DOK.fest München: Fünf Filme aus und über China

Am heutigen Donnerstag startet das Münchner DOK.fest. Themenschwerpunkt ist diesmal China: Das Reich der Mitte ist der diesjährige “DOK.guest”. Fünf aktuelle Dokumentarfilme werden deshalb im Programm des Filmfestivals gezeigt. Wir zeigen euch, welche das sind.

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Mothers von Xu Hujing

„In meinem nächsten Leben will ich keine Frau mehr sein“. Die diesjährige Quote an Zwangssterilisationen muss erfüllt werden – in dem kleinen chinesischen Dorf in der Provinz Shanxi gibt es jedoch nicht genug Kandidatinnen. So verfolgt die Kommission, die zu 90 Prozent aus Männern besteht, die junge Grundschullehrerin Rong Rong. Sie hat bereits zwei Kinder, will jedoch nicht sterilisiert werden. Am Ende wird sie so erpresst, dass sie ihren Widerstand aufgeben muss. Hautnah erzählt dieser Film die rücksichtslose Jagd auf Rong Rong. Die Absurdität des Quotensystems verbindet sich mit der frappierenden Selbstverständlichkeit, mit der sich die Kommissionsmitglieder bei ihrer Arbeit und ihren Methoden filmen lassen. Packendes Cinéma Verité.

Sud eau nord déplacer von Antoine Boutet

Schnurgerade durchschneiden Kanäle den kargen Boden, riesige Pipelines ziehen sich durch die Einöde und immer wieder Bilder von Wohnungsbauprojekten, ein Haus gleicht dem anderen, grau in grau. SUD EAU NORD DÉPLACER dokumentiert das bombastische Mega-Projekt, das den trockenen Norden Chinas mit Wasser aus dem Süden versorgen soll. Doch im Film wird klar, dass die Pläne der Regierung im krassen Gegensatz zu Mensch und Natur stehen. Umsiedlung, Korruption und Umweltzerstörung sind die Folgen. Aktivisten, Philosophen und Vertriebene kommen zu Wort. Im Zusammenspiel mit eindrucksvollen Bildern der Bauprojekte in den abgelegenen Landstrichen wird die Absurdität der Politik eines Landes gezeigt, dem die Balance verloren gegangen ist.

Little people big dreams von Chun Kit Mak

Sie leben in putzigen Pilzhäusern, treten in Märchenkostümen auf und Eltern lassen ihre Kinder mit ihnen fotografieren. LITTLE PEOPLE BIG DREAMS begleitet über einen längeren Zeitraum Kleinwüchsige im „Dwarves Empire“, einer Art Menschenzoo in China. Das Verhältnis der Themenparkbewohner zu ihrem Zuhause ist ambivalent: „Draußen“ ist Diskriminierung an der Tagesordnung, „drinnen“ ist man wenigstens unter sich und verdient genug Geld, um die eigenen Eltern finanziell zu unterstützen. Auch in Deutschland, in Rheinland-Pfalz, gab es bis in die 1990er-Jahre eine „Liliputaner-Stadt“: Noch 1996 freute sich der damalige Landeswirtschaftsminister Rainer Brüderle darüber, dass diese „kein Märchen, sondern Wirklichkeit“ seien. China ist gar nicht so weit weg.

The last moose in Aoluguya von Gu Tao

„Ich frage dich, gibt es oder gibt es keinen Schnaps?“ Weijia gehört zur ethnischen Minderheit der Rentier-Ewenken, die im Nordosten Chinas ansässig sind. Vom Halbnomadentum von der Regierung in feste Camps umgesiedelt, droht ein Großteil ihrer kulturellen Identität verloren zu gehen: Die Jagd und die Rentierzucht. Aus Langeweile trinken sie und erzählen sich Geschichten von früher. Nüchterne Momente verbringen sie in den Wäldern, auf der Suche nach den letzten Elchen des Aoluguya-Tals. Filmemacher Tao begleitete Weijias Familie über mehrere Jahre und zeigt in seinem Porträt Naturverbundenheit und Nostalgie, aber auch Resignation und Tristesse einer aussterbenden Kultur.

The Iron Ministry von J.P. Sniadecki

Der Film nimmt uns wortwörtlich mit auf eine sinnliche und zeitlose Zugreise kreuz und quer durch China und durch die chinesische Gesellschaft. Der Rhythmus, die Geräusche und auch die Protagonisten wechseln – jeder hat eine andere Geschichte zu erzählen, andere Dinge zu verkaufen oder einfach nur ein anderes Ziel zu erreichen. Kammerspielartig bewegen und horchen wir uns durch die unterschiedlichen Züge und Zugabteile, die sich schnell durchs Land bewegen. Gleichzeitig führt uns J.P. Sniadecki sehr behutsam, sensibel und bedächtig einzelnen Fahrgästen zu. Wir begleiten fragmentarisch Alltägliches, hören Intimes, Lautes und auch Leises, verfolgen Diskussionen und erhalten so ein Potpourri an Eindrücken aus China.

Das Müncher DOK.fest läuft noch bis zum 17. Mai. Alle Spielzeiten der Filme sowie Tickets findet ihr auf der Homepage des DOK.fest.