Irre! Chinas moderne Höhlenmenschen

In China leben immer noch Millionen von Menschen in Höhlen. Nur warum? Wir erläutern euch die Hintergründe.

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Yaodong-Höhlenhäuser in Shaanxi / Foto: Meier&Poehlmann (Wikimedia Commons)

In China leben heute mehr als 30 Millionen Menschen in Höhlen. Das sind sechsmal mehr als während der Steinzeit weltweit. Erst kürzlich berichteten die Medien über den 35-jährigen Mitarbeiter einer Logistikfirma Shi Zhiyong, der sechs Monate in einer Höhle wohnte, um Miete zu sparen und das zurückbehaltene Geld seiner Familie zukommen zu lassen.

Sind es, wie bei Shi Zhiyoung, hauptsächlich finanzielle Gründe, die Menschen dazu bewegen, sich für eine Wohnhöhle als Behausung zu entscheiden? Nicht nur: Im chinesischen Lössplateau hat das Leben in Höhlen eine Jahrtausende lange Tradition. Besonders die Provinz Shaanxi ist bekannt für die heute genutzten „modernen“ Wohnhöhlen, aber auch für frühzeitliche Erdbehausungen aus dem Neolithikum.

Höhle ist nicht gleich Höhle

Die Wohnhöhlen werden in China als Yaodong bezeichnet. Man unterscheidet drei typische Höhlen-Formen: klassische Felsen-Wohnhöhlen, in die Erde eingelassene wohnhof-ähnliche Behausungen und freistehende, meist gewölbte Höhlen.

Der charakteristische gelbe, lehmartige Lössboden Nordchinas eignet sich ideal für den Höhlenbau. Tradtionell sind Yaodong mit einem Steinbett, dem Kang, ausgestattet. Dieses ist im Sommer angenehm kühl, im Winter wird es durch eine Feuerstelle beheizt, die sich unterm Kang befindet. Heute verfügen manche der Yaodong sogar über Elektro- und Wasseranschluss. Viele werden von Generation zu Generation weitervererbt, sodass es für Interessierte gar nicht so einfach ist, eine Höhle einfach zu mieten.

Berühmter Ex-Höhlenbewohner: Xi Jinping

Höhlenbewohner zu sein ist in China nicht zwingend mit negativen Assoziationen verbunden. Sogar berühmte Persönlichkeiten wie Staatspräsident Xi Jinping haben in den Erdbehausungen gewohnt.

Eine für die Volksrepublik historisch besondere Bedeutung haben die Höhlen von Yanan. Im Zuge des Langen Marsches errichtete Mao Zedong dort das neue Hauptquartier der Kommunisten. Bis heute stellen Yanans Höhlenwohnungen ein wichtiges Symbol der chinesischen Revolution dar. Dadurch sind sie auch zu einem Besuchsmagnet für viele Menschen geworden.

Naturnah, nachhaltig und energieeffizient

Selbst wenn die Yaodong nicht unbedingt unserer westlichen Vorstellung von Komfort entsprechen, in puncto Nachhaltigkeit sind sie mustergültig. Laut Liu Jiaping, dem Leiter des Green Architecture Research Center in Xian, und Experten für Höhlen-Wohnkultur, sind Yaodong sehr energieeffizient – und man „benötigt wenig Geld und kaum Vorkenntnisse, um sie zu bauen.“

Für die Errichtung einer Höhle sind keine Pfeiler, Säulen oder Ziegelsteine nötig. Im Winter speichert sie Wärme – im Sommer bleibt sie angenehm kühl. Das spart Rohstoffe und Energie. Darüber hinaus enthält die Lösserde viele gesundheitsfördernde Spurenelemente. Das Leben in einer Wohnhöhle soll außerdem die Alterung menschlicher Organe verzögern.

Aus welchen Gründen Menschen sich auch im Einzelfall für das Wohnen in Höhlen entscheiden: Der naturnaher Lebensstil bildet einen krassen Gegensatz zu Chinas steigender Urbanisierung.

 

Text: Rosi Bach