Die Kungfu Company

Kungfu ist Chinas erfolgreichster Kulturexport. Dass aus der jahrtausendealten Kampfsporttradition eine Milliardenindustrie geworden ist, gilt vor allem als Verdienst von Shaolins umstrittenem Abt Shi Yongxin.

Der Abt ist im Stress. Am Seiteneingang des Klosters hält ihm sein Fahrer die Tür des teuren Geländewagens auf. Der kleine, runde Mann in der goldenen Robe läuft hastig die Treppe hoch. Viele Termine, entschuldigt ein Adlatus die Verspätung, und nun müsse seine Exzellenz erst noch etwas essen. Doch wenige Minuten später sitzt Shi Yongxin schon wieder im Schneidersitz auf dem breiten Holzstuhl in seinem Büro, umgeben von wuchtigen Möbeln, Buddha-Statuen und Stapeln von Büchern und Akten. Mit der linken Hand nestelt er an seiner Gebetskette.

Shaolin Show in Dengfeng

„Willkommen in Shaolin“, sagt der Abt in einem Ton, als würde er eine Sitzung eröffnen, und wahrscheinlich tut er den größten Teil des Tages genau das. Der 47-Jährige ist nicht nur der geistliche Vorsteher von Chinas berühmtestem Kloster, sondern auch der Manager eines global aktiven Unterhaltungskonzerns. Denn Shaolin gilt als die Wiege des Kungfu, und die traditionsreiche Kampfkunst ist Chinas erfolgreichster Kulturexport. Von Actionfilmen über Bühnenshows bis zu Computerspielen ist Kungfu heute omnipräsent und inspiriert weltweilt Millionen, die spektakulären Sprünge und Schläge selbst zu lernen.

„Kungfu hat in den letzten dreißig Jahren eine gewaltige Entwicklung erlebt, aber wir wollen dafür sorgen, dass die buddhistischen Wurzeln der Kampfkunst nicht verloren gehen“, erklärt Shi. „Deshalb haben wir Shaolin als Marke registriert, um unsere Kultur weltweit schützen zu können.“ Man ahnt, weshalb Chinas Medien Shi den Spitznamen „CEO-Mönch“ gegeben haben.

 

Shaolin Disneyland

Die Geschichte von Chinas berühmtestem Kloster, nahe der Stadt Dengfeng in der zentralchinesischen Provinz Henan gelegen, erzählt viel über China und die turbulenten drei Jahrzehnte, nachdem das Land Anfang der 1980er auf den Weg des Kapitalismus schwenkte. Im 6. Jahrhundert ließen sich die ersten buddhistischen Mönche am Fuß des malerischen Song-Bergs nieder. Der Legende nach lernten sie Kungfu von dem indischen Mönch Bodhidharma, der die Kampfkunst von der anderen Seite des Himalaja nach China gebracht haben soll. Dabei handelte es sich ursprünglich wohl um Übungen, mit denen die Mönche ihren Körper und Geist stählten, um länger meditieren zu können. Doch schon bald entwickelte sich Kungfu zu einer echten Kampfform. Als im Jahr 728 eine Truppe von 13 Mönchen aus Shaolin dem Tang-Kaiser Li Shimin half, einen Aufstand niederzuschlagen, wurde Shaolin landesweit berühmt – und das Kloster zu einer der wichtigsten religiösen Stätten des Landes.

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Heute erreicht man das Kloster mit einem Golfwägelchen, das die Besucher durch eine Art Erlebnispark fährt, in dem sich alles um Kungfu dreht.

Es gibt ein Hotel und ein Museum, und zu jeder vollen Stunde führen Kampfkunstschüler in orangenen Kostümen ihr akrobatisches Können vor. Sie wirbeln durch die Luft, balancieren auf Speeren und zertrümmern Ziegelsteine wahlweise mit den Händen, Füssen oder der Stirn. Ein Team des Staatsfernsehens baut aus Stahlgestänge eine riesige Bühne für eine Kungfu-Casting-Sendung auf. Das Kloster selbst wirkt neben so viel Pomp geradezu unscheinbar. Die Hallen mit ihren rostroten Wänden und grünen Kacheldächern scheinen sich unter die alten Bäume zu ducken. Durch die Höfe weht der Geruch von Räucherstäbchen. Wenn die Touristen abends gegangen sind, muss es hier verwunschen still sein, doch tagsüber herrscht lärmender Trubel.

 

Rund 11.000 Touristen kommen jeden Tag

Der Abt bekommt davon wenig mit. Er residiert in einem im alten Stil errichteten Nebengebäude. Dahinter erstrecken sich die Wohnheime und Trainingshallen der rund 500 Mönche und Kungfu-Schüler. „Wir unterrichten hier Shaolin-Kungfu in seiner ursprünglichsten Form“, sagt Shi. Es ist die Spitze einer großen Industrie: In Dengfeng gibt es rund 80 Kampfkunstinternate mit insgesamt über 50.000 Schülern. Die meisten werden schon als kleine Kinder von ihren Eltern aus ganz China geschickt, in der Hoffnung, dass sie einmal teilhaben werden am großen Geschäft mit dem Kungfu.

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Vom Arbeiterkind zum CEO-Mönch

In Shis Jugend war davon noch nichts zu erahnen. Geboren wurde er 1965, kurz vor Ausbruch der Kulturrevolution, in einem kleinen Dorf in der Provinz Anhui. Sein Vater arbeitete in einem hunderte Kilometer entfernten Wasserkraftwerk und kam nur einmal jährlich zum Frühlingsfest nach Hause, so dass sich seine Mutter weitgehend allein um die fünf Kinder kümmerte. Die Felder, die der Familie einst gehört hatten, waren der örtlichen Landwirtschaftskommune zugeschlagen worden, in der alle Bewohner des Ortes beschäftigt waren. Auch die Kinder halfen auf den Äckern und gingen zu den abendlichen politischen Unterweisungen. Doch in der Sicherheit der eigenen vier Wände lehrte Shis Mutter ihren Kindern, dass es noch eine höhere Instanz gab als Mao Zedong oder die Kommunistische Partei: Buddha. „Ich habe früh gelernt, dass der Buddhismus gut ist fürs Leben“, sagt Shi. „Man kann sich darin entwickeln und verwirklichen, ohne an materialistische Zwänge gebunden zu sein.“

Mit 16 Jahren beschloss Shi Yongxin, Mönch zu werden, und zog nach Shaolin. Die Wahl war eher zufällig und das Kloster nur noch ein Schatten seiner selbst. Maos Rote Garden hatten bei ihrem rauschhaften Versuch, China von all seinem historischen Ballast zu befreien, auch vor dem Tempel nicht halt gemacht. „Als ich hier ankam, gab es fast nur Ruinen und gerade einmal zwölf alte Mönche lebten noch hier“, erzählt Shi.

„Es war ein sehr hartes Leben.“ Er schlief auf einem Steinboden und arbeitete im Klostergarten, doch vor allem lernte er von den Alten, die alten buddhistischen Schriften zu lesen, zu meditieren und Kungfu zu betreiben. Dass er einmal durch die Luft gewirbelt und mit der Stirn Ziegelsteine zerschlagen haben soll, sieht man Shi zwar heute nicht mehr an. Chinesische Medien verspotten den rundlichen Mönch gerne als „Kungfu-Panda“. Doch Shi versichert, dass er bis heute täglich trainiere: „Es gibt genug Übungen, die man auch in einem Hotelzimmer machen kann.“

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1999, mit gerade einmal 34 Jahren, übernahm Shi die Führung des Klosters. Die lokale Regierung hatte den kleinen Tempel inzwischen restaurieren lassen – sie brauchte ihn als Touristenattraktion. Denn ganz ohne das Zutun der Mönche hatte ihr Kloster inzwischen Glanz bekommen: 1982 war der Hong Kong Actionfilm Shaolin Temple ein internationaler Kinohit geworden und hatte neben dem Hauptdarsteller Jet Li auch Shaolin weltbekannt gemacht. Das Kloster entwickelte sich zum Mekka der Kampfkunstfans. Anfangs fanden diese nur einen verfallenen Tempel außerhalb des Ortes Dengfeng, auf dessen Lehmstraßen nur wenige Fahrzeuge fuhren und dessen Bauern ihre Felder mit Wasserbüffeln pflügten.

 

Leidenschaft und Unternehmergeist

„Unsere lokale Regierung hat schnell erkannt, was für ein Potenzial in der Kungfu-Begeisterung steckt“, sagt Liang Yiquan, Gründer der Epo-Schule, einem der größten Kampfsportinternate in Dengfeng. Liang war damals bereits im Rentenalter und einer der wenigen Kungfu-Meister in der Region. Erlernt hatte er die Kampfkunst von seinem Vater und Großvater, die beide vor Gründung der Volksrepublik (1949) Schüler im Shaolin-Kloster gewesen waren. Die Familie lebte in einem Dorf in der Region und Kungfu war für Liang ein Leben lang etwas gewesen, das er in erster Linie für sich selbst betrieb und nur an wenige, ausgesuchte Schüler weitergab. Doch als die örtlichen Kader an ihn herantraten, ob er Schulleiter von Dengfengs erster Kungfu-Schule werden würde, sagte er zu. „Im Kampfkunstbereich sind zu viele Betrüger unterwegs, die ein paar Tricks können, aber sonst nicht viel draufhaben“, sagt Liang. „Ich wollte verhindern, dass sie in Dengfeng den Ton angeben.“

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Mit Buddhismus hat das, was heute an Liangs Internat unterrichtet wird, allerdings wenig zu tun – dafür mehr mit körperlicher Disziplin. Vor dem Fenster seines Büros üben zweihundert Drittklässler an diesem Morgen Schwerterkampf. Eine Stunde lang wiederholen sie immer wieder die gleichen Bewegungsabläufe, dann werden Sprünge trainiert. „Es ist hart für die Kleinen“, sagt Liang, „aber es macht sie hart.“ Natürlich hoffen sie und ihre Eltern, dass sie einmal in Filmen oder Kungfu-Truppen auftreten werden, doch das schaffen nur wenige. Die meisten gehen hinterher zur Armee oder Polizei, werden Lehrer oder Bodyguards. Das ist nicht der große Traum, aber immerhin ein stabiles Auskommen. Shi Yong xin hat es dagegen verstanden, sich und sein Kloster an die Spitze des Trends zu setzen. Seitdem er Abt von Shaolin ist, boomt das Kampfkunstgeschäft in der Region wie nie zuvor. Er gründete die Firma Shaolin Temple Industrial Development Ltd., die sich die Rechte an der Marke Shaolin eintragen ließ und diese seitdem vermarktet. Lizenznehmer sind unter anderem ein Onlinecasino und eine Dosenfleischfirma, was durchaus ironisch ist, da buddhistische Mönche eigentlich anstreben, keine materiellen Bedürfnisse zu haben, und strikt vegetarisch leben. Der Tempel betreibt außerdem eine Fernsehproduktionsfirma, die vor der Klosterkulisse die Casting-Sendung „China sucht den Kungfu-Star“ in Szene setzte und die Miss-World-Wahl anlockte. Die Klosterapotheke verkauft traditionelle Medikamente mit den „Geheimnissen der Mönche“, zu beziehen auch über Shaolins Onlineshop. Mehrere Kampfkunstshows reisen um die Welt. In vielen Ländern gibt es inzwischen auch lizensierte Shaolin- Schulen. Shi selbst tritt als Werbefigur für Unternehmen auf.

Doch mit seiner GeschaÅNftstüchtigkeit hat er sich nicht nur Freunde gemacht. Chinesische Medien beklagen den Ausverkauf ihrer Kultur und werfen Shi Verschwendungssucht vor. Wegen seines Luxusgeländewagens, den ihm die Stadt Dengfeng für seine Verdienste um den lokalen Tourismus schenkte, steht er ebenso in der Kritik wie wegen des Baus eines millionenteuren Toilettenhäuschens oder des Plans, Shaolin an die Börse zu bringen. „Das wird immer alles so aufgebauscht“, lässt Shi die Vorwürfe an sich abprallen. „Als ich hierher kam, war die Tradition von Shaolin nach 1500 Jahren fast am Ende, aber inzwischen gibt es doch gute Chancen, dass sie noch 1500 weitere Jahre blühen wird.“

Text: Bernhard Bartsch / Fotos: Jan Siefke

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