Der Völkerverständiger

Der kulturelle Dialog zwischen Deutschland und China ist für Alexander Helsing-Hu eine Herzensangelegenheit. Der Unternehmer wünscht sich eine ernsthaftere Auseinandersetzung mit Deutschlands großen Dichtern und Denkern. Von der Arbeit der Kulturinstitute beider Länder hält er nicht viel. 

Alexander Helsing-Hu mit Justus Frantz auf Gran Canaria

Herr Helsing-Hu, Sie bemühen sich um den deutsch-chinesischen Dialog, sind Pianist, gestalten Projekte in Kultur und Medien. Was sind Sie von Beruf?

Alexander Helsing-Hu: Müsste ich mir darüber Gedanken machen, hätte ich wahrscheinlich keine Zeit mehr zu arbeiten. Meine Arbeit orientiert sich immer an meinen Visionen und Wertvorstellungen, aber auch meinen finanziellen Interessen – mal überwiegt das eine, mal das andere. Ich sitze zudem in allerlei Gremien und treibe dort verschiedene Projekte an.

Wie sieht das konkret aus?

Alexander Helsing-Hu: Ich möchte durch Musik etwas zur Völkerverständigung beitragen. Die Schlichtung des Konflikts auf der koreanischen Halbinsel ist uns ein wichtiges Anliegen. Wir brachten beispielsweise die New Yorker Philharmoniker nach Pjöngjang. Das wollen wir baldmöglichst mit einem Orchester aus internationalen Musikern wiederholen, möglicherweise mit der Philharmonie der Nationen. Das wäre auch für die EU eine Chance, sich in die Sechs-Parteien-Gespräche miteinzubringen und ein Zeichen des Friedens zu setzen.

Die Philharmonie der Nationen wurde von Justus Frantz ins Leben gerufen. Zu ihm haben Sie eine ganz besondere Beziehung.

Alexander Helsing-Hu: Justus Frantz ist eine Vaterfigur für mich, mein Mentor. 1986 nahm er mich in seine Meisterklasse an der Hamburger Musikhochschule auf. Zu der engen Beziehung kam es aber erst nach dem Studium. Wir tauschen uns fast täglich aus. Er gehört für mich zur Familie und hat mein Leben ungemein bereichert.

Zu Ihrer Familie gehört auch Hu Shuli. Ihre Tante ist eine der Gründer und Chefredakteurin beim renommierten Wirtschaftsmedienhaus Caixin. Stammen Sie aus einer mächtigen Familie?

Alexander Helsing-Hu: Hu Shuli ist auf jeden Fall eine der mächtigsten Frauen Chinas, so viel kann ich sagen. Beim letzten China-Besuch Angela Merkels konnte sie es sich sogar leisten, das Treffen mit der Bundeskanzlerin abzusagen. Ob meine Familie mächtig ist, wage ich nicht zu beurteilen. Wir sind Intellektuelle, würde ich behaupten.

Wurde Ihre musikalische Begabung von Ihren Eltern gefördert?

Alexander Helsing-Hu: Ich komme aus einer musikalischen Familie und lernte bereits mit fünf Jahren das Klavierspielen. Ich war sehr talentiert, aber ein Wunderkind war ich nicht. Deswegen war die frühe Förderung sehr wichtig für mich. Talent allein reicht nicht aus. Star-Pianist Lang Lang übte als Kind sechs bis sieben Stunden am Tag. Wichtig ist vor allem, dass Kinder sich überhaupt im jungen Alter mit der Musik auseinandersetzen können. Das schult nicht nur die musikalischen Fertigkeiten, es schärft auch die Intelligenz.

Chinas Eltern sind berüchtigt dafür, eher zu fordern als zu fördern.

Alexander Helsing-Hu: Sie sind oft eitel und ehrgeizig. Das einzige Kind soll es zu etwas bringen. Der Wettbewerb ist hart. Diese Mixtur kann zur Gefahr werden für die Psyche der Kinder, wenn man nicht aufpasst.

Wie erziehen Sie Ihre Kinder?

Alexander Helsing-Hu: Eltern müssen ihre Kinder ohne Frage in die richtige Richtung lenken. Von nichts kommt nichts, und ohne Arbeit geht es nicht. Das ist nur zu ihrem Besten. Meine Kinder bekommen täglich zwei Stunden Musikunterricht. Und sie besuchen deutsche Schulen in Peking – obwohl meine Frau und ich Chinesen sind.

Welchen Bezug hatten Ihre chinesischen Eltern zur deutschen Kultur?

Alexander Helsing-Hu: Mein Vater war Dirigent. Er schätzte die deutschen Komponisten sehr. Die deutsche Kultur trug schließlich so viel zur klassischen Musik bei wie keine andere.

Und woher kommt Ihr deutscher Name?

Alexander Helsing-Hu: Mein Vater spielte 1984 ein Konzert mit einem deutschen Musiker namens Helsing. Daraus ergab sich eine intensive Freundschaft. Helsing entdeckte meine Begabung und holte mich nach Hamburg. Ein deutscher Pass war damals sehr hilfreich für einen Chinesen. Und so hat Helsing mich adoptiert, wobei ich auch einen seiner Vornamen annahm: Alexander.

Wie wird die deutsche Kultur in China wahrgenommen?

Alexander Helsing-Hu: Die Chinesen schätzen die deutsche Kultur sehr. Selbst die junge Generation liest Klassiker wie Goethe oder Brecht. Und man bewundert Deutschland um die großen Komponisten, die das Land hervorbrachte – nicht nur in China, in ganz Asien.

Was verstehen Sie unter deutscher Kultur?

Alexander Helsing-Hu: Jedenfalls nicht das, was die deutschen Behörden in China darunter verstehen. Ich vermisse einen ernsthaften Umgang mit der deutschen Kultur. Die Goethe-Institute vermitteln ein gewollt modernes, spaßiges Bild von Deutschland und bringen Künstler ins Land, die hier niemand ernst nehmen kann. Beethoven und Brahms sind auch in 200 Jahren nicht vergessen, derzeit angesagte Künstler vielleicht schon im nächsten Monat. Das ist mehr Image-Korrektur als Kulturvermittlung und sehr schade.

Versucht man einen Udo Lindenberg als Beethoven zu verkaufen?

Alexander Helsing-Hu: Noch so ein Künstler, den man nicht ernst nehmen kann, aber es ist in der Tat so.

Also lieber Georg Baselitz und Neo Rauch?

Alexander Helsing-Hu: Genau. Deutschland ist das Land der Dichter und Denker. Ein bisschen intellektueller Anspruch darf es schon sein. Sonst wird Deutschland künftig nur noch auf Bier und Autos reduziert.

Ist das Deutschland-Bild der Chinesen ausgeprägter als das China-Bild der Deutschen?

Alexander Helsing-Hu: Die Chinesen wissen definitiv mehr über die deutsche Kultur, Wirtschaft und Mentalität als umgekehrt.

Wie wichtig ist die traditionelle chinesische Kultur in China heute?

Alexander Helsing-Hu: Sie gewinnt zunehmend an Wichtigkeit. Die Menschen sehnen sich nach Orientierungspunkten in einer sich schnell wandelnden Zeit. Deswegen leben die Traditionen allgemein wieder auf.

Wie beurteilen Sie die chinesische Kulturarbeit in Deutschland?

Alexander Helsing-Hu: Die Konfuzius-Institute agieren weitgehend konzeptlos. Chinesischkurse anzubieten reicht bei weitem nicht aus. Und vieles, was darüber hinausgeht, wirkt auf Außenstehende kitschig. Zudem werden die Konfuzius-Institute von der Regierung ständig für Propagandazwecke missbraucht. Das gleiche passiert, wenn Konsulate oder die Botschaft in Berlin etwas veranstalten. Das machen die Deutschen besser.

Sind Sie nicht etwas zu kritisch?

Alexander Helsing-Hu: Es mag sein, dass ich etwas höhere Ansprüche habe als andere. Aber ich glaube, sowohl die Deutschen als auch die Chinesen könnten ihre Arbeit viel besser machen. Das sage ich als jemand, dem China und Deutschland am Herzen liegen.

Wie wichtig sind Persönlichkeiten wie Helmut Schmidt für die öffentliche Wahrnehmung Chinas in Deutschland?

Alexander Helsing-Hu: Sie helfen dabei, ein realistisches Bild von China zu zeichnen. Die Medien interessieren sich oft nur für Schlagzeilen, ohne in die Tiefe gehen zu wollen. Das ist kontraproduktiv.

Die Angst vor China zu nehmen, gleicht ohnehin einem Kampf gegen Windmühlen.

Alexander Helsing-Hu: Dabei ist die Angst unbegründet. Kein Chinese wird nach Deutschland kommen, Daimler oder Porsche kaufen und die Autos dann in China produzieren lassen. Die Chinesen verfolgen rein wirtschaftliche Interessen, was Deutschland in der Regel zugute kommt. Keiner will die deutsche Industrie zerstören.

Herr Helsing-Hu, vielen Dank für das Gespräch.

 

Alexander Helsing-Hu, 45, wurde als Hu Xiaoyong in Harbin geboren. Der begabte Pianist studierte an der Hamburger Musikhochschule bei Prof. Justus Frantz. Heute ist er im Medien- und Kulturgeschäft tätig. Helsing-Hu lebt und arbeitet in Peking.

 

Interview: Adrian Kummer & Verena Weber / Foto: privat