Hot on Weibo #6: Kampf der Pipi-Kulturen

Ein Video zeigt einen Streit über ein urinierendes Kleinkind auf einer Hong Konger Shoppingmeile und provoziert damit auf Weibo mehr als eine Millionen Kommentare. Die entscheidende Frage: Sind Chinesen unzivilisiert?

Weibo-Pipi

Ohne Windeln in Festland-China: Allzeit bereit dank Cabrio-Hose / Foto: Swonson (Flickr)

Ein bisschen Pipi befeuert erneut den Kultur-Streit zwischen Hong-Kong- und Festland-Chinesen! Das Video zeigt chinesische Touristen vom Festland, die ihren kleinen Sohn in einer Einkaufsstraße in Hong Kong sein kleines Geschäft verrichten lassen. Der Hintergrund: Das junge Paar vom Festland konnte keine frei öffentliche Toilette finden und ließ ihr Kind deshalb auf der Straße urinieren – wie im Festland üblich, wo die meisten Kinder keine Windeln tragen.

Daraufhin entbrannte ein heftiger Streit zwischen dem Pärchen und zwei jungen Hong-Kong-Chinesen, die sich über das „unzivilisierte“ Verhalten der Festland-Chinesen aufregten. Online wurde der Streit auf Sina Weibo weitergeführt.

Alter Kulturkonflikt zwischen Hong Kong und dem Festland

Die Reaktionen von Weibos Mikrobloggern fallen unterschiedlich aus. Viele zeigen Verständnis für das Verhalten der Eltern, andere fühlen sich peinlich berührt.

Einige Mikroblogger analysieren den Vorfall genauer und kommentieren den darunter liegenden Konflikt zwischen Hong-Kong- und Festland-Chinesen: Die Hong-Kong-Chinesen bezeichnen die Festland-Chinesen als „unzivilisiert“, die Festland-Chinesen die Hong Kong-Chinesen dagegen als  „arrogant“ und „diskriminierend“.

In letzter Zeit hat es in Hong Kongs Haupteinkaufsstraßen immer wieder Proteste gegen eine steigende Anzahl chinesischer Touristen gegeben. Diese zeigten zu wenig Kultur, verstopften die U-Bahn und belasteten generell die Infrastruktur, so die Vorwürfe. Im März beispielsweise marschierten etwa 100 Hong-Kong-Chinesen in einem sarkastischen Protestmarsch mit Mao-Bildern und China-Flaggen durch eine Shopping-Straße und forderten die chinesischen Touristen dazu auf, auf dem Festland zu bleiben.

Weibo-Nutzer @Xianggang yinxiang daigou aus Hong Kong analysiert das grundsätzliche Problem:

„Eine große Menge an Touristen vom Festland strömt nach Hong Kong. Dort beeinflussen sie das Alltagsleben der Hong-Kong-Chinesen und beanspruchen gesellschaftliche Ressourcen. Das führt natürlich zu Beschwerden (…). Vieles wird von den Medien übertrieben und provoziert eine generell schlechte öffentliche Meinung, ohne dass das große Ganze betrachtet wird. Das ist nicht akzeptabel!“

Reaktionen: Sind Chinesen unzivilisiert?

Auch wenn viele Festland-Chinesen teilweise Verständnis für den Ärger der Hong Konger aufbringen können: Viele fühlen sich grundsätzlich von den Hong-Kong-Chinesen diskriminiert und missverstanden. Sie stoßen eine grundsätzliche Debatte darüber an, was „zivilisiertes Verhalten“ eigentlich bedeutet. Das beweisen auch folgende Kommentare zweier Netizens, die glauben, dass es auch mit den „zivilisierten“ Verhaltensweisen der Hong Kong-Chinesen noch weit her ist.

@shen ping dashi:

„(…)  Wir haben Grund dafür, anzunehmen, dass Festland-Chinesen, die nach Hong Kong reisen, immer noch einige grundlegenden ‘zivilen’ Verhaltensweisen annehmen müssen. Aber im Video sieht man auch, dass die Hong Konger einfach fremde Leute drangsaliert haben. (…)“

@bei chen zhi YU:

„Viele Touristen vom Festland sind wirklich unzivilisiert, aber (…) man sollte nicht nur das äußere Erscheinungsbild betrachten. Einige junge Hong-Kong-Chinesen glauben fälschlicherweise, dass Kultur nur etwas damit zu tun hat (…), ob man Müll in den Abfalleiner wirft oder sich in eine Schlange stellt, wenn man in den Bus einsteigen will. In Wirklichkeit sind dies aber die unwichtigsten ‘zivilisierten’ Verhaltensweisen (…) Wo bleibt denn die Menschlichkeit?“

 

 Text: Lisa Niklas