Der 21China-Buchtipp: “China verrückt… und schonungslos ehrlich”

Bei einem Reisebericht mit dem Titel „China verrückt“ muss man sich fragen, worum es geht: Um ein verrücktes Land? Eine verrückte Reise? Oder gar um einen verrückten Autor? Wir haben uns “China verrückt…und schonungslos ehrlich” von 21China-Autor Lukas Maria Weber genauer angesehen.

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Ein Blick auf die Route, auf der uns dieses Buch durch China führt, macht deutlich, dass wir es hier nicht mit dem 0815 Chinaprogramm zu tun haben. Autor Lukas Maria Weber ist ein versierter Kenner der chinesischen Kultur und Sinologe mit langjähriger Lebens- und Reiseerfahrung im Reich der Mitte. Die Große Mauer, die Terrakotta-Armee und all die anderen Must-Sees für den Chinalaien hat er bereits mehrere Male besucht und sie sind ihm weder Tinte noch Papier wert. Wovon er uns erzählt, ist jenes China, das sich unterhalb der romantisierenden Idealvorstellungen auftut. Das authentische China, wenn man so will.

Reiseroute

„China ist dort, wo man es nicht sucht. Wo Menschen im Pyjama auf den Straßen spazieren gehen. Wo Kleinkinder keine Windeln, sondern Hosen mit Löchern tragen. Wo Gruppen von älteren Damen ihre Tanzschritte zu Technomusik üben. […] Wo man unaufhörlich von Rotz- und Spuckgeräuschen verfolgt wird. Wo die Benutzer von öffentlichen Toiletten die Türen nicht absperren. […] Wo dicke Bäuche mit hochgerolltem T-Shirt stolz präsentiert werden.“

Von Schafseingeweiden und Motorrad-Gangs

Mit „China verrückt“ tauchen wir ein in den außergewöhnlichen Alltag eines quirligen Landes, das voll ist von scheinbar unvereinbaren Gegensätzen. Wir begegnen Wanderarbeitern und Lastkraftwagenfahrern, tibetischen Mönchen, Maoisten, Kung-Fu-Meistern, Motorradgangs und buddhistischen Einsiedlern.

Daneben offenbaren sich atemberaubende Landschaften entlang jener insgesamt 25.000km langen Strecke, die der Autor innerhalb von sechs Monaten ausschließlich per Bus oder Bahn, zu Fuß und vielfach auch per Anhalter zurückgelegt hat. Er erzählt uns nicht nur von versteckten Juwelen in Zentralchina, wie dem winzigen Bergdorf Guoliang, das am Abgrund einer 300m hohen Klippe kauert, sondern vermittelt ebenso beeindruckende Bilder aus den spärlich besiedelten Gebieten in Chinas Westen: ein wogendes Meer aus roten Roben in der Klosterstadt Yaqing im windgepeitschten Niemandsland Westsichuans; eine Mahlzeit aus Schafseingeweiden am Fuße des heiligen Berges Amnye Machen in Qinghai; die endlose Weite der Taklamakan-Wüste, die er per Anhalter im Tanklastwagen durchquert; ein Erdbeben der Stufe sieben in Sichuan.

Eine gelungene Mischung aus Reiseartikeln und Blogtexten

Wie es aussieht (oder aussehen kann), wenn man sich wirklich auf das Abenteuer China einlässt, zeigt diese gelungene Mischung aus informativen Reiseartikeln und unterhaltsamen Blogtexten. Dabei erfahren wir nicht nur von den Strapazen und Schwierigkeiten einer Chinareise, sondern auch, wie diese sich mit Humor bewältigen lassen:

„Als wir in Dege ankommen, bin ich müde und überreizt. Wir haben kein Glück bei der Wahl des Mittagessens (ein altes, lebensunfrohes Yak wird uns vorgesetzt) und die Suche nach einer Unterkunft stellt uns vor eine unmögliche Wahl: a) Ein sinnlos überteuertes Zimmer im fünften Stock eines liftlosen Gebäudes, dessen untere vier Stockwerke gerade generalsaniert werden, wobei – die gute Nachricht – keine Bauarbeiten nach 10 Uhr abends stattfinden; b) Ein sinnlos überteuertes Zimmer in einer als Nobelhotel getarnten Absteige, dessen Gestank nach Zigarettenrauch man – die gute Nachricht – durch das Öffnen des Fensters mit dem Gestank des davor vorbeiziehenden Flusses bekämpfen kann.“

Vielseitig, amüsant und informativ

Nicht zuletzt handelt es sich bei „China verrückt…und schonungslos ehrlich“ um einen inspirierenden Reiseführer und Verhaltensratgeber für jene Wagemutigen, die das Reich der Mitte selbstständig bereisen wollen. Für Sprachunkundige hält es einen kurzen, doch praktischen Anhang bereit, der per Zeige-Wörterbuch die Kommunikation an Ticketschaltern, in Restaurants und Hotels möglich macht, und uns die „10 wichtigsten Floskeln für die Chinareise“ verrät. Außerdem erfahren wir, welche Speisen man sich keinesfalls entgehen lassen sollte, welche unausgesprochenen Regeln es in daoistischen Tempeln zu beachten gibt, warum der heilige Hua-Berg zu meiden ist und wo man stattdessen eine authentische religiöse Praxis erleben kann.

Über das Buch verteilt finden sich außerdem informative Einblicke in die chinesische Geschichte und traditionelle Kultur, von der auch Chinakenner noch das eine oder andere lernen können: was es mit den Steinlöwen vor den Eingangstoren vieler Gebäude auf sich hat, wieso man heute falsche Geldscheine anstelle von Menschen verbrennt, wer oder was ein „Dujiangyan“ ist, und wie es ein Rückenkratzer geschafft hat, zum heiligsten Objekt kaiserlicher Verehrung zu werden.

Kurzum, wer sich ernsthaft mit dem Reich der Mitte auseinandersetzen will, für den ist dieses Insider-Werk ein absolutes Muss! Wer China hingegen für uninteressante Zeitverschwendung hält, dem ist dieses Buch erst recht zu empfehlen! Locker und humorvoll erzählt, war es selten vergnüglicher vom Lehnsessel aus durch China zu reisen.

9783944365480

 

Das Buch könnt ihr hier für 9,99 Euro kaufen.