Interview mit He Jiahong: Gesetze statt Propaganda

Jura-Professor und Krimi-Autor He Jiahong setzt sich mit seiner Arbeit für ein besseres chinesisches Rechtssystem ein. Um die Korruption im Land in den Griff zu bekommen, forderte er sogar Amnestie für Chinas Beamte. Wir trafen ihn diese Woche während seines Deutschlandbesuchs.

He Jiahong

He Jiahong / Foto: privat

Herr He, Ihre Bücher wurden bislang zwar ins Englische, aber noch nicht ins Deutsche übersetzt. Was verschlägt Sie trotzdem nach Deutschland?

He Jiahong: Die Körber-Stiftung lud mich ein, in Hamburg über meine Arbeit zu referieren.

Ist es Ihr erstes Mal in Deutschland?

He Jiahong: Ich war schon einige Male in Deutschland. 2001 reiste ich mit Vertretern des Obersten Gerichtshof auf Einladung der EU durch sechs europäische Länder. Dabei kamen wir auch nach Trier, um uns über das europäische Strafrecht zu informieren. Um mein Wissen darüber zu vertiefen, kam ich 2004 wieder mit einer Delegation nach Europa und auch nach Deutschland. Und einmal verbrachte ich sogar zwei Monate in Freiburg für einen Studienaufenthalt am Max-Planck-Institut.

Für Recherchen, mit denen China seine Gesetzgebung nach europäischem Vorbild anpassen will.

He Jiahong: Genau. Aber jetzt bin ich zum ersten Mal auch als Krimi-Autor hier.

In Ihren Büchern geht es stets um die Geschichten des Anwalts Hong Jun. Wie würden Sie Ihre Hauptfigur beschreiben?

He Jiahong: Mit Hong Jun habe ich einen vorbildlichen Anwalt kreiert, der im Sinne des Rechts nach Gerechtigkeit strebt.

Wie viel von Ihrem eigenen Charakter steckt in Ihrer Hauptfigur?

He Jiahong: Eine ganze Menge. Ich studierte in Peking und machte in den USA meinen Doktor, ganz ähnlich wie Hong Jun. Allgemein verarbeite ich in den Büchern hauptsächlich persönliche Erfahrungen und befasse mich als Jurist ja mit meinem Fachgebiet, denn darüber weiß ich einfach am meisten.

Wann kam der Impuls, dass Sie Ihre Erfahrungen mitteilen wollten?

He Jiahong: Mein Großvater kämpfte während des Bürgerkriegs als General für die Kuomintang. Darum musste ich als Jugendlicher während der Kulturrevolution auf dem Land arbeiten. Zunächst war ich vom revolutionären Geist erfüllt. Doch mit der Zeit schwand die Begeisterung, wie bei vielen. Nach zwei Jahren Feldarbeit begann ich schließlich zu schreiben, damals war ich 16.

Zu dieser Zeit schrieben Sie aber bestimmt noch nicht über den Anwalt Hong Jun.

He Jiahong: Nein, das kam erst später. Zunächst studierte ich Jura. Rechtswissenschaften waren nach der Kulturrevolution noch etwas völlig Neues, denn bis in die 70er Jahre gab es in China keine richtigen Gesetze. Je länger ich studierte, desto mehr wurde mir klar, wie wichtig ein funktionierendes Rechtsystem für China ist. Als ich aus Amerika zurückkehrte, wollte ich das auch den normalen Leuten näherbringen. Und dafür eignet sich Belletristik wesentlich besser als Sachliteratur. So begann ich, über den Anwalt Hong Jun zu schreiben.

Mit welchen Problemen hat Hong Jun in Ihren Geschichten zu kämpfen?

He Jiahong: Der Beruf des Anwalts konnte sich in China erst mit der Reform des Rechtssystems 1978 durchsetzen. Und den Beruf des Strafverteidigers gibt es erst seit den 90er Jahren, davor waren alle Anwälte Generalisten. Aber auch heute befassen sich nur wenige Anwälte mit Strafrecht. Noch immer wird die Arbeit von Strafverteidigern in China erschwert. Mit diesen Problemen hat auch Hong Jun zu kämpfen. Die Fälle in meinen Büchern orientieren sich dabei an echten Kriminalfällen.

Ist die Arbeit des Strafverteidigers in China unter Juristen so unbeliebt, weil sie gefährlich ist?

He Jiahong: Leider ja. Die Ermittler, die Polizei und die Gerichte sind sehr mächtig. Verlaufen Fälle nicht wie von den Behörden gewünscht, kommt es immer wieder auch zu Ermittlungen gegen die Strafverteidiger – mit teils absurden Vorwürfen. Das erschwert nicht nur eine angemessene Verteidigung, sondern birgt auch persönliche Risiken für die Anwälte.

2011 nahmen Sie selbst einiges an Risiko auf sich und stellten auf Ihrem Blog einen bekannten Fall nach, bei dem ein Strafverteidiger belangt wurde, um anschließend die Netizens sozusagen als Geschworene über den Fall richten zu lassen.

He Jiahong: Für den Blog bekam ich glücklicherweise keinen Ärger. Allerdings konnte ich, anders als ursprünglich geplant, kein Buch über das Experiment veröffentlichen, weil die Verlage Angst vor dem Thema hatten. Die Internetnutzer waren unterdessen begeistert. Sie sprachen den Anwalt am Ende frei – anders als die Gerichte im echten Fall.

In Ihrem Heimatland prangern Sie auch öffentlich Korruption und Bestechung an. Wieso ist das Problem in China so weit verbreitet?

He Jiahong: Vor der Kulturrevolution wurden den Chinesen beigebracht, dass das Gemeinwohl wichtiger sei als das Individuum. Doch die Kulturrevolution zermürbte das Volk und der Glaube an die Selbstlosigkeit zum Wohle aller schwand – zulasten eines moralischen Zerfalls, der plötzlich egoistische Bedürfnisse legitimierte, anstatt sie zu verurteilen. Gleichzeitig wurde die Gesellschaft materialistischer. Außerdem spielt Guanxi, also das Netzwerk persönlicher Beziehungen, eine große Rolle in China. Man schuldet schnell irgendjemandem einen Gefallen. Und es mangelt an einer effizienten Gesetzgebung, aber auch an Transparenz bei der Verfolgung von Korruption. All das begünstigt die Korruption im Land.

Wie kann China das offensichtlich komplexe Korruptionsproblem in den Griff bekommen?

He Jiahong: Bislang versucht man mit Propaganda an die Moral des Volkes zu appellieren, doch das ist zu fadenscheinig. Wir müssen die Leute endlich mit Gesetzen erreichen anstatt mit Belehrungen. Zudem muss der Staat mehr Ressourcen für die Ermittlungen aufwenden. Derzeit verwendet man eher drakonische Strafen für die wenigen Täter, die man wirklich belangt, um die anderen abzuschrecken. Man kann die Täter aber nicht mit Strafen abschrecken, die wegen der wenigen Ermittlungen sowieso auf kaum einen Täter Anwendung finden. Darum müssen mehr Taten aufgedeckt werden. Transparenz ist in diesem Zusammenhang sehr wichtig. Beamte sollten beispielsweise ihre Vermögensverhältnisse deswegen offenlegen müssen.

Leichter gesagt, als getan. Die Korruption ist vor allem unter Beamten weit verbreitet und reicht bis hin zu den Parteioberen. Einer konsequenten Verfolgung von Korruption können sie deshalb nicht zustimmen.

He Jiahong: 2008 forderte ich deshalb Amnestie für alle Beamten, was für viel Aufsehen sorgte. Aber nur so wären die Beamten bereit, die Korruptionsbekämpfung mit reinem Tisch neu anzugehen.

Wann werden wir Ihre Romane in deutscher Sprache lesen können?

He Jiahong: Mein aktueller Roman Back from the Dead: A Landmark Ruling of Wrongful Conviction wird gerade ins Deutsche übersetzt. Ich bin zwar noch auf der Suche nach einem deutschen Verleger, aber ich bin zuversichtlich, dass das Buch bald auch in Deutschland erscheinen wird.

Herr He, vielen Dank für das Gespräch.

 

He Jiahong, 61, ist Professor für Strafrecht an der Renmin-Universität in Peking und Autor von Kriminalromanen. Seine Werke wurden unter anderem ins Englisch, Französische und Italienische übersetzt. He setzt sich in China öffentlich für mehr Rechtssicherheit und eine effektivere Bekämpfung der Korruption ein.

Interview: Adrian Kummer