Drachenbootfest: Selbstmord und Essensvernichtung

Die Art, wie Brauchtümer und Traditionen entstehen, folgt oft ihren ganz eigenen Gesetzen. Im Falle des chinesischen Drachenbootfestes muss man sehr genau hinschauen, um den Zusammenhang zwischen einem Selbstmord und dem Feiertag zu entdecken.

Drachenbootfest-China-Hong-Kong

Drachenboot-Rennen in Hong Kong / Foto: See-ming Lee (Flickr)

Beginnen wir mit den Fakten: Das Drachenbootfest findet jährlich am fünften Tag des fünften Mondmonats statt und wird daher auch Fest der Doppelfünf (双五节) genannt. Traditionsgemäß werden an diesem Tag mit Reis gefüllte Bambusblätter (zongzi, 粽子) gegessen  und Wettrennen in Drachenbooten veranstaltet.

Neben dem Grabreinigungsfest (im Frühling) und dem Mondfest (im Herbst) zählt das Fest der Doppelfünf zu jenen traditionellen Feiertagen, die auf Regierungsbeschluss im Jahr 2008 mit einem jeweils dreitägigen Urlaub revitalisiert wurden.

Rätselhafte Hintergründe

Wo die Fakten enden, beginnt das Reich der Mythen und Legenden. Besonders für China gilt, dass sich Erklärungen über die Herkunft seltsamer Brauchtümer in erster Linie dort finden lassen. Und das meist im Übermaß! Von den vielen Geschichten, die über das Drachenbootfest kursieren, haben wir für euch die zwei plausibelsten ausgesucht.

Eine gängige Erklärung, die besonders unter Regierungsmitgliedern beliebt sein dürfte, kreist um einen großen Patrioten. Eigentlich handelt es sich bei Qu Yuan (340-278 v. Chr.) um einen der bedeutendsten Dichter in der chinesischen Geschichte, doch sein Beitrag zur Entstehung des Drachenbootfestes entspringt der Vaterlandsliebe. Als Angehöriger des Staates Chu soll er sich nämlich just an dem Tag des Leben genommen haben, als der Staat von Qin die Hauptstadt von Chu eroberte. Vor lauter Kummer über den Untergang seiner Heimat sprang er mit einem schweren Stein in die Fluten des Miluo Flusses. Die anwesende Bevölkerung rannte augenblicklich zu den Booten und eilte zu seiner Rettung herbei (daher die Bootsrennen), doch die Hilfe kam zu spät. Damit jedoch Qu Yuans Leichnam nicht von den Fischen gefressen und dadurch entehrt würde, fütterten die Menschen sie mit Reis, den sie in den Fluss warfen.  Hierin liegt der Ursprung des traditionellen Zongzi-Essens.

Eine andere Interpretation geht hingegen davon aus, dass die Tradition der Reisopfer viel älter ist als die Geschichte um Qu Yuan. In einer wesentlich archaischeren Zeit stellten angeblich die ins Wasser geworfenen Reisklöße ein Opfer an den Drachenkönig dar. Im Gegensatz zum Phoenix (Vertreter der weiblichen Yin-Energie) gilt der Drache als Vertreter der männlichen Yang-Energie und der Sonne. Da die Sonne ihre größte Kraft gerade um die Zeit des fünften Tages des fünften Mondmonats entfaltet (Sommersonnenwende), hielten die alten Chinesen ein Opfer an diesem Tage für angebracht.

Logisch, oder?

Alles in allem sind die Traditionen des Drachenbootfestes also doch nicht so unlogisch. Mit den richtigen Legenden unterfüttert, lässt sich sogar ein recht passabler Zusammenhang erkennen.

Was jetzt noch fehlt, sind eigentlich nur noch ein paar Erklärungen zu all den anderen Brauchtümern, die in den unterschiedlichsten Gegenden Chinas mit dem Drachenbootfest in Verbindung stehen: Das Tragen von parfümierten Kräutertäschchen beispielsweise, das Trinken von Realgar-Wein, oder jenes ominöse Spiel, bei dem versucht wird, um Punkt zwölf Uhr Mittags ein Ei zum Stehen zu bringen. Wir freuen uns über eure sachdienlichen Hinweise und weitere interessante Bräuche zum Drachenbootfest in den Kommentaren!

 

Text: Lukas Weber