Chronik des Zerfalls

Es schmerzt, wenn das eigene Elternhaus abgerissen wird. Und in China verschwinden ganze Wohnviertel und Industriegebiete. Maler Cui Guotai verarbeitet die Melancholie eines ganzen Landes in seinen Bildern.

Herr Cui, kaum ein chinesische Künstler vermag den Wandel in der Volksrepublik so melancholisch darzustellen wie Sie mit Ihren Bildern. Woher bekommen Sie Ihre Inspiration?

Cui Guotai: Aus meiner Kindheit. Heute kann ich die ganzen Erinnerungen einordnen. Und das versuche ich mit meinen Bildern zu transportieren.

Welchen Einfluss hatte die Entwicklung Ihrer Heimatstadt Shenyang auf Ihre Arbeit?

Cui Guotai: Für meine Schaffenskraft ist das von großer Bedeutung. Viele meiner Werke weisen eine Verbindung zum Nordosten des Landes und Shenyang auf. In den 50er und 60er Jahren war der Bezirk Tiexiqu in Shenyang der Motor der chinesischen Industrialisierung. Mit dem Wandel von der Plan- zur Marktwirtschaft veränderte sich schließlich das Stadtbild. Der strukturelle Wandel führte zur Schließung vieler Industrieanlagen. Die Schlote und Fabriken wurden eingerissen und die vertrauten Szenen meiner Kindheit zerfielen in ein düsteres, kaltes und deprimierendes Bild. Das macht mein Herz immer noch schwer und traurig. Mit meinen Bildern drücke ich meine Trauer darüber aus. Ich will den Gebäuden einen würdevollen Abschied schenken.

Woher rührt Ihre besondere Beziehung zur Architektur?

Cui Guotai: Zunächst finde ich die Gebäude sehr ästhetisch. Was mich jedoch fasziniert, sind die Ruinen. Denn in den Überresten hat der Geist der Menschen überlebt. Im Betrachter ruft das Einsamkeit und Melancholie hervor. So komplexe Gefühle könnte ich mit Bildern von Bergen, Flüssen oder Landschaften niemals ausdrücken. Gleichzeitig haben die Gebäude einen Bezug zum wirtschaftlichen und damit auch gesellschaftlichen Wandel in der Volksrepublik. Die zerstörten Motive stellen die Frage, ob die Veränderungen ihren Preis wert sind.

Die wirtschaftliche Öffnung bedeutete für China auch eine kulturelle Öffnung. Ist das nicht auch charakteristisch für Ihre Bilder?

Cui Guotai: Ich denke schon. Ich habe Kunst studiert und bin daher mit der westlichen Kunstgeschichte vertraut. Ich male im realistischen Stil, jedoch finden sich auch typisch asiatische Elemente in meinen Bildern wieder, die man auf die Tuschemalerei zurückführen kann. Allgemein versuche ich, die beiden Kulturen miteinander zu vereinen. Zudem lassen sich meine Werke über die Grenzen Chinas hinweg deuten. Denn Zerfall und die damit verbundene Schwermut werden überall auf der Welt gleich empfunden.

Hatten Ihre Bilder schon immer einen Bezug zur Geschichte Chinas?

Cui Guotai: Heute glaube ich, dass Kunstwerke eine Verbindung zur Gesellschaft haben müssen. Früher malte ich lieber Menschen und Abstraktes. Doch als 2003 viele Fabriken im Nordosten Chinas schlossen, wurden viele meiner Freunde und Bekannten arbeitslos. Das hat mich sehr aufgewühlt. Ich verspürte eine gewisse Nostalgie. Das holte meine Arbeit in die Welt des Konkreten zurück.

Hören Sie Musik während der Arbeit?

Cui Guotai: Während ich male, höre ich gerne Richard Wagner und Edvard Grieg. Für Nachbesserungen wähle ich etwas Sanfteres. Musik spendet mir Kraft und versetzt mich  in eine kreative Stimmung. Deswegen ist mein Atelier wie ein Konzertsaal konzipiert. 13 Lautsprecher sorgen für eine perfekte Atmosphäre.

Und abseits der Arbeit?

Cui Guotai: Höre ich ebenfalls gerne Musik. Ich mag Guqin-Musik, weil sie so friedlich und ruhig klingt. Seit neuestem höre ich auch mongolische Musik. Und Leonhard Cohen gefällt mir auch sehr gut.

Neben der Musik scheint Ihnen auch das Rauchen am Herzen zu liegen.

Cui Guotai: Ich rauche zwei Schachteln am Tag. Wenn ich arbeite, sogar drei. Es ist keine gute Angewohnheit, aber ich kann nicht mehr ohne. Ein Leben in Verzicht halte ich für bedeutungslos. Ich habe sogar mal einen Monat aufgehört, aber in dieser Zeit bekam ich gar nichts auf die Reihe. Während der Arbeit hilft mir eine Zigarette, mich zu entspannen und zu konzentrieren.

Was hilft Ihnen sonst noch bei der Arbeit?

Cui Guotai: Kaffee und Tee gehören auch zu den Dingen, die nicht fehlen dürfen.

Und zu wie vielen Werken bringen Sie es dann im Jahr?

Cui Guotai: Pro Jahr male ich etwa 10 Bilder. Das entspricht ungefähr einem Bild pro Monat, weil ich ja nicht das ganze Jahr über im Atelier verbringe.

Gibt es auch Werke, die Sie nicht verkaufen?

Cui Guotai: Natürlich. Mein Atelier ist sehr groß. Ich will meine Werke so oft wie möglich sehen. Daher möchte ich hier künftig noch ein paar mehr Bilder aufstellen.

Welche chinesischen Gegenwartskünstler bewundern Sie?

Cui Guotai: Mir gefallen Fang Lijun, Liu Xiaodong und Zhang Xiaogang sehr gut. Ihre kulturelle Perspektive ist international, sie sind aufgeschlossen und verfügen über viel Kunstverstand. Ihre Werke spiegeln die chinesische Gegenwart wider. Damit regen sie die Menschen zum Nachdenken an.

Tauschen Sie sich oft mit anderen Künstlern aus?

Cui Guotai: Wir gehen oft gemeinsam essen oder etwas trinken. Das ist wie früher bei den französischen Künstlern, die tagsüber arbeiteten und sich abends im Moulin Rouge trafen. Eigentlich sind alle Maler gleich: sie sind einsam. Zu Gleichgesinnten suchen sie jedoch gerne den Kontakt, um sich auszutauschen.

Wie stehen Sie zu Ai Weiwei?

Cui Guotai: Den finde ich ziemlich gut. Sein Standpunkt ist sehr solide. Für seine Art der Kunst ist die Einstellung des Künstlers sicherlich bedeutender als die handwerklichen Fähigkeiten.

Was halten Sie davon, dass Westler von chinesischen Künstlern in der Regel Gesellschaftskritik erwarten?

Cui Guotai: Als Gegenwartskünstler sollte man definitiv gesellschaftliche Probleme behandeln. Diese sollte man bewusst erforschen und seine Werke konzeptionell auf sie anlegen. Das ist sehr wichtig für die gesunde Entwicklung eines Landes. Mit dem Strom zu schwimmen passt nicht zu einem Gegenwartskünstler, Loblieder gehören nicht zu seinem Metier. Einige meiner Werke sind deshalb auch gegenwartskritisch.

Würden Sie auch einen Computer nutzen, um zu malen?

Cui Guotai: Das überlasse ich den späteren Generationen oder auch David Hockney. Hockney liebt es ja, neue Wege zu gehen. Für mich ist das aber nichts. Ich brauche den Geruch der Farbe und das Gefühl, dass sich die Farbschichten übereinander stapeln. Ohne diese sinnliche Ebene verlöre die Ölmalerei für mich an Anziehungskraft.

Kommen Sie oft nach Deutschland?

Cui Guotai: Ja, seit 2005 mehrmals im Jahr, hauptsächlich nach Berlin, München und Frankfurt. Besonders gut gefällt mir Aschaffenburg, aber das Schloss Neuschwanstein hat mich auch beeindruckt. Und natürlich die deutsche Gegenwartskunst!

Herr Cui, vielen Dank für das Gespräch.

 

Cui Guotai, 49, ist Künstler und stammt aus Shenyang in der Provinz Liaoning. Nach seinem Studium der Künste in Changchun und an der renommierten Central Art Academy in Peking, begann er in der Hauptstadt als Maler zu arbeiten. Dort lebt er bis heute. Gerade bei Sammlern aus dem deutschsprachigen Raum sind seine Werke sehr beliebt.

Interview: Adrian Kummer, Verena Weber & Ying Tang / Fotos: Cui Guotai