Chengdu: Das Berlin Chinas?

Aus der ganzen Welt strömen junge Menschen nach Berlin. Mittlerweile zieht es immer mehr Ausländer aus den gleichen Gründen nach Chengdu.TAG-Club-Chengdu

Ein Club wie in Berlin oder Amsterdam: TAG in Chengdu / Foto: TAG

Müsste man Berlin mit einer chinesischen Stadt vergleichen, würden die meisten wohl Peking wählen. Eigentlich passt das auch wie die Faust aufs Auge. Die beiden Partnerstädte sind die kulturellen und politischen Zentren ihres Landes. Doch was Berlin heutzutage wirklich ausmacht, fehlt Peking leider: Denn Peking gilt nicht unbedingt als alternative Party-Hochburg.

Diese Rolle könnte in China jedoch Chengdu einnehmen. Die Hauptstadt Sichuans gilt als wichtigste Metropole im Westen der Volksrepublik. Die viertgrößte Stadt des Landes ist Heimat der Pandas, von über 14 Millionen Einwohnern und Chinas wohl größter LGBT-Community.

Chengdu gilt, wie Berlin in Deutschland, als weltoffen und tolerant. Die Menschen pflegen einen relaxten Lebensstil. Und mittlerweile tummeln sich viele Ausländer hier. Die gibt es in Peking oder Shanghai zwar auch, aber dort sind es einfach mehr karrieregeile Expats – zumindest gefühlt. In Sichuans Hauptstadt gibt es mehr Hipster, Studenten und allerlei verlorene Seelen. Sie folgen dem Ruf Chengdus als authentische chinesische Stadt mit alternativem Nachtleben. Dazu kann man hier noch gut und billig essen gehen. Hier muss kein Expat mit seinen Spesen angeben. Alles easy also. Klingt ganz nach Berlin, oder?

Paradies für Alternative und Homosexuelle

Ich bin vor zwei Monaten von Berlin nach Chengdu gezogen. Die Partyszene hat mich überrascht. Ich war sofort verzaubert. Das Nachtleben liefert zwar nicht unbedingt Sodom und Gomorrha wie im Berliner Berghain. Trotzdem ist es spannender als in weiten Teilen Chinas. Denn für chinesische Verhältnisse ist Chengdu das Mekka der alternativen Musikszene. Oft geht es locker zu und unprätentiös. Und es ist ein Paradies für Homosexuelle und Transgender, die sich in den vielen Gay Bars und Clubs näher kommen.

Alternative Partys prägen die Nächte in Sichuans Hauptstadt. Natürlich kann man die Wochenenden auch hier in schicken Clubs verbringen. Mit Musik von Rihanna und David Guetta, wo sexy Models die Rolle des DJs nur spielen, während irgendwo im Hintergrund ein Chinese heimlich am Sound schraubt, und es Konfetti von der Decke regnet. Doch das kennt man ja aus jeder anderen chinesischen Großstadt. Da gibt es hier wesentlich Spannenderes.

Auf Lachgas im Hochhaus

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Der Club Here We Go im Poly Center / Foto: Here We Go

Chengdus Jugendliche aus der oberen Mittelschicht werfen sich gern in Schale und sehen dann häufig aus wie Berliner Hipster. Ihr Treffpunkt sind ein paar unscheinbare Hochhäuser im Innenstadtbezirk Wuhou – das berüchtigte Poly Center. Hier geben sich Chengdus Nachtschwärmer bis ins Morgengrauen die Klinke in die Hand. Die Aufzüge stehen die ganze Nacht nie still. In den zweistelligen Etagen der Häuser haben sich direkt über den Mietwohnungen kleine Clubs und Bars eingenistet.

Darunter auch der kleine Club Here We Go, wohl das Pendant zum Berliner Farbfernseher. Hier feiern Ausländer und Chinesen gemeinsam zu alternativen Electro und Hip Hop Beats. Ein paar Meter weiter spielt der TAG Club ohrenbetäubenden Techno mit zum Teil internationalem Line-Up.

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Tanzen bis zum Umfallen im TAG Club / Foto: TAG

Alles meistens ohne Eintritt, dafür mit billigem Bier und jeder Menge Luftballons. Luftballons? Ja, Luftballons. Gefüllt mit Lachgas, inhalieren die Besucher den Inhalt der Ballons für einen kurzen, aber intensiven Rausch. Ein Ballon kostet umgerechnet 1,50 Euro. Verkauft werden sie häufig direkt am Tresen. Wie auch in Deutschland ist das Lachgas hier völlig legal, wenn auch nicht ungefährlich. Doch in Chengdu scheint das niemanden zu stören.

Die Lachgasballons wären eigentlich auch etwas für Berlin, wo auf den Toiletten bekanntlich mehr konsumiert als uriniert wird. Im Poly Center gibt es zudem jede Menge Marihuana. Chemische Drogen werden hier, anders als in Berliner Clubs, kaum verkauft. Doch auch die gibt es in Chengdu.

Underground Partys bis zur After Hour

Sieht aus wie Berlin in den 90ern, ist aber die beliebte Dojo Hausparty in Chengdu / Foto: Adrian Kummer

Zum Beispiel auf der monatlichen Hausparty im Dojo. Das Dojo wird von Ausländern betrieben. Es ist eigentlich nur ein altes Wohnhaus außerhalb der Innenstadt. Wer sich nicht über die Location informiert hat, wird sie nur schwer finden, so ab vom Schuss liegt sie. Doch wer den Taxifahrer ans Ziel navigieren kann, wird auf eine große Hausparty stoßen, wie man sie nur aus Hollywoodstreifen kennt.

Das Haus platzt oft aus allen Nähten. Wenn die Gäste im zweiten Stock in den engen Räumen tanzen, wackelt die Decke im Erdgeschoss. Die Wände sind beschmiert, der Boden ist dreckig. Auch hier läuft „alles außer Popmusik“, wie die Veranstalter versprechen. Und zwar über das Morgengrauen hinaus. Eine Party ganz wie in Berlin.

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Vor den Toren des Dojo Hauses / Foto: Adrian Kummer

Auch im Dojo gibt es Lachgas und Gras im Überfluss. An härtere Drogen kommt man ebenfalls, aber die meisten Gäste beschränken sich auf Alkohol, Ballons und den ein oder anderen Joint.

Im Vorgarten reden sich die Gäste die Münder fusselig. Drinnen erholen sich die Leute auf Ecksofas vom Tanzen und von ihrem Rausch. Hin und wieder stolpert man über Komaleichen, die zu viel Kleber geschnüffelt haben. Das ist nicht unbedingt schön im klassischen Sinne, aber irgendwie schockierend interessant, hat den bekannten Charme des Verruchten. Gleiches gilt ja auch für weite Teile Berlins.

Dit is Chengdu

Als überzeugter Berliner finde ich es interessant, dass sich auch im Rest der Welt die Berliner Nachtkultur breit zu machen scheint.

Der Vorteil von Chengdu gegenüber Deutschlands Hauptstadt: Kaum Touristen, keine langen Warteschlangen, keine harte Türpolitik. Ein Freund aus Chengdu, der zuvor in Berlin lebte, sagte mir vor einem halben Jahr noch: „Wenn du Berlin gut findest, wirst du Chengdu lieben.“ Er sollte Recht behalten.

 

Text: Adrian Kummer