China Art Spotlights: Zeng Fanzhi

Seine Werke erzielen bei Auktionen Rekorderlöse: Der Chinese Zeng Fanzhi ist der wohl gefragteste lebende asiatische Künstler. Der bekannte Maskenmaler ist dabei so vielseitig wie kaum ein anderer.

Das Ich im Wir

In einer kollektiv grundierten Gesellschaft wie der chinesischen ist das Spannungsfeld zwischen Tradition und zunehmendem Individualismus im 21. Jahrhundert naturgemäß besonders groß. Kein Wunder also, dass sich in China zahlreiche Künstler immer wieder dieses Themas annehmen. So auch Zeng Fanzhi, der mit seinen – salopp genannten – Maskenbildern über die Grenzen Chinas hinaus bekannt geworden ist.

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Zeng Fanzhi: Chorus, 2005 / Foto: artchina-gallery.de

Masken erfüllen die unterschiedlichsten Funktionen: sie verbergen emotionale Regungen, sie sind ein Schutz vor dem Außen, sie können helfen ein bestimmte Rolle einzunehmen. Sie lassen also viel Raum für Interpretationen. Dies gilt umso mehr im chinesischen Kontext, wo der Begriff des „Gesicht Wahrens“ eine große, vielschichtige und subtile Bedeutung für gesellschaftliche Interaktionen hat. Man hat nicht nur sein eigenes, sondern auch das Gesicht des Anderen zu wahren – und wie schnell kann man es verlieren: durch Kritik (die man erhält, aber auch die man übt), durch Nicht-Erfüllung der sozialen Rolle oder Aufgaben, durch mangelnde Wertschätzung, durch öffentliche Bloßstellung.

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Zeng Fanzhi: Mask Serie (Blumen), 2006 / Foto: archina-gallery.de

In einer jahrelang andauernden Serie malte er vorwiegend männliche Protagonisten, die alle eine weiße Maske vor dem Gesicht tragen, westlich-modern urban gekleidet sind und verstörend große sehnige, ja fast knorrige Hände haben. Die Figuren bemühen sich um einen lockeren Eindruck, wirken jedoch in ihrer Körperhaltung seltsam steif und verloren. Dies wird verstärkt durch den Umstand, dass sie nirgendwo verortet sind, es gibt keinen Ort, keinen Raum, der sie umfängt. Fast im Gegensatz zu diesem beinahe leblosen Eindruck stehen die meist hellen, ja heiteren Farben.

Zeng Fanzhis Version des Letzten Abendmahls, dessen Protagonisten ebenfalls alle Masken tragen, erzielte im Oktober 2013 bei Sotheby’s Hong Kong einen Erlös von rund 17 Millionen Euro – was sowohl den Rekord für ein Bild eines lebenden chinesischen Künstlers als auch den für ein zeitgenössisches asiatisches Werk darstellt.

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Zeng Fanzhi: The Last Supper, 2002 / Foto: Sotheby’s

Begonnen hat der Künstler jedoch anders, auch wenn seine frühen Arbeiten aus den 1990ern nicht weniger düster sind. Expressionistische Bilder, die beispielsweise Spitalszenen mit sadistischen Ärzten, wehrlose blutende Kranke oder Szenen aus dem Schlachthof zeigen. Die Figuren haben auch hier schon typische Merkmale: große verkrampfte Hände, stereotype Gesichter mit aufgerissenen Augen oder ausdrucksloser Miene. Zeng Fanzhi sagt: „Malen ist ein schmerzhafter Prozess; er zwingt die Figuren in meinen Bildern in einen Zustand des Schmerzes und der Ängstlichkeit. Ich male Bilder von Menschen in tragischen Situationen, und sie drücken alles aus, was ich ausdrücken will.“

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Zeng Fanzhi: Untitled, 2011 / Foto: artnet.com

Obwohl ihn die Maskenbilder international bekannt gemacht haben, hat es Zeng Fanzhi nicht dabei belassen. Vielschichtigkeit im ästhetischen Vokabular kennzeichnet seine Ansätze, wobei die Person an sich, der moderne Mensch meist im Zentrum des Interesses steht. Er malt Freunde und Bekannte, aber auch Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens; er widmet sich einer Art Landschaftsmalerei, meist mit düsterem Himmel, meist als wildes Gestrüpp aus dicken Farbschlieren – in dem sich auch schon mal eine Art Dürerscher Hase verbirgt. Und er greift auch ins Skulpturale aus, ein aktuelles Beispiel war auf der heurigen Art Basel zu sehen: der simple nackte Ast eines Zwetschkenbaums, ganz in chinesischer Reduziertheit.

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Zeng Fanzhi: Untitled, 2014 / Foto: artbasel.com

 

Text: Alice Schmatzberger