Eklat in Peking: Oliver Stone fordert Film über Mao und Ende der Zensur

Eigentlich sollte es eine gemütliche Podiumsdiskussion im Rahmen des 4. Beijing International Film Festivals werden – bis Regisseur Oliver Stone zum Rundumschlag gegen Chinas Filmemacher und die Zensur in der Volksrepublik ausholte.

Oliver Stone über Mao

Auch in Hollywood gefürchtet: Oliver Stone / Foto: Nicolas Genin (Wikimedia Commons)

Oliver Stone war schon immer ein politischer Regisseur. Dabei sparte er nie mit Kritik an seiner Heimat, ganz egal ob er sich US-Präsidenten, den Vietnamkrieg oder die Wall Street vorknöpfte. Gleiches forderte Stone nun auch von chinesischen Filmemachern und sorgte damit letzten Donnerstag während einer Podiumsdiskussion im Rahmen des 4. Beijing International Film Festivals für einen Eklat.

Stones unerwartete Forderung, sich kritisch mit historischen Kontroversen wie der Ära Maos auseinander zu setzen sorgten gleichermaßen für Wut, Empörung aber auch für Applaus unter den Anwesenden. Nur wenn der chinesische Film in der Lage sei, sich frei von Zensur mit seiner eigenen Geschichte auseinanderzusetzen, seien Filme aus China künftig international konkurrenzfähig.

„Ihr müsst einen Film über Mao machen“

„Mao Zedong wurde in aberdutzenden chinesischen Filmen vergöttert, aber niemals kritisiert. Es wird höchste Zeit. Ihr müsst einen Film über Mao machen, über die Kulturrevolution“, sagte der dreifache Oscar-Gewinner. „Macht das, öffnet euch, bringt die Wasser in Wallung und lasst echte Kreativität in diesem Land auftauchen.“

Stone gilt zwar als einer der Bad Boys Hollywoods, dennoch hätte kaum jemand mit einem solch harschen Affront gegen die chinesischen Gastgeber gerechnet. Dem chinesischen Moderator war die Situation sichtlich unangenehm, doch seine Beschwichtigungsversuche konnten den 67-jährigen Regisseur nicht beruhigen – ganz im Gegenteil.

„Sie reden am Thema vorbei“, fuhr Stone fort. „Das sind alles Plattitüden. Wir reden nicht darüber, Touristenfilme, Postkarten über Mädchen in Dörfern zu machen. Das interessiert uns nicht. Wir müssen die Geschichte sehen, über große Figuren wie Mao und die Kulturrevolution sprechen. Diese Dinge sind passiert und sie betreffen jeden hier im Raum.“

„Ich verstehe, dass ihr diese Themen nicht behandelt“

Dennoch gestand Stone China sogar einige Tabuthemen ein, die er jedoch klar von geschichtlichen Themen abgrenzte: „Ich verstehe, dass ihr seit 1949 ein neues Land seid. Ihr müsste euer Land gegen separatistische Bewegungen schützen, gegen die Uiguren und Tibeter. Ich verstehe, dass ihr diese Themen nicht behandelt. Aber doch nicht eure eigene Geschichte, Herr Gott!“

Oliver Stone gab zudem an, er habe bereits selbst mit einer chinesischen Co-Produktion einen Film über Mao Zedong umsetzen wollen, sei aber an der Zensur gescheitert. „Sie sagten mir: Du wirst niemals einen Film über die Kulturrevolution machen.“

Das Thema Mao ist auch Jahrzehnte nach dem Tod des umstrittenen Revolutionärs sehr sensibel in China. Zwar sind sich alle Chinesen der „Fehler“ Maos bewusst. Jedoch war Maos Politik nach offizieller Auffassung nur zu 30 Prozent schlecht, aber zu 70 Prozent gut. Zudem ist der Personenkult um ihn bis heute ungebrochen. Sein Konterfei prangt beispielsweise auf allen Geldscheinen und über den Toren der Verbotenen Stadt.

 

Text: Adrian Kummer