Interview mit Dong Zijian: „Ich mag meine Heimat“

Seit seiner Nominierung als bester Hauptdarsteller in Cannes gehört der 21-jährige Dong Zijian zu den international bekannteren chinesischen Schauspielern. Mit uns sprach er über Filme, Deutschland und seine Zukunftspläne.

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21China: Herr Dong, China spielt in Wirtschaft und Politik bereits eine tragende Rolle in der Welt. Wann wird der chinesische Film die Welt erobern?

Dong Zijian: Ich finde eigentlich, dass Filme die Welt überhaupt nicht erobern müssen.

Trotzdem ist es schade, dass man von Chinas Filmindustrie im Westen nur wenig mitbekommt. Welche drei chinesischen Filme sollte man kennen?

Viele alte Filme aus China sind sehenswert. Ich würde The Love Eterne, Lebewohl, meine Konkubine und Devlis on the Doorstep empfehlen.

Zu den bekannteren Filmen im Ausland gehören bislang vor allem die opulenten Historienfilme, die sich auch in China großer Beliebtheit erfreuen.

Chinas 5.000-jährige Geschichte bietet unheimlich viel Stoff für Drehbücher. Und egal aus welcher Zeit oder welcher Gegend die Filme stammen: Solange die Stories gut sind, werden sie den Menschen überall auf der Welt gefallen.

Was ist denn Ihr persönlicher Lieblingsfilm aus China?

Viel zu viele! Ich sehe mir gerne die unterschiedlichsten Filme an. Ich glaube deswegen, dass man Filme nicht einfach nur in „gute“ oder „schlechte“ unterteilten sollte. Das wird dem Facettenreichtum einfach nicht gerecht.

Wie sieht es mit ausländischen Filmen aus?

Viele ausländische Filme haben mich stark beeinflusst. Der Pate zum Beispiel, aber auch Die Verurteilten, Manche Mögen’s Heiß und die Filme von Billy Wilder. Auch Emir Kustrica Filme sehe ich mir gerne an. Underground von Kustrica mag ich wirklich sehr.

Hand aufs Herz: Stehen Sie eher auf chinesische oder Hollywood Filme?

Der Unterschied zwischen China und Hollywood ist gar nicht so groß. Deswegen finde ich es eigentlich nicht gut, Filme nach Regionen zu unterscheiden. Damit wird man den Machern nicht gerecht. Grundsätzlich würde ich sagen, dass ich ehrliche Filme bevorzuge.

Hollywood-Produktionen engagieren in den letzten Jahren vermehrt chinesische Schauspieler, um mehr chinesische Zuschauer ins Kino zu locken. Wurde an Sie auch schon herangetreten?

Noch gibt es keinen Kontakt. Es stimmt aber, dass die Nachfrage nach chinesischen Schauspielern in Hollywood steigt. Dennoch hat man nicht gleich gute Chancen, nur weil man Chinese ist. Es kommt immer auf die Rolle an. Darüber hinaus finde ich es nicht gut, chinesische Schauspieler an ihrem Erfolg im Ausland zu messen. Zumal der chinesische Film uns viel dringender braucht als internationale Produktionen.

Ist es für Sie ein Problem, in solchen Produktionen nicht in Ihrer Muttersprache spielen zu können?

In Mountains May Depart spielte ich bereits auf Englisch. Ich würde mir sogar wünschen, noch mehr Sprachen zu beherrschen, um sie für meine Rollen einzusetzen.

Sie sprechen übrigens sehr gut Englisch. Das ist in China ja nicht selbstverständlich.

Ich ging zwei Jahre lang auf eine internationale Schule und habe zudem ein Jahr in den USA studiert. Da ist ein bisschen was hängengeblieben.

Für ihre Rolle im chinesischen Film “Mountains May Depart” wurden Sie dieses Jahr in Cannes als bester Hauptdarsteller nominiert. Worum geht es in dem Streifen und welche Rolle spielen Sie?

In Mountains May Depart spiele ich einen chinesischen Jungen, der in Australien aufwächst. Der Film ist eine Zeitreise und zeigt drei Geschichten aus den Jahren 1999, 2014 und 2025. Die Geschichten sind in gewisser Weise ähnlich. So zeigt der Film, wie sich die Liebe und Zuneigung über die Zeit verändern.

Regisseur des Films war Jia Zhangke, dessen Produktionen in den letzten Jahren international immer wieder große Anerkennung fanden. Was zeichnet seine Filme und die Arbeit mit ihm aus?

Jia Zhangke ist ein großartiger Regisseur. Ich bin wahrscheinlich sogar noch zu jung, um das richtig einschätzen zu können. Faszinierend finde ich, wie er mit seinem Team umgeht. Die meisten Leute arbeiten seit mehr als zehn Jahren mit ihm zusammen. Das kommt in der Filmindustrie selten vor. Dieses Jahr hat er das ganze Team nach Cannes eingeladen. Das finde ich bewundernswert.

Wie würden Sie Ihre persönliche Beziehung zu ihm beschreiben?

Für mich ist er ein Mentor.

Dementsprechend stolz muss Jia gewesen sein, als er von Ihrer Nominierung zum besten Hauptdarsteller in Cannes dieses Jahr hörte. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie davon erfuhren?

Der Film an sich wurde ja auch nominiert, und darüber habe ich mich noch viel mehr gefreut, weil das Team einfach so viel harte Arbeit in das Projekt gesteckt hat. Auf für Jia Zhangke hat es mich wahnsinnig gefreut. Er hat wirklich sehr viel Zeit und Mühe in das Drehbuch investiert. Generell freut man sich natürlich, wenn die eigene Arbeit geschätzt wird.

Waren Sie vor dem Filmfestival in Cannes schon einmal in Frankreich?

Ja. Ich war auch schon in Deutschland und England.

Neben Ihnen war Matthew McConaughey in der gleichen Kategorie nominiert. Haben Sie ihn auch kennengelernt?

Ich habe ihn leider nicht getroffen, obwohl ich ihn als Schauspieler sehr schätze. Ich mag seine Art, wie er Rollen seinen Stempel aufdrückt. Dabei weiß er sich stets zu wandeln, was ich sehr bewundere.

Welchen Schauspieler würden Sie denn gerne mal kennenlernen?

Mich faszinieren Schauspieler eher beim Proben als im finalen Film oder auf der Bühne. Daher würde ich gerne einmal nach England gehen und die Schauspieler dort beobachten.

Im Westen sind Schauspielschulen die erste Anlaufstelle für junge Menschen mit dem Berufswunsch Schauspieler. Wie sieht es in China aus?

Die meisten Filmschauspieler kommen auch bei uns von der Bühne. Ich habe zum Beispiel an der renommierten Central Academy of Drama in Peking studiert. Natürlich kann man auch andere Wege beschreiten. Aber im Grunde verlaufen die Karrieren in China und im Ausland sehr ähnlich.

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Warum wurden Sie Schauspieler?

Das war eher Zufall. Ein Regisseur engagierte mich für einen Film über Schüler, als ich in der Mittelschule war. Danach war ich auch nicht gerade wild aufs Schauspielen. Als ich in Amerika zur Schule ging, interessierte ich mich dann für Filme. Zurück in China habe mich schließlich der Schauspielerei gewidmet. Eigentlich arbeite sich sogar lieber hinter der Kamera.

Was wären Sie, wenn Sie nicht Schauspieler wären?

Ich glaube, es ist wichtig, dass man im Beruf Freude hat und sich selbst entfalten kann. Deswegen wäre es ein Job, der mir Spaß machen würde. Alles andere ist Nebensache.

Sie wurden in Peking geboren und leben dort noch heute. Wie hat Sie Ihre Herkunft beeinflusst?

Ich würde sagen, dass Peking mich zu einem sehr offenen Menschen gemacht hat.

Wie würden Sie sich sonst noch beschreiben?

Als einfach und optimistisch – im positiven wie negativen Sinne (lacht).

Eine philosophische Antwort! Wir haben gehört, Sie beschäftigen sich viel mit Philosophie.

Das stimmt. Aber bei Alltagsentscheidungen spielt das eher eine untergeordnete Rolle.

Und welche Philosophen mögen Sie besonders?

Es gibt keinen, den ich mehr mag als andere. Ich glaube auch, dass jeder ein Philosoph sein und eigenen Überzeugungen folgen sollte.

Welche drei Dinge sind Ihnen am wichtigsten im Leben?

Familie, Familie und Familie. Das ist das Wichtigste. Ich bin am glücklichsten, wenn ich bei meiner Familie bin.

Familie ist ein gutes Stichwort. Die Mädchen dürften bei Ihrem Ruhm Schlange stehen. Aber sind Sie überhaupt noch Single?

Also das Gefühl hatte ich bisher noch nicht (lacht). Bisher haben sich nicht viele Mädchen richtig in mich verliebt. Aber ich mache mir darüber nur wenige Gedanken. Ich lasse es einfach auf mich zukommen.

Wir wollten Sie mit dieser Frage nicht in die Bredouille bringen. Unterscheiden sich die Fragen westlicher Medien denn sehr von denen chinesischer?

Naja, die einen sprechen Chinesisch, die anderen Englisch (lacht).

Mit 21China wollen wir unseren Beitrag dazu leisten, dass China in der deutschen Öffentlichkeit nach faireren Maßstäben beurteilt wird. Wie sehr haben Sie das Gefühl, dass das Chinawissen im Ausland mit negativen Vorurteilen behaftet ist?

Als Chinese kenne ich mich im Ausland zu wenig aus, als dass ich das beurteilen könnte. Ich mag meine Heimat natürlich, und ich merke, dass es voran geht. Das Leben der Menschen wird besser. Dennoch müssen die Chinesen heutzutage hart arbeiten. Ich hoffe, dass sie so ihre Träume verwirklichen und auf diese Weise ein wirklich besseres Leben führen können.

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Gibt es denn Dinge, die China besser macht als westliche Länder?

Ich glaube, auch bei Ländern tut man wie bei Filmen gut daran, sie nicht in einfach gute und schlechte zu unterteilen. Verschiedene Länder haben verschiedene Systeme. Dennoch sollten sie voneinander lernen.

Was fällt Ihnen als erstes ein, wenn Sie an Deutschland denken?

Autos, Fußball und Bier. Ich finde es übrigens erstaunlich, dass Deutsche sogar am Morgen Bier trinken. Das habe ich zumindest mal am Flughafen gesehen. In China trinkt niemand morgens Alkohol.

Kennen Sie denn auch ein paar deutsche Filme?

Natürlich. Spontan fallen mir Oh Boy und Das Leben der Anderen ein.

Welche Projekte stehen als nächstes bei Ihnen an? Auf welche Filme mit Ihnen dürfen wir uns freuen?

Das weiß ich noch nicht genau. Freunde und ich haben kürzlich eine Filmproduktion gegründet. Ich hoffe jedenfalls, dass ich weiterhin bei tollen Projekten mitwirken kann und dass mein Name beim Publikum auch künftig mit guten Filmen in Verbindung gebracht wird.

Herr Dong, vielen Dank für das Gespräch.

 

Dong Zijian, 21, ist ein Schauspieler aus Peking. Beim Filmfestival in Cannes sorgte er wegen seiner Rolle in Mountains May Depart international für Aufsehen.

Interview: Ying Tang & Adrian Kummer / Fotos: privat