China Art Spotlights: He Chongyue

Mit der Reihe China Art Spotlights möchten wir den Blick auf die ungeheure Vielfalt und Kreativität in der zeitgenössischen Kunst Chinas lenken – und zwar abseits der wenigen im Westen bekannten Namen. Dieses Mal im Spotlight: He Chongyue.

He Chongyue, A Billion to One: Dictated Parenthood and the Feudal Mind No. 7, 2006, colour photograph, 152 x 190 cm. Courtesy of the artist.

He Chongyue, A Billion to One: Dictated Parenthood and the Feudal Mind No. 7, 2006, colour photograph, 152 x 190 cm / Foto: Courtesy of the artist

Unsere China Art Spotlights zeigen in einer gänzlich subjektiven Auswahl, wie sich die rasanten Änderungen innerhalb Chinas im zeitgenössischen Kunstschaffen manifestieren, was sich seit den Anfängen einer zeitgenössischen Kunst im Reich der Mitte getan hat, in welcher Vielfalt chinesische Künstler heute arbeiten und welche spannenden Kommentare sie in Reaktion auf die gesellschaftlichen Herausforderungen entwickeln.

Durch Raum und Zeit: He Chongyue

Peking, Anfang der 1980er Jahre: Deng Xiaoping ist seit wenigen Jahren an der Macht und hat seine Reform- und Öffnungspolitik gestartet. Künstler arbeiten sich an der westlichen Moderne ab, eine zeitgenössische chinesische Kunst entsteht langsam – und He Chongyue beginnt autodidaktisch fotografisch zu arbeiten. Eine absolute Seltenheit damals, denn Fotoapparate waren kaum erhältlich und noch viel weniger erschwinglich.

Als jemand, der in der Mao-Zeit aufgewachsen ist und auch die Jahre der Kulturrevolution erlebt hat, hat He Chongyue ein besonderes historisches Bewusstsein entwickelt – und schließlich in genau diesen Themen, die sich stets um die politische Vergangenheit und Gegenwart Chinas drehen, seine Stimme als Künstler gefunden.

He Chongyue, Image—The Red Era Background 03, 2005, black-and-white photograph,  150x375 cm. Courtesy of the artist.

He Chongyue, Image—The Red Era Background 03, 2005, black-and-white photograph, 150×375 cm / Foto: Courtesy of the artist

„I focus my lens on social reality“, beschreibt He Chongyue den Kern seiner Arbeiten. In seiner mehrteiligen Serie Image thematisiert er politisch wichtige Momente in der jüngeren chinesischen Geschichte: die Anfänge der kommunistischen Partei, die Errichtung des 1. chinesischen Sowjets im Jahr 1933, politische Parolen der Roten Armee, Entwicklungen der Mao-Zeit oder die Anfänge der ökonomischen Transformation ab 1978. Jedes einzelne Bild erzählt eine vielschichtige historische bzw. politische Geschichte.

Bestandsaufnahme ohne Wertung

Aktuelle gesellschaftliche Themen, die ihn nun schon seit längerem stark beschäftigen, sind:  Urbanisierung, Wanderarbeiter, demographische Entwicklungen, die Folgen der Ein-Kind-Politik, der daraus resultierende Gender Gap – alles behandelt in Form von Fotoserien, denn einzelne Bilder könnten der Komplexität der Realität nicht genügen.

He Chongyue, Image–1957 01 (Red Brick Canteen), 2006, black-and-white photograph, 150 x 375 cm. Courtesy of the artist.

He Chongyue, Image–1957 01 (Red Brick Canteen), 2006, black-and-white photograph, 150 x 375 cm / Foto: Courtesy of the artist

A Billion to One beispielsweise zeigt die immer noch zahlreich vorhandenen Plakatwände mit offiziellen Parolen zur Geburtenkontrolle. In The End dagegen widmet sich He Chongyue die Ausdünnung der ländlichen Regionen, in denen die Alten und Kleinkinder zurück bleiben.

He Chongyue zeigt einfach, was war und was ist. Er gibt keinen Kommentar dazu ab, keine Kategorisierung im Sinne von „gut“ oder „schlecht“. Denn wichtiger ist vielmehr, dass dies überhaupt gezeigt wird, dass die historischen Ereignisse der chinesischen Gesellschaft, dass die Bildgeschichte nicht nur von wenigen bestimmt wird. Dies ist schlicht auch eine Frage der Definitionsmacht: es gilt, der offiziellen Geschichtsschreibung eine persönliche Narration hinzuzufügen oder auch entgegen zu setzen.

Bilder als Spiegel

Es ist niemals bloß Zufall, ob Fotografien in schwarz/weiß oder in Farbe daher kommen. He Chongyues Bilder, bei denen Chinas Vergangenheit im Mittelpunkt steht, sind vorwiegend schwarz/weiß. Jene hingegen, die auf gegenwärtige Zeiten und Themen verweisen, sind farbig. Oftmals erinnern seine Arbeiten in Größe und Format vage an klassische chinesische Rollenbilder. Andere wiederum, wie beispielsweise die Serie The End nehmen Bezug auf die normierten Gruppen- und Familienbilder der Mao-Zeit.

He Chongyue, The End—An Ageing Population—The Family Planning Series No. 6, 2010,  photograph, 120 x 300 cm. Courtesy of the artist.

He Chongyue, The End—An Ageing Population—The Family Planning Series No. 6, 2010, photograph, 120 x 300 cm / Foto: Courtesy of the artist

Und wenn man seine Fotografien wirklich ganz genau betrachtet, erkennt man in vielen einen kleinen runden Spiegel, in dem der Künstler zu sehen ist. Dies fügt den vielschichtigen Arbeiten noch eine zusätzliche Ebene hinzu: man soll die Geschichte und die Menschen metaphorisch als Spiegel benutzen, um die Veränderungen der Zeit erkennen und verstehen zu können. Der Künstler selbst wird so zum Spiegel der Gesellschaft. 

 

Text: Alice Schmatzberger