Die Kunst des Sammelns

Ma Weidu ist Chinas berühmtester Antiquitätensammler. Sein Guanfu Museum war das erste privat geführte Museum des Landes. In seiner eigenen Sendung auf CCTV erläutert er die Geschichten hinter den Sammlerstücken.

Ma Weidu in seinem Guanfu Museum

Herr Ma, was ist das neueste Stück Ihrer Sammlung?

Ma Weidu: Ich habe kürzlich in England gleich mehrere Stücke erworben. Sie dokumentieren das Aufeinandertreffen von Ost und West. Da wäre zum Beispiel ein Stuhl im englischen Stil, der im 18. Jahrhundert in China aus gelbem Palisanderholz gefertigt wurde. Oder ein Porzellanstück aus der Zeit des Kaisers Qianlong aus der Qing Dynastie. Es zeigt auf der einen Seite Engländer bei der Fuchsjagd, auf der anderen Chinesen bei der Tigerjagd.

Wie viel kosten Sie solche Stücke?

Ma Weidu: Der Kaufpreis für die Jagdszenen betrug 12.000 Euro.

Woran bemisst sich der Preis eines Stückes?

Ma Weidu: Heute glauben die meisten Menschen, dass der Wert eines Artefakts seinem Marktwert entspricht und bemessen ihn mit Hilfe von Geld. Das ist ein schlechtes Urteil. Der wirkliche Wert ergibt sich daraus, ob ein Stück die soziologischen Besonderheiten einer Epoche widerspiegelt. Aber auch andere Eigenschaften spielen eine Rolle: Technik, Ästhetik, philosophische oder literarische Aspekte und der historische Stellenwert.

Wie kommen Sie normalerweise an Ihre Stücke?

Ma Weidu: Ich mache mich nicht wirklich auf die Suche. In der Regel entscheide ich mich erst, wenn ich ein Stück sehe, ob ich es kaufe oder nicht. Grundsätzlich ist die Informationsbeschaffung aber heute viel einfacher als früher. Das erleichtert meine Arbeit ungemein.

Dabei geht das Gerücht um, dass Sie keinen Computer anrühren.

Ma Weidu: Das stimmt auch. Ein altes chinesisches Sprichwort lautet: „Es gibt Dinge, die ein ehrbarer Mann tun sollte, und es gibt Dinge, die er lassen sollte.“ Ich habe keine Lust, meine Zeit mit dem Erlernen dieser Technik zu verschwenden. Ich kann auch nicht Auto fahren. Lieber lese ich auf dem Rücksitz ein Buch oder ruhe mich aus.

Haben Sie ein Handy?

Ma Weidu: Natürlich, das schon. Aber ich telefoniere nur damit, mehr nicht.

Sind Sie viel gereist, um neue Stücke zu finden? 

Ma Weidu: Nein. Wie gesagt, ich suche nicht nach speziellen Stücken. Ich glaube viel an Schicksal und Fügung. Es ist auch nicht schwer, chinesische Antiquitäten zu kaufen. Chinas historisches Erbe ist schließlich sehr groß. Die Schwierigkeit liegt eher darin, die nötigen Ressourcen für den Kauf aufzubringen.

Wie bestreiten Sie Ihren Lebensunterhalt?

Ma Weidu: Meine Existenz ist eigentlich ein Wunder. Von Chinas 3.600 Museen werden 15% privat geführt. Doch wir sind das einzige Museum, das ohne Hilfe vom Staat oder von Unternehmen ständig geöffnet hat. Das ist zunächst auf unsere Bekanntheit zurückzuführen. Das führt zu hohen Einnahmen aus Eintrittsgeldern. Zudem bieten wir Führungen und Gutachten an. Darüber hinaus stellen wir unsere Stücke auch ausländischen Museen zur Verfügung und unterhalten einige Dependancen innerhalb Chinas.

Findet man auf Pekings Panjiayuan Markt gute Antiquitäten?

Ma Weidu: Anfänger sollten einmal durchschlendern, allerdings ohne zu große Erwartungen. Denn Antiquitäten mit hohem Wert sind dort mittlerweile sehr selten geworden.

Viele Westler kaufen auch online Antiquitäten aus China. Welche Tipps haben Sie für sie?

Ma Weidu: Zunächst muss einem das Stück persönlich gefallen. Und man sollte überzeugt davon sein, dass es von Wert ist. Wichtig ist auch, dass Einigkeit über den Preis und die Umstände der Transaktion besteht. Ausländer müssen sich darüber bewusst sein, dass das Verhandeln eine Besonderheit der chinesischen Kultur darstellt.

Wie empfinden es die Chinesen, dass westliche Auktionshäuser heute viel Geld mit einst gestohlenen chinesischen Antiquitäten verdienen?

Ma Weidu: Ich sehe das nicht so schlimm. Auf diplomatischer Ebene versucht man, den Schaden durch Rückgaben wieder gut zu machen.  Ich glaube, China profitiert davon, dass seine Kulturgegenstände über die Welt verstreut sind. Das ist gut für die Verbreitung unserer Kultur, zumal chinesische Stücke in internationalen Museen hoch geschätzt werden.

Was halten Sie für das wichtigste Kulturgut der Chinesen?

Ma Weidu: Die chinesischen Schriftzeichen, weil unser ganzes Gedankengut auf ihnen basiert. Dadurch ist unser Denken auch bildlicher als im Westen.

Ma Weidu während des Interviews

Als Sie 1976 mit 21 Jahren anfingen, Antiquitäten zu sammeln, fand die Kulturrevolution gerade Ihr Ende. Welchen Einfluss hatte das auf Ihre Arbeit?

Ma Weidu: Eigentlich keinen direkten. Jedoch warfen die Leute viele alte Dinge auf die Straße und man konnte sie einfach mitnehmen.

Ein Fehler, wenn man die Preisentwicklung für chinesische Antiquitäten in den letzten Jahren betrachtet.

Ma Weidu: Das stimmt. In den letzten Jahren sind die Preise um das 20-fache, manchmal sogar um das 100-fache gestiegen.

Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Ma Weidu: Es hat weniger mit der Leidenschaft der Chinesen für Antiquitäten zu tun, als vielmehr mit dem Geschäftssinn unseres Volkes. Sonst hätten sie bereits vor dem Preisanstieg Sammlungen angelegt.

Woher rührt Ihre Faszination für das Sammeln von Antiquitäten?

Ma Weidu: Wie gesagt, als ich anfing, warf jeder sein altes Zeug weg, um stattdessen neues kaufen. Niemand fand damals Gefallen an alten Dingen oder wusste sie zu schätzen. Ich spürte jedoch, dass hinter den Artefakten mehr steckte als ihr materieller Wert. Mich reizte das Unbekannte, die komplexen Geschichten hinter den Stücken. Denn genau das macht das Antiquitätensammeln für mich aus, diesen Geschichten auf den Grund zu gehen.

Werden in unserer Konsum- und Wegwerfgesellschaft überhaupt noch Stücke gefertigt, die später einmal als Antiquitäten gehandelt werden?

Ma Weidu: Selbstverständlich. Jeder Gegenstand, der exakt die Eigenheiten einer geschichtlichen Epoche widerspiegelt, kann zu einem Artefakt werden.

Haben Sie ein Lieblingsstück?

Ma Weidu: Früher hatte ich welche, aber heute mag ich alle gleich gern. Jedes Stück meiner Sammlung repräsentiert die Besonderheiten verschiedener Zeitabschnitte und Kulturen. Alle können sie den Leuten von heute etwas mitgeben.

Welche Zeit der chinesischen Geschichte finden Sie besonders spannend?

Ma Weidu: Chinas Geschichte ist allgemein sehr spannend mit ihrer 5.000 Jahre währenden kulturellen Entwicklung – und das ohne Unterbrechung! Innerhalb dieser Zeit gab es nie größerer Richtungsänderungen. Kulturell gesehen gefällt mir die Song-Dynastie am besten. Der 268 Jahre lange Abschnitt der Qing-Dynastie ist aber aus sehr spannend. Denn obwohl die Herrscher der Qing-Dynastie nicht der Han-Ethnie angehörten, lehnten sie sich stark an den Han-Kultur an. Zudem ist der Niedergang der chinesischen Kultur faszinierend. Während China vor der Qing-Dynastie noch das mächtigste Land der Welt war, veränderte sich das mit der Industrialisierung des Westens grundlegend. Diese Zeiten des Aufruhrs brachten berühmte Schriftsteller, Historiker und Denker hervor.

Sammeln Chinesen eigentlich auch Briefmarken?

Ma Weidu: Ja. Vor allem kleine Leute beginnen mit dem Sammeln von Briefmarken. Und auch sie spiegeln den Geist ihrer Zeit wider.

Herr Ma, vielen Dank für das Gespräch.

 

Ma Weidu, 58, ist Chinas berühmtester Antiquitätensammler. 1996 eröffnete er in Peking das Guanfu Museum, das seine Sammlung beherbergt. In seiner eigenen Sendung auf CCTV ordnet der gelernte Journalist seine Stücke Ereignissen in der Geschichte zu. Ma ist Autodidakt und eignete sich sein ganzes Wissen um chinesische Artefakte selbst an.

Interview: Verena Weber & Ying Tang / Fotos: Wang Bo