China Art Spotlights: Wen Fang

Mit der Reihe China Art Spotlights möchten wir den Blick auf die ungeheure Vielfalt und Kreativität in der zeitgenössischen Kunst Chinas lenken – und zwar abseits der wenigen im Westen bekannten Namen. Dieses Mal im Spotlight: Wen Fang.

Wen Fang hat sich mit ihrer Kunst immer weiter ins Leben hinein bewegt: vom Beobachten über das Kommentieren hinein ins gesellschaftliche Verändern. Aber der Reihe nach: Nach Abschluss der University of Fine Arts in Peking und sechs Jahren als Webdesignerin geht Wen Fang 2002 nach Paris, um am Institute Louis-Lumière Fotografie zu studieren. Anfänglich widmet sie sich der surrealistischen Fotografie – doch ihre Rückkehr nach China im Jahr 2004 und die Realitäten in China zu Beginn des 21. Jahrhunderts veranlassen sie dazu, künstlerisch letztlich einen anderen Weg einzuschlagen: „I came to believe that nothing is more surreal than reality.“

So beginnt sie, die gesellschaftlichen Realitäten in China genau zu beobachten, mittels ihrer Kunst aufzuzeichnen und schließlich in sozialkritische und sozialbewusste Installationen umzusetzen.

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Wen Fang: Terracotta Figures of Civilian Workers in the Republic of China (Installationsansicht, 300 Portraits auf Ziegelstein gedruckt, 2008) / Foto: Galerie Paris-Beijing

Besonders bekannt wird Wen Fang für die von ihr entwickelte Technik, Fotografien zuerst mit Ziegelsteinen und letztlich mit zahllosen Alltagsgegenständen zu kombinieren: Messer, Schutzmasken, Schreibtische oder Verpackungsmaterial. Bereits hier ist heraus zu lesen, dass Kunst für sie integraler Bestandteil des täglichen Lebens ist – und kein simples l’art pour l’art.

Ihre jeweils vielteiligen Arbeiten behandeln folgerichtig aktuelle soziale Entwicklungen und Verwerfungen und sind als Reflexionen über das moderne China zu sehen: Wanderarbeiter, die Auswirkungen der Olympischen Spiele in China, das Erdbeben in Sichuan, Waisenkinder, der Milchskandal, Umweltverschmutzung, die Folgen der rasanten Globalisierung, die chinesische Mondfähre.

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Wen Fang: Rain (Installationsansicht, 600 images of garbages printed on steel knives) / Foto: Galerie Paris-Beijing 

Wie so typisch für viele der komplexen tiefgehenden Arbeiten zeitgenössischer chinesischer Künstler, steckt auch hinter jeder einzelnen ihrer Arbeiten eine Vielfalt von Bedeutungen, Bezügen und Verweisen. Beispielhaft sei hier Rain betrachtet, eine Installation aus beilartigen Messern mit Bildern von Müll, in denen Wen Fang das Problem der Umweltverschmutzung thematisiert. Für das Schlimmste, das passieren kann, gibt es in China ein Sprichwort: Messer, die vom Himmel regnen.

In einem Vorort von Beijing, inmitten des Abfalls am Straßenrand, beobachtet sie am Abwasserkanal Kinder, deren Spielzeug aus Abfall, Verpackungsmüll und verrottendem Gemüse besteht. Sollten diese Kinder aber nicht in einem Garten spielen? Und wird bei allem Fortschritt so ein Garten trotzdem jemals mehr sein als eine Menge scharfer, bedrohlicher Messer?

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Wen Fang: To Keep on Living (30 maßgefertigte Schul-Schreibtische, gedruckte Kinderportraits) 2008 / Foto: Birthday Present. Wen Fang; Ausstellungskatalog, Galerie Paris-Beijing, Beijing 2009

Widmete sie die Einnahmen aus den Verkäufen von To Keep on Living bereits einer Organisation für Waisenkinder, geht sie ab 2011 mit dem ambitionierten Vorhaben Poverty Alleviation Through Art noch einen Schritt weiter: sie verlässt die externe Position der Beobachterin und Kommentatorin und nutzt ihre Kunst, um den konkreten Alltag von Menschen zu verbessern.

In der Provinz Ningxia, einer der ärmsten und massiv von Abwanderung betroffenen Regionen Chinas, unterstützt Wen Fang Frauen in ihrer traditionellen Handwerkskunst von Weben und Stickerei und hilft, eine Kooperative zu gründen. Sie kümmert sich dabei wenig um die artifiziellen Grenzen zwischen High und Low, also um den Gegensatz zwischen hoher Kunst und vermeintlich niedrigerem Handwerk. Gerade durch diese ungewöhnliche Kombination soll es letztlich den Frauen ermöglicht werden, eigene Einkünfte zur Verbesserung von Ernährung, Bildung oder Gesundheitsversorgung zu erzeugen.

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Mon Livre, Frauenkooperative Ningxia / Foto: Courtesy of the artist.

„I am Buddhist – so I started trying to use art as a medium to reflect myself, my perspective on the world, and maybe to change something if I can.“

 

Text: Alice Schmatzberger