China auf der 64. Berlinale

China und Taiwan sind auf der diesjährigen Berlinale mit einem Dutzend Filmen vertreten. Wir stellen die drei Streifen vor, die im internationalen Wettbewerb um den Goldenen Bären konkurrieren.

白日焰火 – Bai Ri Yan Huo / Black Coal, Thin Ice

1999 kommt es in einer Kleinstadt im Norden Chinas zu schrecklichen Leichenfunden. Bei der Festnahme der mutmaßlichen Mörder ereignet sich ein blutiger Zwischenfall, bei dem zwei Polizisten sterben und einer schwer verletzt wird. Der überlebende Polizist, Zhang Zili, wird vom Dienst suspendiert und arbeitet fortan als Wachmann in einer Fabrik. Fünf Jahre später geschehen wieder mysteriöse Morde. Mit Hilfe eines ehemaligen Kollegen nimmt Zhang auf eigene Faust Ermittlungen auf. Er entdeckt, dass alle Opfer in Beziehung zu einer jungen Frau standen, die in einer Reinigung arbeitet. Zhang gibt sich als Kunde aus, nimmt ihre Verfolgung auf und verliebt sich in die schweigsame Wu Zhizhen. An einem kalten Wintertag macht er eine furchtbare Entdeckung. Er gerät in Lebensgefahr und muss erfahren, dass Schuld und Unschuld nicht immer zu trennen sind. Mit den Figuren des einsamen Ex-Polizisten und der Femme fatale zitiert Regisseur Diao Yinan den klassischen Detektivfilm. Sein dritter Spielfilm ist ein Film noir in entsättigten Farben, der mit diesem Genre spielt und gleichzeitig in das Leben ganz gewöhnlicher Menschen führt.

 

推拿 – Tui Na / Blind Massage

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Ma hat als Kind bei einem Unfall sein Augenlicht verloren und muss sich seitdem auf sein Gehör verlassen. Auch die anderen Beschäftigten in der Massagepraxis in Nanjing, in der Ma als junger Mann arbeitet, teilen sein Schicksal. Mit einer Kamera, die die tastenden Bewegungen dieser Menschen aufnimmt, mit einer Tonspur, die auch das geringste Geräusch wahrnimmt, geht der Film in eine Welt der Dunkelheit. Regisseur Lou Ye, der mit sehenden und blinden Darstellern gearbeitet hat, begleitet die Figuren ein Stück ihres Weges, forscht ihren Sehnsüchten und Träumen nach und skizziert zugleich die Alltagsrealität im modernen China.
Da ist Dr. Wang, der in die unsauberen Geldgeschäfte seines Bruders hineingezogen wird, und seine Verlobte Kong, die weiß, dass ihre Eltern nie einen Blinden als Ehemann akzeptieren werden. Da ist Yiguang, der seine Sehkraft bei einem Bergwerksunglück eingebüßt hat und Ma mit ins Bordell nimmt. Und da ist die junge Prostituierte Mann, in die sich Ma verliebt. Der einfühlsam gespielte, experimentell montierte Film öffnet dem Zuschauer die Sinne für die Gefühlswelt blinder Menschen und erfasst insbesondere deren Empfinden von Schönheit und Lust in eigenwilligen Bildern.

 

无人区 – Wu Ren Qu / No Man’s Land

„Das ist eine Geschichte über Tiere“, kündigt der Held des Films an, der aus der Großstadt stammende Rechtsanwalt Pan Xiao. Tatsächlich rücken als nächstes zwei stolze Falken ins Bild, die in der Xinjiang-Wüste illegal gefangen wurden. Sie sollen eine Menge Bares einbringen, Recht und Gesetz spielen dabei keine Rolle. So wird die Gier nach Geld zum Treibmittel für die Story. Und Pan Xiao, der für seinen nächsten Prozess rund 500 Kilometer durch das felsenreiche Niemandsland der Wüste reisen muss, zum getriebenen Protagonisten: gepeinigt von ebenso grotesken wie hochgefährlichen Zufallsbekanntschaften und mysteriösen Wegbegleitern, die vor Gewalt nicht zurückschrecken. Regisseur Ning Hao, der 2005 im Forum der Berlinale Mongolian Ping Pong zeigte, präsentiert mit No Man’s Land eine bildgewaltige philosophische Parabel auf eine aus allen Fugen geratene Gesellschaft, in der im Kampf um Reichtum und Macht keine moralischen Skrupel mehr gelten. Inszeniert als Hommage an die Italowestern eines Sergio Leone, macht der Film die kargen, zerklüfteten Wüstenexterieurs auch als Seelenlandschaften seiner Figuren erfahrbar.