Es gibt sie wirklich: Tischmanieren in China!

Wer die Erfahrung kennt, in großer Runde mit Chinesen zu speisen, der wird sich jetzt wundern: Tischmanieren In China? Es gibt sie tatsächlich! Wir zeigen euch, was ihr in guter Gesellschaft beachten solltet.

Tischmanieren-China

Bei manchen Anlässen sind auch in China Tischmanieren gefragt / Foto: Menggu (21China)

Schlürfen und Rülpsen, lärmende Unterhaltung, zwischenzeitliches Rauchen (ohne Inanspruchnahme von Aschenbechern), wahlloses Ausspucken von Knochen und Essensresten auf Tischplatte oder Fußboden, dick entblößte Männerbäuche – chinesische Mahlzeiten erinnern zuweilen eher an Zusammenkünfte von Barbaren, als an wichtige soziale Ereignisse.

Noch weniger lassen sie eine Kultur vermuten, die Jahrtausende lang Zeit hatte, ihre Sitten und Gebräuche zu verfeinern. Dennoch gibt es sie, die unausgesprochenen Verhaltensrichtlinien, deren Kenntnis gut erzogene Chinesen von Bauernlümmeln unterscheidet.

Subtile Gepflogenheiten

So formlos ein chinesisches Dinner auch scheinen mag, für den uneingeweihten Ausländer fühlt es sich an wie ein Spießrutenlauf zwischen Fettnäpfchen: Er weiß, es gibt Regeln. Aber welche?

Viele der chinesischen Essgewohnheiten sind so subtil, dass sie dem westlichen Auge überhaupt nicht auffallen. Wer potentielle Geschäftspartner oder die zukünftigen Schwiegereltern nicht vor den Kopf stoßen möchte, für den könnte ein Blick auf unsere Zusammenstellung nützlich sein. Es sei jedoch angemerkt, dass es große lokale Unterschiede gibt und keineswegs alle dieser Gebräuche in allen Teilen Chinas bekannt sind, geschweige denn dieselbe Gültigkeit besitzen.

Die Sitzordnung

Bei offiziellen oder eher förmlichen Anlässen gilt es, die Hierarchie in der Sitzordnung zu wahren. Der Ehrenplatz ist jener gegenüber der Eingangstür, hier sitzt für gewöhnlich der Gastgeber. Zu seiner Linken und Rechten werden die Ehrengäste platziert, und die weniger wichtigen Personen (z.B. ein Assistent) sitzen dem Ehrenplatz gegenüber in Türnähe.

Höflicherweise positioniert man sich selbst ebenfalls in Nähe der Tür. Wird einem ein Ehrenplatz zugewiesen, so gehört es sich, das Angebot mindestens ein- bis zweimal auszuschlagen, ehe man sich dazu überreden lässt, Platz zu nehmen. Ferner gilt zu beachten, dass man stehen bleibt bis die älteren und weiblichen Gäste sich gesetzt haben.

Das Bestellen

„Gute Dinge kommen paarweise“ lautet ein chinesisches Sprichwort. Aus diesem Grund wird gerne eine gerade Anzahl von Gerichten bestellt. Suppen sind davon ausgenommen, denn sie zählen nicht als Hauptgerichte.

Meistens gibt der Gastgeber die Order auf, doch kann es vorkommen, dass man selbst mit dieser ehrenvollen Aufgabe betraut wird. Dann sollte man besonders darauf achten, nicht genau sieben Gerichte zu bestellen, denn dies ist die Anzahl von Gerichten bei einem chinesischen Totenmahl.

Die Sprache der Stäbchen

Sobald der Gastgeber seine Stäbchen aufnimmt, beginnt die Mahlzeit. Legt er sie horizontal über seinen Teller, gilt das Essen als beendet.

Auch wenn es intuitiv naheliegend erscheint: Essstäbchen dürfen nicht vertikal in den Reis gesteckt werden, es sei denn man möchte sein baldiges Ableben signalisieren. Grund hierfür ist, dass in vielen Gegenden die Ahnenopfer auf diese Weise dargebracht werden. Außerdem servierte man einst den zum Tode Verurteilten so ihre letzte Mahlzeit.

Des Weiteren sollte während des Essens das Klappern der Stäbchen an der Schüssel vermieden werden, denn dies ist die Art, wie vormals Bettler durch die Straßen zogen.

Es ist jetzt nicht gleich nötig, aus Angst vor einem Essstäbchen-Fauxpas einen Kurs für fortgeschrittene Stäbchen-Handhabung zu belegen. Allerdings gibt es eine Sache, die man sich wirklich zu Herzen nehmen sollte: Das Zeigen mit Stäbchen auf Menschen gilt als Beleidigung vom Kaliber eines gestreckten Mittelfingers. Man bediene sich dieser Geste ausschließlich dann, wenn das geplante Geschäft unzweifelhaft gescheitert, oder man sich die Sache mit der bevorstehenden Heirat doch noch anders überlegt hat.

Unkultiviertheiten

Gewisse Speisen (z.B. ungeschälte Schrimps) dürfen mit Händen gegessen werden. Aber man sollte sich anschließend nicht die Finger abschlecken, wenn man nicht unbedingt seine mangelnde Erziehung zum Ausdruck bringen möchte.

Ebenfalls Zeugnis über die primitiven Verhältnisse der eigenen Herkunft legt ab, wer quer über den Tisch nach Essen langt, oder sich nur die besten Stückchen von den Platten pickt. Allgemein gilt: Was man bereits auf den Stäbchen hat, wird nicht wieder zurückgelegt, selbst wenn es sich als Hühnerkralle herausstellen sollte.

Ferner ist es in manchen Küstengegenden unangebracht, einen Fisch zu wenden, wenn die Oberseite leer gegessen ist. Da dies das Umkippen des Fischerbootes symbolisiert, sollte diese Regel vor allem im Beisein von Fischern beachtet werden, denen man nicht unmittelbar den Tod wünscht.

Prosit!

Ebenso wie für das Essen gelten für das Trinken einige mehr oder weniger offensichtliche Regeln. Es dürfte klar sein, dass höflicherweise erst den Sitznachbarn eingeschenkt wird, ehe man sich selbst bedient. Bekommt man hingegen eingeschenkt, so gilt als Zeichen von Dank, das Glas kurz zu berühren, oder mit den Knöcheln von Zeige- und Mittelfinger den Tisch anzutippen.

Einigermaßen verwirrend wird es, sobald alkoholische Getränke im Spiel sind. Scheinbar vor jedem Schluck muss angestoßen werden. Dabei gilt als respektvoll, das eigene Glas während des Anstoßens niedriger zu halten als das des Gegenüber. Besonders amüsant ist zu beobachten, wenn zwei Prostende sich bei diesem Versuch gegenseitiger Respekterweisung zu unterbieten versuchen bis die Gläser schon fast wieder am Tisch stehen. Gegenüber rangniedrigeren oder wesentlich jüngeren Partnern ist derartige Respektbezeugungen jedoch unangebracht.

Keine Angst vor Fehlern

Nach all den Warnungen noch ein Wort zur Beruhigung: Keine Angst! Grundsätzlich wird einem nicht sofort der Kopf abgerissen, selbst wenn das eigene Verhalten ungefähr so taktvoll subtil ist wie das der Wildsau im Blumenbeet. Chinesen haben großes Verständnis und sind tolerant gegenüber den barbarischen Sitten des Auslands.

 

Text: Lukas Weber