen Gebäuden in den Vorstädten. Und ich stellte mir die Frage, warum diese Siedlungen nicht im chinesischen Stil erbaut wurden.

Und haben Sie einen Grund gefunden?

Bianca Bosker: Wegen der großen Nachfrage. Die Stadtchinesen stehen auf westliche Architektur, weil sie sich von der modernen Stadtarchitektur mit ihren Hochhaus-Wohnblöcken unterscheidet. Zudem ist es einfacher, eine Stadt zu kopieren, als sie selbst gestalten zu müssen. Und gerade beim Nachbau von Sehenswürdigkeiten geht es den Chinesen auch darum, die Originale an Größe, Präzision und Schönheit zu übertreffen.

Venedig wie im Original

Wie detailgetreu sind die Nachbauten?

Bianca Bosker: Mehr als man sich vorstellen kann. Es werden extra Architekten aus den Ländern eingeflogen, deren Stil kopiert werden soll. Zudem durften die Häuser in den Siedlungen von den Bewohnern zunächst nicht verändert werden. Nichts wurde dem Zufall überlassen.

Gibt es dann wenigstens noch chinesische Supermärkte und Restaurants, wo man chinesisches Essen kaufen kann?

Bianca Bosker: Gerade beim Pilotprojekt rund um Shanghai ist das ein großes Problem, weil dort zwar Leute in den Vorstädten wohnen, aber die Gewerbeflächen kaum genutzt werden. Das ist jedoch ein allgemeines Problem, das nicht den Ausschluss der chinesischen Kultur betrifft. Denn die ist hier und da natürlich trotzdem noch erkennbar.

Gerade in den Siedlungen sind die Häuser viel größer als die gewohnten Appartements in den Großstädten. Wie kommen die Chinesen damit zurecht?

Bianca Bosker: Viele stellen fest, dass die Familiengemeinschaft dadurch Schaden nimmt. Die Leute können sich viel mehr in ihre Räumlichkeiten zurückziehen.

Nur die Schriftzeichen verraten die Kopie

Was sagen uns die kopierten Gebäude über die Wahrnehmung des Westens in China?

Bianca Bosker: Sie zeigen uns, dass man den westlichen Lebensstil immer noch mit einem besseren Status verbindet. Insofern ist ein italienisches Haus nichts anderes als eine Chanel-Handtasche.

Suchen die Chinesen in den kopierten Vorstädten nach einem besseren Leben?

Bianca Bosker: Das kann schon sein. Allgemein versuchen die Chinesen, das Beste aus anderen Kulturen in ihre eigene zu integrieren.

Haben die Chinesen Schwierigkeiten, ihre traditionelle Architektur in die Moderne zu hieven?

Bianca Bosker: Das war sicherlich lange Zeit so, hat sich in den letzten Jahren aber verändert. Mittlerweile gibt es ein paar ordentliche Ansätze. Mit dem wachsenden Nationalstolz wird auch die Nachfrage nach chinesischen Häusern wieder wachsen.

Ein Stück Deutschland in China

Ist ihr Buch eine humorvolle Antwort auf die Angst vieler Westler vor chinesischen Kopien?

Bianca Bosker: Es kann jedenfalls als Antwort auf die überzogene Paranoia vor Kopien verstanden werden. In erster Linie zeigt es jedoch das Verhältnis der Chinesen zum Kopieren, das ich für sehr viel gesünder halte als im Westen. Es ist einfach nicht mehr zeitgemäß, Ideen für sich behalten und vor anderen schützen zu wollen. Denn das schadet der allgemeinen Entwicklung.

Sie haben auch einmal ein Buch über die Geschichte des Bowling geschrieben. Haben Sie ein Faible für schräge Themen?

Bianca Bosker: Mich interessieren Eigenarten, die etwas über die Gesellschaft aussagen können. „Original Copies“ ist ja nicht nur ein Buch über Architektur, sondern vor allem über den Zeitgeist in China.

Frau Bosker, vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Buch „Original Copies“ von Bianca Bosker können Sie übrigens hier auf Amazon kaufen.

Bianca Bosker ist eine US-amerikanische Journalistin, Bloggerin und Autorin. Bosker studierte Ostasienwissenschaften in Princeton und Peking. Ihre Artikel erschienen unter anderem im Wall Street Journal und in der Huffington Post, bei der sie das Technologie-Ressort leitet. In ihrem reich bebilderten Buch „Original Copies“ beschreibt sie die architektonische Mimikry in China. Bosker lebt und arbeitet in New York.

Interview: Verena Weber / Fotos: Bianca Bosker