Interview mit Autor Christian Y. Schmidt: “Um die Satire in China steht es nicht gut”

Christian Y. Schmidt ist Autor von Büchern wie dem Bestseller Bliefe von dlüben sowie Allein unter 1,3 Milliarden. Er ist ehemaliges Redaktionsmitglied der deutschen Satirezeitschrift Titanic, schrieb später für die Berliner Tageszeitung und lebt seit zehn Jahren in China. Dieses Jubiläum haben wir zum Anlass genommen, mit ihm über seine Bücher, sein Verhältnis zu China und den chinesischen Humor zu sprechen.

cys2

Christian Y. Schmidt / Foto: Gong Yingxin (privat)

Herr Schmidt, woher kommt Ihr Interesse für China?

Christian Y. Schmidt: Ich bin seit nunmehr zwölf Jahren mit einer chinesischen Frau verheiratet. Und diese Frau ist daran schuld, dass ich schon so lange unter Chinesen lebe – und so gerne. Aber schon bevor ich meine Frau kennenlernte, hatte ich bereits einmal engeren Kontakt zu China. Im Alter von fünfzehn bis neunzehn Jahren war ich ein deutscher Maoist. Schon damals wollte ich nach China auswandern. Das hat aber nicht geklappt, weil meine Eltern dagegen waren. Ich bin dann aber wenigstens auf Maos Befehl hin zur Bundeswehr gegangen, um, wie es damals hieß, „die weltweite Einheitsfront gegen den sowjetischen Sozialimperialismus zu stärken“.

Sie sind Autor mehrerer Bücher über China. Sehen Sie sich als Chinaexperten, Chinaversteher, Chinawatcher, Chinesen oder einfach nur als Autor?

Sie können mich laoshi (Lehrer) nennen oder besser noch shifu (Meister). (lacht) Nein, ich bin ein Autor und Schriftsteller, der in China lebt. Außerdem ist Experte für irgendetwas inzwischen fast ein Schimpfwort. Das sind doch die Leute, die laufend in Talkshows herumsitzen und viel reden, und ein paar Jahre später passiert dann genau das Gegenteil von dem, was sie vorausgesagt haben.

Was machen Ihre in Ihren Büchern selbstkritisch oft als mäßig bezeichneten Chinesischkenntnisse?

Sie sind leider immer noch miserabel. Wahrscheinlich bin ich zu faul, zu dumm und hocke zu viel zu Hause am Schreibtisch herum. Ich bin auch ein unnötig gründlicher und ziemlich langsamer Autor, was wohl irgendwie zusammenhängt. Da bleibt nicht viel Zeit zum Sprachenlernen. Hinzu kommt, dass meine Frau ziemlich unwirsch werden kann, wenn ich ihr zu viele Fragen nach chinesischen Vokabeln stelle. Sie wissen ja, dass im 19. Jahrhundert die Todesstrafe darauf stand, wenn Chinesen Ausländern Chinesisch beibrachten. Manchmal habe ich den Verdacht, meine Frau glaubt, dass dieses Gesetz noch heute gelte.

Sie sind ehemaliges Redaktionsmitglied der deutschen Satirezeitschrift „Titanic“. Wie steht es um die chinesische Satire?

Ich muss gestehen, ich habe keine Ahnung. Und das heißt vermutlich: Nicht gut. Denn wäre es anders, wüsste ich davon. Ich habe hier in Peking vor Jahren einmal einen Vortrag über die Titanic gehalten. Dazu habe ich mir ein paar Ausgaben von Fengci Yu Youmo (Satire und Humor) angesehen. Diese Zeitschrift wurde 1979 in Shanghai gegründet, also im gleichen Jahr wie die Titanic. Zur Zeit des Vortrags erschien Fengci wöchentlich im Verlag der Volkszeitung. An Kiosken habe ich es aber nie gesehen. Ich habe gehört, dass das Blatt wohl hauptsächlich von alten Männern gelesen würde. Das habe ich sofort geglaubt, denn so ähnlich schien mir auch die Komik.

Wo findet Satire in China sonst statt?

Ansonsten spielt sich wohl Satire und Verwandtes hauptsächlich im Internet ab. Das bekomme ich aber nur mit, wenn eine Sache wirklich richtig groß wird. Natürlich finden sich auch in der zeitgenössischen chinesischen Kunst immer wieder satirische und parodistische Elemente. Aber sonst sehe ich nicht, dass auf diesem Feld in China allzu viel passiert. Die chinesische Regierung ist ja auch nicht gerade ein großer Förderer komischer Kunst. Immerhin darf man seit letztem Jahr den amtierenden Staatspräsidenten karikieren, allerdings nur ganz niedlich.

Wie hat sich China in den letzten zehn Jahren verändert?

Die Veränderungen in den letzten zehn Jahren sind eigentlich unfassbar. Man muss sich immer wieder vor Augen halten, dass das, was es in China in den letzten 35 Jahren an materiellen Umwälzungen gegeben hat, einmalig in der Geschichte der Menschheit ist. Die letzten zehn Jahre sind da keine Ausnahme!

Was meinen Sie konkret?

Als ich im Jahr 2005 nach Peking kam, gab es drei U-Bahnlinien von insgesamt 94,4 Kilometer Länge. Heute gibt es 18 Linien von 527 Kilometern Länge. Damals gab es noch keine einzige Eisenbahn-Hochgeschwindigkeitsstrecke in China. Heute hat das Land mit fast 20.000 Kilometern das längste Hochgeschwindigkeitsnetz der Welt. So ähnlich wie die Infrastruktur hat sich auch das architektonische Erscheinungsbild der Städte verändert. Bereits 2005 war Peking eine moderne Stadt, doch wenn man sich außerhalb des dritten oder vierten Rings bewegte, merkte man doch schnell, dass man immer noch in der dritten Welt war.

Und heute?

Kleine Dritte-Welt-Inseln gibt es Peking auch heute noch. Aber wenn man aus der Innenstadt rausfährt, ist es inzwischen oft so, als würde man einen Zeitsprung in die Zukunft machen. Dort, wo noch vor ein paar Jahren einstöckige Schlichtbauten mit Rolltorfronten überwogen, stehen jetzt Trabantenstädte für hunderttausende von Einwohnern, komplett mit Hochhausblöcken und Reihenhausvillen, Bürohochhäusern und Shopping Malls, Gewerbebauten und Sportzentren, Schulen und Universitäten – wie aus einem Science Fiction Film.

Wie haben sich die Menschen in China verändert?

Diese Veränderungen lassen sich aber natürlich auch an den Menschen ablesen. Der Anteil der offensichtlichen Landeier und Wanderarbeiter, die große Teile Pekings noch vor zehn Jahren dominierten, ist stark zurückgegangen. Den neuen Städtern sieht man an der Kleidung, den Frisuren, den Gadgets und dem selbstbewussten Auftreten den Aufstieg in die Mittelschicht an. Ausländer, die vor zehn Jahren zumindest noch von den Zugereisten bestaunt wurden, fallen inzwischen überhaupt nicht mehr auf. Sie haben auch einiges von ihrem einst herausgehobenen Status eingebüßt.

Hat diese Entwicklung auch negative Seiten?

Durch die stetig voranschreitende Modernisierung des Landes verschwinden auch die unaufgeräumten Ecken und Nischen. Viele kleine Garküchen, Verkaufsbuden oder mobile Lammspieß-Grills sind in den letzten Jahren aus dem Pekinger Stadtbild entfernt worden. Große Flächen wurden aufgepflastert und versiegelt, illegale Anbauten von der Baupolizei beseitigt. Das alles hat Peking und andere Teile von China auch etwas langweiliger gemacht.

Wie hat sich China seit Xi Jinping verändert?

Seit der Amtsübernahme von Xi Jinping im Jahr 2013 wird eine Law and Order-Politik verfolgt, wie ich sie in den Jahren zuvor noch nicht erlebt habe. Und zwar in nahezu allen Bereichen: Xis Kampf gegen Korruption ist wahrscheinlich die bekannteste Kampagne. Doch genauso hart geht die Regierung gegen Prostitution und Drogen vor. Ich schätze, damit dürfte Xi auf weitgehende Zustimmung treffen, selbst wenn die Anti-Korruptionskampagne zum Teil auch dazu dient, Xis Widersacher in der Partei auszuschalten. Wie die Leute allerdings darüber denken, dass unter Xi auch die politische Repression wieder zugenommen hat, weiß ich nicht. Von der Verfolgung hauptsächlich betroffen sind Blogger im Internet, Journalisten und Anwälte. Außerdem bedienen sich Xi und die Partei in letzter Zeit auch wieder verstärkt einer maoistischen Rhetorik, die im heutigen China eher bizarr wirkt, weil sie ja kaum in praktische Politik umzusetzen ist. Was soll denn das heißen, dass man nicht vergessen darf, den Klassenkampf zu führen? Will man denn gegen die Kapitalisten kämpfen? Die sitzen inzwischen doch auch in der Kommunistischen Partei.

Wie hat China Sie in den letzten zehn Jahren verändert?

Ich glaube, ich bin pragmatischer geworden. Von Deng Xiaoping stammt der Satz: „Egal ob die Katze schwarz oder weiß ist: Hauptsache sie fängt Mäuse.“ Das ist eine Aussage, die ich inzwischen unterschreiben kann. Diesen Pragmatismus aber hat Deng nicht erfunden. Ich denke, das ist eine ziemlich chinesische Eigenschaft, die die sich über Jahrhunderte herausgebildet hat. Die Chinesen sind Meister im Improvisieren. Hier muss nichts hundertprozentig sein, egal, worum es sich handelt. Wenn irgendetwas nicht klappt, wird es halt noch mal versucht, nur ein bisschen anders. Auch im Umgang miteinander ist man kompromissbereit. Man verhandelt lange und achtet dabei darauf, dass der andere nicht das Gesicht verliert.

Wie wird sich China in den nächsten zehn Jahren verändern?

Das kann natürlich keiner sagen, obwohl gerade jetzt im Gefolge David Shambaughs schon wieder eine neue Welle von China-Kommentatoren kommt, die den unmittelbar bevorstehenden Kollaps des chinesischen Gesellschaftssystems vorhersagen. Das allerdings wäre ein Desaster für die ganze Menschheit, und deshalb glaube ich auch nicht daran. Das ist natürlich keine wirkliche Begründung. Was ich damit nur sagen will: Die meisten prophezeien das, was sie sich selbst erhoffen. Die dazu passenden Indizien und Daten klauben sie sich zusammen. Ich glaube, dass Jonathan Fenby Recht hat, wenn er sagt, dass China im Moment an einer Wegscheide steht. Das heißt: Es stehen wichtige Entscheidungen an. Auf jeden Fall werden die nächsten zehn Jahre für China wesentlich schwieriger werden, als es die letzten zehn gewesen sind. Doch das ist ja auch global der Fall. International steigt die Gefahr eines größeren Kriegs, und man kann nur hoffen, dass China nicht mit hineingezogen wird.

Und wie sieht es innenpolitisch aus?

Ob es schlau von Xi Jinping war, die Repressionsschraube anzuziehen, weiß ich nicht. Ich habe da meine Zweifel, wahrscheinlich auch weil ich gerne hätte, dass er es nicht tun würde. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass ein großer Teil der chinesischen Mittelschicht von dieser Entwicklung nicht begeistert ist. Viele Chinesen studieren ja inzwischen im Ausland; außerdem reisen sie wie verrückt. Je mehr Leute wissen, welche Freiheiten es anderswo gibt, desto weniger werden sie sich Einschränkungen gefallen lassen. Andererseits hat Xi natürlich auch seine Gründe. In China hat man die verschiedenen Farben-Revolutionen auf der Welt genau studiert. Und ich schätze, deshalb sagt man sich, wenn wir bestimmten Leuten zu viel Spielraum lassen, ist es irgendwann zu spät.

Ein Problem in China ist allerdings die krasse soziale Ungleichheit im Land.

Würde es angesichts dieses Ungleichgewichts so etwas wie eine Farbenrevolution in China geben, würde das wahrscheinlich zu einem langanhaltenden Bürgerkrieg führen. Der würde Hunderttausende, wenn nicht Millionen das Leben kosten, und Chinas Entwicklung auf Jahrzehnte zurückwerfen. Ziemlich sicher ist, dass die Armen Chinas unter einer solchen Umwälzung am stärksten leiden würden.

In „Im Jahr des Hasendrachen“ gehen Sie oft auf Missstände innerhalb der Berichterstattung der deutschen Medien über China ein. Was stört Sie daran?

Mich stört die überwiegend negative, unausgewogene Tendenz, die die China-Berichte in vielen deutschen Medien haben. Ein Grund dafür ist, dass die Korrespondenten oft ideologisch vorbelastet nach China kommen. Man glaubt genau zu wissen, was in China falsch läuft und wie es sich verändern müsse. Das ist ja das Interessante: Die kommunistische Partei Chinas hat alle Missionierungsversuche aufgegeben, und sagt: Unser Modell gilt nur für China. Andere müssen ihr eigenes Modell finden. Der Westen dagegen missioniert weiter. Dort glauben viele weiterhin, es sei richtig und wichtig, das westliche Modell auf die ganze Welt zu übertragen. Einer der Folgen: Nicht wenige westlichen Korrespondenten sehen sich in China nicht als neutrale Berichterstatter, sondern sie ergreifen Partei. Das Ergebnis kann natürlich keine Berichterstattung sein, die sich um Objektivität bemüht.

Haben Sie dafür auch ein konkretes Beispiel?

Aber sicher. Neulich sah ich eine ARD-Dokumentation, in der der Konflikt um die verschiedenen Inseln im südchinesischen Meer zwischen China und seinen maritimen Nachbarn genommen wurde, um zu behaupten, dass China mit gewachsener wirtschaftlicher Macht auch militärisch aggressiver auftrete. Das ist keine ungewöhnliche Behauptung, sondern wurde in den letzten Jahren immer wieder in deutschen Medien aufgestellt. Wobei allerdings nie erwähnt wird, dass der Anspruch, den die Volksrepublik China im südchinesischem Meer erhebt – jetzt einmal ganz davon abgesehen, ob er legitim ist oder nicht -, bereits von der chinesischen Republik in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts erhoben wurde. Auch damals wurden Landkarten gezeichnet, auf denen die Inseln, die zum Teil kurz vor den Küsten Malaysias oder der Philippinen liegen, als chinesisch ausgewiesen wurden – weshalb, neben der Volksrepublik China auch Taiwan – das sich ja ebenfalls als Rechtsnachfolger der chinesischen Republik versteht – Anspruch auf die Inseln erhebt. Taiwan hat sogar einige Inseln im südchinesischen Meer besetzt – darunter die größte Insel der Spratley-Gruppe, Taiping bzw. Itu Aba. Allerdings habe ich in deutschen Medien noch nie gelesen, die Außenpolitik Taiwans sei in den letzten Jahren aggressiver geworden. Entweder haben die Berichterstatter einfach keine Ahnung von der Geschichte und der aktuellen Situation im südchinesischen Meer, oder aber die genannten Hintergründe werden bewusst verschwiegen, um Stimmung gegen China zu machen.

Andererseits haben es ausländische Journalisten in China auch oft nicht einfach.

Ja, der Umgang der chinesischen Behörden mit westlichen Journalisten ist oft kontraproduktiv. Man sollte auf der chinesischen Seite einfach mal begreifen, dass man sich unter Journalisten keine Freunde macht, wenn man sie bespitzelt, ihnen droht, Dreharbeiten behindert oder Mitarbeiter verhaftet. Diese ganzen Maßnahmen zeugen von mangelndem Selbstbewusstsein, und sind dazu völlig überflüssig.

Wird man Ihre Bücher bald auch auf Chinesisch lesen können?

Oh, das kann man bereits. Bzw. konnte man. Mein Lieblingsbuch unter allen meinen Chinabüchern Allein unter 1,3 Milliarden erschien Anfang 2010 unter dem Titel „独自在13亿人中-一次横跨中国的旅行“ (Dúzì zài 13 yì rén zhōng-yīcì héng kuà zhōngguó de lǚxíng). Leider ist die komplette Auflage inzwischen vergriffen, und zwar so gründlich, dass ich selbst nur noch ein Exemplar besitze. Jetzt, da das Buch auch noch mal auf Deutsch erschienen ist, bin ich dabei, auch einen neuen chinesischen Verlag zu suchen. Allein unter 1,3 Milliarden kam nämlich nicht nur bei den Lesern gut an. Es wurde auch von der chinesischen Kritik sehr gelobt.

Herr Schmidt, vielen Dank für das Gespräch!

 

Interview: Jonas Becker