China Art Spotlights: Wang Wo

Wang Wo und Ai Weiwei stehen sich nahe – nicht nur persönlich, sondern auch in ihrer Kunst. Wang Wo wirft mit seinen Werken einen kritischen Blick auf die chinesische Politik und ihren Einfluss auf das Privatleben der Chinesen.

Das Time Magazine Cover von Wang Wo für das Ai Weiwei Studio

Wang Wo für Ai Weiwei Studio: Cover des TIME Magazine, 17. Juni 2013 / Foto: courtesy of the artist

Als unabhängiger Filmemacher, Künstler, Art Director der Li Xianting Film Foundation sowie als Lehrer an der Li Xianting Film School fokussiert Wang Wo immer auf das kritische, unabhängige und selbständige Denken – wobei er überzeugt ist, dass jeder Mensch über diese Fähigkeit verfügt, auch wenn sie manchmal behindert oder eingeschränkt wird.

Seine Independent-Filme Outside, Noise, Up & Down und Zheteng behandeln kommentarlos und ohne erzählerischen Kontext das tägliche Leben, sie zeigen alltägliche Szenen in den Straßen und Hutongs, fangen Ausschnitte der urbanen Realitäten ein. Mit seinem jüngsten Film, Dialogue, wird er noch politischer, zeigt dieser doch eine Reihe von Internet-Konversationen zwischen dem Dalai Lama, tibetischen Schriftstellern sowie Menschrechtsanwälten.

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Noise (60 min.), 2007, Filmstill / Foto: courtesy of the artist

Das Private ist politisch

Die vermeintliche Unterscheidung zwischen dem Alltäglichen bzw. Privaten und dem Politischen ist für Wang Wo eine typisch westliche Denkweise. Für ihn ist das Politische nichts, was als vom privaten Leben getrennt zu betrachten ist. Das Politische bestimmt den Alltag, jedes politische Ereignis, jeder politische Moment in China berührt automatisch das Leben jedes Einzelnen.

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Outside (78 min.), 2005, Filmstill / Foto: courtesy of the artist

Seine fotografischen Arbeiten beschäftigen sich ebenfalls mit politisch oder sozial bedeutsamen Momenten  in China: beispielsweise das Begräbnis von Zhou Enlai, Bilder vom Erdbeben in Sichuan, den berühmten Tank Man am Tiananmen Platz im Juni 1989, die Olympischen Sommerspiele oder Demonstrationen für oder gegen den Vietnam-Krieg. Die Vorlagen entnimmt er meist dem Internet und löscht dann digital ein oder mehrere Details wie z.B. die Schrift auf den Bannern in Demonstrationen, Panzer oder Details aus dem Hintergrund. Was übrig bleibt, ist lediglich ein nicht mehr zuordenbarer visueller Abdruck der Geschichte, deren einzelne Momente immer rascher verblassen. Einerseits ist es so möglich, die Zensur zu umgehen. Andererseits ist es ihm wichtig dadurch zu zeigen, dass sich Demonstrationen für verschiedene Anliegen letztendlich nicht unterscheiden: dieselbe Choreografie, dieselben Lieder, teilweise dieselben Menschen.

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Up & Down (11 min.), 2007, Filmstill / Foto: courtesy of the artist

Die Chinesen unter Druck

Diesen befremdlichen Umstand führt Wang Wo unter anderem darauf zurück, dass die Menschen in China beinahe permanent unter Druck stehen. Wenn es also Anlass gibt, etwas zu feiern oder sich zu versammeln, dann wird das freudig gemacht und zwar unabhängig davon, worum es gerade geht. Und es gibt seiner Ansicht nach auch keine Tradition zur Entwicklung eines eigenen Standpunkts – was einerseits dem Schul- und Ausbildungssystem zu zuschreiben ist, andererseits aber auch ganz simpel aus der Lebenserfahrung der Menschen resultiert. Der Vogel, der zuerst seinen Kopf raus streckt, wird erschossen, so lautet eine chinesische Redensart.

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Zheteng (112 min.), 2010, Filmstill / Foto: courtesy of the artist

In all seinen Arbeiten – Film, Fotografie oder auch als Grafiker für Ai Weiweis Studio– zeigt er sich also als genauer und durchaus kritischer Beobachter der chinesischen Gesellschaft, dem die Grundvorstellung der Unabhängigkeit wichtig ist. Und so will er seine Hoffnungen auch nicht auf die Zukunft oder auf kommende Generationen projizieren, sondern im Jetzt leben, wo es für Künstler unglaublich viel zu reflektieren und zu thematisieren gibt. Man darf sich jedoch keinesfalls abfinden mit den Verhältnissen: „With my works of art I am discussing current living conditions. Through my projects I am dealing with all this.“

 

Text: Alice Schmatzberger