Uiguren: Die ungeliebte Minderheit

Nach den grausamen Messerattacken von Kunming stellt sich vielen Deutschen die Frage: Wer sind eigentlich die Uiguren? Unser Autor Sven Hauberg ging auf Spurensuche – und landete unter anderem in München.

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Es sind schreckliche Bilder, die uns seit dem Wochenende aus Kunming erreichen: blutüberströmte Körper, Dutzende Tote, verzweifelte Menschen, die über den Platz vor dem Hauptbahnhof der Hauptstadt von Yunnan umhertaumeln. Für die chinesische Regierung war schnell klar, wer hinter der Messerattacke vom Samstag steckt: uigurische Terroristen aus Xinjiang. Sie sollen verantwortlich sein für den Tod von mindestens 29 Menschen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Uiguren als Sündenböcke herhalten müssen, ohne dass dafür Beweise vorgelegt werden. Als Ende Oktober 2013 ein Auto in eine Menschenmenge auf dem Tiananmen-Platz in Peking raste, stand auch hier schnell fest: uigurische Terroristen saßen am Steuer. Stichhaltige Beweise blieb die chinesische Führung freilich schuldig.

 

München: das Zentrum der Exil-Uiguren

Wer sind diese Uiguren, die sich selbst als politisch Verfolgte sehen, von der chinesischen Regierung hingegen zumeist als Problem wahrgenommen werden? Eine Recherche könnte in München beginnen, im Restaurant Taklamakan etwa, gegenüber dem Hauptbahnhof. Hier, in der bayerischen Landeshauptstadt, leben rund 500 Uiguren, mehr als irgendwo sonst außerhalb Asiens. Auch der Weltkongress der Uiguren hat hier sein Hauptquartier. Doch man gibt sich zugeknöpft dieser Tage in den uigurischen Restaurants in München – kein Kommentar, heißt es.

Die Uiguren stellen die größte Volksgruppe in Xinjiang, jener von der Taklamakan-Wüste geprägten Provinz im äußersten Nordwesten Chinas. Ihre Heimat, oft auch Ost-Turkestan genannt, wurde Mitte des 18. Jahrhunderts vom Qing-Kaiser Qianlong unterworfen und schrittweise dem chinesischen Reich angegliedert. Zu diesem Zeitpunkt waren die Uiguren bereits 500 Jahre lang muslimischen Glaubens. Mit Gründung der Volksrepublik China wurde Xinjiang 1949 schließlich eine chinesische Provinz. Die Angliederung erfolgte friedlich, doch unter der Oberfläche brodelte es und die Unzufriedenheit der Uiguren mit ihrem Status als Minderheit im eigenen Land entlud sich 2009 in blutigen Unruhen. Rund 200 Menschen starben damals, vor allem Han-Chinesen.

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Xinjiang: eine Provinz im Wandel

Xinjiang, die Heimat der Uiguren, hat sich drastisch gewandelt in den letzten Jahrzehnten. Urumqi, die Hauptstadt, gleicht heute in weiten Teilen jeder anderen gesichtslosen chinesischen Provinzmetropole, mit breiten Straßen und hohen Häusern. Vom Wirtschaftsboom der vergangenen Jahre haben hier vor allem die Han-Chinesen profitiert, die heute knapp die Hälfte der Bevölkerung in Xinjiang stellen. Auch Kashgar, einst wichtige Oasenstadt entlang der alten Seidenstraße, wandelt sich. Jahrhunderte alte Straßenzüge werden systematisch abgerissen, um im pseudo-uigurischen Stil errichteten Neubauten zu weichen. Aus engen Gassen werden breite Straßen – sie sind leichter zu kontrollieren.

 

Freiheitskämpfer oder Terroristen?

Auf internationaler Ebene finden die Bestrebungen der Uiguren nach einer Unabhängigkeit von China kaum Unterstützung – anders als etwa die Autonomiebewegung der Tibeter. Einerseits fehlt den Uiguren eine strahlende Figur wie sie die Tibeter mit dem Dalai Lama besitzen. Rebiya Kadeer, die Vorsitzende des Weltkongresses der Uiguren, kennen selbst viele Uiguren in Xinjiang nicht. Andererseits übt der tibetische Buddhismus seit jeher eine größere Anziehungskraft auf Europäer aus als der Islam der Uiguren.

Und während die Tibeter einen friedlichen Weg des Widerstands gewählt haben (der freilich vor allem von jungen Tibetern zunehmend angezweifelt wird), agieren in Xinjiang mehrere offen terroristische Gruppen, darunter die ETIM (East Turkestan Islamic Movement), der hunderte Anschläge zu Lasten gelegt werden und die nicht nur von China, sondern auch von den UN und der EU, als terroristische Organisation eingestuft wird. Ob es auch die ETIM war, die hinter dem furchtbaren Anschlag von Kunming steckt, kann trotzdem noch niemand sagen. Unwahrscheinlich ist es nicht – aber ebenso unwahrscheinlich ist es, dass jemals die ganze Wahrheit über den Terror von Kunming ans Licht kommen wird.

Text & Fotos: Sven Hauberg